Früher Kinderwunsch und spätere Partnerschaftsgründungen
Early Fertility Desires: Hidden Drivers of Union Formation?
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Fertility Desires,
Union Formation,
Men And Women,
Inequality,
Life Course,
NLSY79
Viele Studien haben zwar untersucht, ob und wie der Wunsch nach Kindern Geburtenverhalten von Individuen beeinflusst, aber wir wissen bisher nur wenig darüber, ob der frühe Wunsch nach Kindern auch einen Einfluss auf spätere Partnerschaftsgründungen hat. Die Gründung von Partnerschaften ist jedoch eine wichtige Voraussetzung für Geburten. Auch heute, im Zeitalter von immer selteneren und späteren Eheschließungen, werden die meisten Kinder dennoch im Kontext einer bestehenden Partnerschaft (Kohabitation oder Ehe) geboren. Die wissenschaftliche Literatur hat argumentiert, dass sowohl Partnerschaftsgründungen als auch die Geburt des ersten Kindes von den gleichen Präferenzen gesteuert werden und sich stärker gegenseitig beeinflussen als oft wissenschaftlich angenommen. Es existieren allerdings bisher nur wenige direkte Untersuchungen dazu. Wir nutzen Daten aus den USA (NLSY79), in denen Individuen über den Zeitraum ihrer frühen Jugend bis zum ca. 50 Lebensjahr beobachtet wurden, um diesen Fragestellungen in drei Schritten nachzugehen. Zuerst werden wir untersuchen, wie der frühe Wunsch nach Kindern beeinflusst ob und wann im Lebensverlauf die erste Kohabitation/Ehe stattfindet. Wir werden diese Frage sowohl für Männer als auch für Frauen beantworten, und auch erforschen ob der Effekt vom frühen Kinderwusch auf Partnerschaftsgründungen vom Bildungsstand oder sozialer Herkunft abhängt. Des Weiteren werden wir untersuchen, inwieweit ein Zusammenspiel von frühem Kinderwunsch und Wünschen hingehend anderer Lebensbereiche (Partnerschaften, Ausbildung, Karriere) besteht, und wie diese Wünsche im Gesamtpacket spätere Familiengründungen beeinflussen. Im zweiten Schritt werden wir daher herausfinden, ob es spezifische Gruppenprofile dahingehend wie sich diese frühen Lebenswünsche- und Erwartungen in abgrenzbare Gruppen kombinieren, gibt. Im dritten Schritt werden wir dann untersuchen, ob diese spezifischen Gruppenprofile a) spätere Partnerschaftsgründungen beeinflussen, und b) ob die Präferenzgruppen tatsächlich gleichzeitig und gemeinsam sowohl Partnerschaftsgründungen als auch den Übergang zur Elternschaft bestimmen. Wir werden eine Bandbreite an statistischen Methoden nutzen. Dieses reichen von herkömmlichen Methoden zur Analyse von Längsschnittdaten bis hin zu innovativen und neu entwickelten Strukturgleichungsmodellen für die gemeinsame Schätzung von zwei Ereignissen. Wir erwarten, dass frühe Präferenzen in Bezug auf Kinder einen Einfluss auf das Ob und Wann von späteren Partnerschaftsgründungen haben. Wir vermuten auch, dass dieser Zusammenhang zwischen Männern und Frauen und in Bezug auf soziale Herkunft und Bildung variiert. Dieses Projekt wird einen maßgeblichen Beitrag zur Weiterentwicklung unseres Wissens darüber, wie frühe individuelle Präferenzstrukturen den Familiengründungsprozess beeinflussen, liefern.
