Gefangene Stimmen. `Fremde Völker´ in historischen Tonaufnahmen am Beispiel der deutsch-österreichischen Kriegsgefangenprojekte, 1915-1918
Captured Voices `Foreign Peoples in Sound Recordings´ - the Case of German and Austrian Research Projects in POW Camps, 1915 - 1918
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (20%); Philosophie, Ethik, Religion (75%); Sprach- und Literaturwissenschaften (5%)
Keywords
-
Sound recordings,
Anthropology,
Musicology,
Archives,
Institutional History,
History of Science
Während des Ersten Weltkriegs führten deutsche und österreichische Anthropologen, Linguisten und Musikwissenschaftler zwischen 1915 und 1918 umfangreiche Forschungen an Kriegsgefangenen durch. Sie befragten und vermaßen sie ihre "Feinde" aus Belgien, Frankreich, England, Russland und aus deren abhängigen Ländern auf dem Balkan, in Asien, Afrika und Ozeanien. Die involvierten Forscher setzten dabei extensiv visuelle Medien ein: Zeichnungen, Fotografien und Filmen. Darüber hinaus erstellten sie große Sammlungen von Tonaufnahmen auf Wachswalzen und -platten, die sowohl die Musik und Gesänge als auch die Sprachen möglichst vieler "fremder Völker" exemplarisch festhalten sollten. Ausgehend von den historischen Studien möchte ich mich in meinem Forschungsprojekt auf diese bisher weitgehend unbearbeiteten Audio-Quellen konzentrieren. Über die Ergebnisse von aktuellen auf die visuelle Kultur konzentrierten Studien hinausgehend, befasst sich mein Projekt mit den Verflechtungen von Wissenschaft und visuellen Materialien mit Tondokumenten sowie deren Bedeutung in Gegenwart und Zukunft. Obwohl die - bis heute vollständig in Berliner und Wiener Archiven erhaltenen - Tonaufnahmen sich an bestehenden ethnischen und "rassischen" Zuordnungen orientierten, wurden die historischen Projekte nicht von einer bestimmten akademischen Disziplin getragen. Ethnografie und Kulturanthropologie konnten sich erst in der Zwischenkriegszeit als universitäre Fächer etablieren. Es soll daher untersucht werden, wie sich die zwischen 1915 und 1918 in den Gefangenenlagern der Mittelmächte wie bei einer Feldforschung erstellten Aufnahmen "fremder Völker" in die Geschichte der ethnografischen Tonaufnahme einordnen lassen. Herauszuarbeiten ist, inwiefern die Lagerstudien durch existente (außer-)akademische ethnografische Positionen bestimmt waren und inwieweit sie wiederum die akademische Ethnografie und Musikwissenschaft beeinflussten. Das innovative Potential meiner Arbeit liegt in ihrer Kombination einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive und ethnografischer Fragestellungen mit der Bedeutung der Tonaufnahmen. Das vorgeschlagene Projekt würde - von einem externen Standpunkt aus - zur Institutionsgeschichte der Wiener Akademie der Wissenschaften insofern beitragen, als diese die Lagerstudien maßgeblich unterstützte. Besonders wichtig für die angestrebte Arbeit ist die Untersuchung des methodischen Kontextes der Tonaufnahmen: der Aufnahmeapparate und der technischen Verfahren von Aufzeichnung und Wiedergabe, die im Namen der wissenschaftlichen "Objektivität" standardisiert wurden. Anhand der Analyse von konkreten Tondokumenten wird die Frage aufgeworfen, welcher Umgang damit heute - im Zeitalter der Veröffentlichungen im Internet - angemessen ist und welche Rolle nunmehr den Tonarchiven zukommt. Fragen nach diesbezüglich relevanten Kategorien wie "Erbe", "Besitzrecht" und "Reproduktion" verbinden sich dabei mit dem Ansatz, externe intellektuelle Positionen zuzuziehen. So wird das beantragte Projekt zu konkreten wissenschaftlichen Kooperation in Bezug auf die Wissenschaftsgeschichte der Stimmen "fremder Völker" beitragen.
- Andre Gingrich, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in