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Selbermachen im Konsumzeitalter, 1890er bis 1980er Jahre

Making Things Oneself in an Age of Consumption, 1890s-1980s

Reinhild Kreis (ORCID: 0000-0003-2674-0958)
  • Grant-DOI 10.55776/M1750
  • Förderprogramm Lise Meitner
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.02.2015
  • Projektende 31.01.2016
  • Bewilligungssumme 78.690 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (35%); Soziologie (65%)

Keywords

    Consumption, Handmade/Homemade, Production, Leisure, Home Improvement, Food Preperation

Abstract Endbericht

Ein Produkt als selbstgemacht zu erkennen, weckt unterschiedliche Assoziationen. Je nach Kontext gilt Selbstgemachtes als schön oder hässlich, gesund oder ungesund, modern oder altmodisch etc. und wird von industriell gefertigten Dingen abgegrenzt. Die Bewertung hängt dabei auch davon ab, wer unter wel- chen Bedingungen und aus welchen Motiven heraus etwas selber macht oder nicht. So wird etwa Studie- renden eine Ernährung auf der Basis von Fertigpizza eher nachgesehen als einer Mutter von kleinen Kin- dern. Das Projekt untersucht Konsumentscheidungen und Praktiken dieser Art als Präferenzen im Umgang mit Zeit, Geld und materiellen Ressourcen. Warum entscheiden sich Menschen dafür, etwas selberzumachen statt zu kaufen? Formen des Gütererwerbs und des Umgangs mit Dingen geben Auskunft über Wertehal- tungen sowie soziale Ordnungsvorstellungen und die damit verbundenen Rollenerwartungen an Individuen und gesellschaftliche Gruppen. Die Industrialisierung erschütterte bisherige Vorstellungen und Praktiken von Produktion und Konsumption sowie traditionelle Zeitregimes. Mit dem rasch wachsenden Warenange- bot sowie der Trennung von Erwerbsarbeit und Freizeit entstanden alternative Wege des Gütererwerbs im breiten Spektrum zwischen Selbermachen und dem Kauf eines Fertigprodukts. Vertreter aus Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur mussten ebenso wie der Einzelne in seinem sozialen Umfeld die Bedeu- tung von Fertigkeiten, Rollenbildern, sozialen Beziehungsmustern sowie überkommener Wissensbestände neu aushandeln, definieren und legitimieren. Ziel des Projekts ist es, über die analytische Unterscheidung zwischen Selbermachen und Nicht- Selbermachen die Entstehung und Entwicklung der Konsumgesellschaft in Deutschland mit ihren sozialen und kulturellen Implikationen zu analysieren. Untersuchungszeitraum ist die Hochmoderne, in der sich rapi- de wandelnde politische, ökonomische, soziale und kulturelle Rahmenbedingungen immer wieder Neuaus- handlungen an der Schnittstelle von Konsum, Arbeit und Freizeit nötig machten. Die analytische Unter- scheidung zwischen dem Selbermachen und dem Nicht-Selbermachen liegt quer zur bisherigen Konsum- forschung und ermöglicht die systematische Untersuchung sich verändernder Sozialbeziehungen, Wis- sensbestände und Praktiken im Konsumzeitalter. Das Projekt konzentriert sich auf zwei Untersuchungsfelder: Heimwerken und Nahrungsmittelzubereitung. Im Mittelpunkt stehen Diskurse und Praktiken in Umbruchszeiten und Zeiten intensivierter Debatten. Neben sozial- und kulturgeschichtlichen Ansätzen zieht das Projekt auch Theorien aus den Sozialwissenschaften, der Ethnologie sowie der Körpergeschichte heran, um Konsum, (Lohn)Arbeit und Freizeit anhand der bei- den Untersuchungsfelder miteinander in Beziehung zu setzen.

Warum entscheiden sich Menschen dafür, etwas selberzumachen, statt die entsprechenden Produkte, oder Dienstleistungen zu kaufen? Anhand der Fallbeispiele Heimwerken und Essenszubereitung untersucht das Habilitationsprojekt Praktiken und Diskurse des Selbermachens in Deutschland von den 1890er bis zu den 1980er Jahren. Die Studie beleuchtet damit eine Blindstelle moderner Industrie-und Konsumgesellschaften: An der Schnittstelle von Produktion und Konsum, Arbeit und Freizeit angesiedelt, stehen Praktiken des Selbermachens quer zu solchen Eindeutigkeit suggerierenden Dichotomien. Diese Untersuchung vertritt die These, dass Praktiken des Selbermachens sowie die damit verbundenen Diskurse als wirkmächtige Regulative moderner Industrie-und Konsumgesellschaften fungieren. Selbermachen setzt beim Individuum und seiner unmittelbaren Umgebung an. Nur der Einzelne oder kleine Gruppen können etwas selbermachen ein Hochhaus kann nicht selbst gebaut werden. Selbermachen bietet sich daher sowohl für den Einzelnen als auch für gesellschaftliche Gruppierungen als Regulierungsmechanismus auf einer niederschwelligen, lebensunmittelbaren Ebene an. Eng gekoppelt an Wissensbestände und Fertigkeiten, Rollenbilder und Wertvorstellungen dienten Praktiken des Selbermachens dazu, Veränderungen im Konsum-, Freizeit-und Sozialverhalten auf individueller und gesellschaftlicher Ebene herbeizuführen, zu modifizieren oder zu verhindern, kurz: die tiefgreifenden Umbrüche in den Lebenswelten des späten 19. und 20. Jahrhunderts auszutarieren und zu gestalten. Die Studie entwirft ein Gegenmodell zum konventionellen Narrativ eines einfachen und linearen Verdrängungsprozess, in dem marktbasierte Transaktionen das Selbermachen seit dem späten 19. Jahrhundert nach und nach ersetzten. In wechselnden Konjunkturen existierten Praktiken des Selbermachens nacheinander, parallel oder gegenläufig zu anderen Formen des Gütererwerbs und dienten der permanenten Neuaushandlung von Lebensstilen, Werten und Vorstellungen über gesellschaftliche Ordnungen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 3 Publikationen
Publikationen
  • 2015
    Titel Why not Buy? Making Things Oneself in an Age of Consumption.
    Typ Journal Article
    Autor Kreis R
    Journal Bulletin of the German Historical Institute, Washington DC
  • 2015
    Titel Mechanisierung als pädagogisches Argument. Schule, Arbeit und Konsum um 1900.
    Typ Journal Article
    Autor Kreis R
    Journal Jahrbuch für historische Bildungsforschung
  • 0
    Titel Do it yourself mit Pioniergeist. Selbermachen in deutsch-amerikanischer Perspektive.
    Typ Other
    Autor Kreis R

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