Dieses Projekt hat neue Erkenntnisse zu Familiengründungsmustern in den USA im 20. Jahrhundert, und den Faktoren, die sie beeinflussen, erbracht. Drei Ergebnisse sind besonders interessant: Erstens zeigen unsere Analysen, dass die gewünschte Anzahl von Kindern, gemessen in der Jugend im Alter von 14-18 Jahren, spätere Familiengründungsverläufe hervorsagen kann, zumindest in der US Geburtskohorte 1960-64, basierend auf Daten des National Longitudinal Study of Health (NLSY79). Während bekannt war, dass die gewünschte Kinderzahl eine Rolle dafür spielt, ob, wann und wie viele Kinder jemand im Lebensverlauf bekommt, zeigen wir, dass sie auch Implikationen für die spätere Partnerschaftsgründung hat. So haben Männer und Frauen, die sich drei oder mehr Kinder wünschten, später geheiratet als solche, die sich zwei oder weniger Kinder gewünscht hatten. Im Alter von 40 Jahren hatten Männer diese Verzögerung in der Partnerschaftsgründung wieder aufgeholt, sie waren genauso häufig verheiratet wie Männer, die sich weniger Kinder gewünscht hatten. Frauen mit Universitätsabschluss und dem Wunsch nach drei oder mehr Kindern hatten jedoch auch noch im Alter von 40 eine ca. 10% geringere Wahrscheinlichkeit verheiratet zu sein, als hochgebildete Frauen, die sich weniger Kinder gewünscht hatten. Zweitens blieben eben diese Frauen mit tertiärem Bildungsabschluss, die sich in der Jugend drei oder mehr Kinder gewünscht hatten, im Alter von 43 signifikant häufiger kinderlos als Frauen mit demselben Kinderwunsch, die weniger Bildung erzielt hatten. Dieser Unterschied in der Kinderlosigkeit war allerdings nicht auf die spätere Eheschließung in dieser Gruppe zurückzuführen. Circa die Hälfte aller Frauen mit tertiärem Bildungsabschluss hatten sich in dieser Kohorte in der Jugend drei oder mehr Kinder gewünscht, es handelt sich also um eine durchaus große Gruppe an Frauen und ein wichtiges Phänomen. Zukünftige Forschung sollte die Gründe für die verminderten Partnerschafts- und Mutterschaftschancen dieser Gruppe an hochgebildeten Frauen mit ursprünglich hohem Kinderwunsch eruieren. Drittens haben wir den Zusammenhang zwischen dem Alter bei der ersten Geburt und der finalen durchschnittlichen Kinderzahl tertiär gebildeten US-Amerikanerinnen im Laufe des 20. Jahrhunderts aus einer Kohortenperspektive mit Daten aus dem Current Population Survey untersucht. Frauen mit Master- oder höherem Abschluss hatten durchweg weniger Kinder und waren bei der ersten Geburt älter als Frauen mit Bachelor Abschluss. Der Trend zum Aufschub der ersten Geburt begann in beiden Gruppen mit den 1940er Geburtskohrten und hat sich weiter fortgesetzt. Wie das Alter bei erster Geburt und die Kinderzahl im Alter von 44 zusammenhängen, hat sich über die Kohorten allerdings deutlich verändert. Tertiär gebildete Frauen geboren zwischen 1950 und 1964 hatte die höchste Kinderlosigkeit im Kohrtenvergleich. Dies unterstreicht, dass unsere Ergebnisse zum Zusammenhang von Kinderwunsch und Familiengründung der Geburtskohorte 1960-64 vor dem Hintergrund der spezifischen Umstände in Bildungssystem, Arbeitsmarkt und Familie, mit denen diese Kohorte konfrontiert war, interpretiert werden sollten.
- Sarah Hayford, Ohio State University - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 60 Zitationen
- 6 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2020
Titel Couples’ educational pairings, selection into parenthood, and second birth progressions DOI 10.4054/mpidr-wp-2020-029 Typ Journal Article Autor Nitsche N Link Publikation -
2020
Titel In my brother’s footstep or shadow? Siblings’ compositional characteristics and gender differences in STEM major DOI 10.4054/mpidr-wp-2020-031 Typ Journal Article Autor Gabay-Egozi L Link Publikation -
2020
Titel Preferences, Partners, and Parenthood: Linking Early Fertility Desires, Marriage Timing, and Achieved Fertility DOI 10.1007/s13524-020-00927-y Typ Journal Article Autor Nitsche N Journal Demography Seiten 1975-2001 Link Publikation -
2020
Titel Late, But Not Too Late? Postponement of First Birth Among Highly Educated US Women DOI 10.1007/s10680-020-09571-z Typ Journal Article Autor Nitsche N Journal European Journal of Population Seiten 371-403 Link Publikation -
2021
Titel In Their Footsteps or Shadow? Gender Differences in Choosing a STEM Major as a Function of Sibling Configuration and Older Sibling’s Gender and Math Ability DOI 10.1007/s11199-021-01255-0 Typ Journal Article Autor Gabay-Egozi L Journal Sex Roles Seiten 106-126 Link Publikation -
2021
Titel Preferences, Partners, and Parenthood: Linking Early Fertility Desires, Union Formation Timing, and Achieved Fertility DOI 10.1553/0x003ccd34 Typ Journal Article Autor Nitsche N Journal Institut für Demographie - VID Seiten 1-37 Link Publikation
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2019
Titel LFS Seminar Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2018
Titel Head Hunted by MPIDR Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body Bekanntheitsgrad Continental/International -
2018
Titel Cpos Advisory Board Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International