Kollektiv Individuell. Der Chor im Drama des 20. Jh.
Collectively Individual. On the Chorus in 20th Cent. Drama
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Drama,
Austrian Literature,
Chrous,
German Literature,
Contemporary Literature,
Theatre
Im Dezember 2015 sang der Opernchor des Staatstheaters Mainz mit Beethovens Ode an die Freude, der offiziellen Hymne der Europäischen Union, eine vor den Türen des Theaters stattfindende Pegida-Demonstration in den Hintergrund. Bei diesem Ereignis trafen zwei Formen chorischer Artikulation aufeinander, nämlich das elaborierte Singen gut ausgebildeter Stimmen auf der einen, und kollektives Skandieren auf der anderen Seite. Die Frage, inwieweit die einzelne Stimme in jedem dieser Fälle zählt, ist genau die Frage des hier vorgestellten Projektes. Die Frage, wie viel die einzelne Stimme innerhalb der gemeinsam artikulierten zählt, ist eine Grundfrage der Demokratie. Schon Aristoteles hat die demokratisch verfasste Gemeinschaft mit einem Chor verglichen. So ist die ästhetische Frage nach dem Chor zugleich die politische Frage nach der Gemeinschaft. Diese Frage steht im Zentrum des hier vorgestellten Forschungsprojektes. Sie kann auf verschiedene Weisen gestellt werden: Mit welcher Art von Chor hat man es zu tun, der auf den Straßen demonstriert? Was für ein Chor ist es, wenn Fans im Fußballstadion singen? Welche Art von Chor zeigt sich, wenn zehn Menschen sich im Gleichschritt bewegen? Konstituiert sich ein Chor schon allein durch unisono-Sprechen? Was ändert sich, wenn unisono-Sprechen übergeht in polyphones Sprechen, wenn rhythmische Monotonie sich auflöst in eine Vielfalt rhythmischer Möglichkeiten? Welche Funktionen erfüllen diese Chöre auf der Bühne und im Drama? Sprechen sie eine ganze Bandbreite von Gefühlen der Zuschauer an? Oder regen sie, wie Brecht von ihnen erwartete, zum Nachdenken und Reflektieren an? Welche Chöre dienten zum Beispiel Brecht als Vorbild für seinen Umgang mit dem Chor? Während von theaterwissenschaftlicher Seite schon viel zum Thema beigetragen wurde, betritt man innerhalb der Literaturwissenschaft mit der Erforschung des Chores im modernen Drama Neuland. Dabei ist die Erforschung dieses Neulands gerade auch für die theaterwissenschaftliche Einschätzung des Chores von Bedeutung. Die genaue Untersuchung von Chören im Drama wird die bisherige Forschung zum Chor in der Moderne um einen wichtigen Baustein ergänzen. Dazu werden Dramentexte des 20. und 21. Jahrhunderts gründlich erforscht. Nur so können die Chöre auf der zeitgenössischen Bühne und im öffentlichen Raum angemessen verstanden werden. Auf diese Weise trägt das hier vorgestellte Projekt zu einer historisch kritischen Sichtweise auf das zeitgenössische Theater bei. Methodisch geht das Projekt vor allem hermeneutisch vor. Interpretationen von Dramentexten werden zu Ergebnissen aus der Theaterwissenschaft in ein Verhältnis gesetzt. Der Chor zeigt sich dabei als eine in hohem Maße politisch konnotierte Angelegenheit sowohl im Text als auch auf der Bühne. Die vorgestellte Studie hat als Kern eine gleichermaßen ästhetische wie politische Fragestellung, nämlich die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Kollektiv, die Frage nach dem Einzelnen und der Masse und damit die sowohl politische als auch ästhetische Frage, wie viele verschiedene Menschen fähig sein können, einen ,common sense zu bilden oder wie es ist, eine Gemeinschaft, welcher Art auch immer, zu sein.
Wenn man gerade jetzt, mitten in der durch die "Corona"-Krise hervorgerufenen Isolation manchmal "Fenster-Konzerte" oder Chorproben als Video-Konferenzen erlebt, erfährt man chorische Gemeinschaft, sagen wir lieber, eine Gesellschaft als Chor, besonders deutlich: Viele verschiedene Individuen erfahren, in der Isolation, über große Distanzen hinweg, dass sie - dass wir eine globale Gemeinschaft bilden. Der Chor, so sieht man, ist ein politisches Gebilde, im Text wie auf der Bühne. Die Forschungsfrage der hier vorgestellten ästhetischen Studie ist denn auch eine, die sich immer zwischen Ästhetik und Politik bewegt: Wie gehören der Einzelne und die Gemeinschaft, wie gehören das Individuum und das Kollektiv zusammen, und wie kann es gelingen, dass viele Einzelne eine Gemeinschaft bilden, ohne dass der Einzelne als Einzelner in der Gemeinschaft als eines Kollekitvs untergeht? Diese Frage hat Autoren und Regisseure gleichermaßen umgetrieben, wenn sie mit dem Chor im Text beziehungsweise auf der Bühne umgegangen sind. Und hier, im Dramentext beziehungsweise auf der Bühne treten die vielen verschiedenen Konzeptionen von "Chor" auch zutage. Schon als die Athenische Erfindung, die der Chor ist, ist die Aushandlung des Verhältnisses von Indivduum und Gemeinschaft eine der Demokratie selbst eingeschriebene Frage. Es ist für demokratische Prozesse immer wieder eine Aufgabe herauszufinden, wie viel die einzelne Stimme innerhalb der gemeinsam artikulierten Stimme zählt. Dieses Verhältnis ist nie in Stein gemeißelt, sondern muss beständig ausgehandelt werden. Die hier vorgestellte Studie zeigt die Funktion, die Chöre im Drama einnehmen. Diese sind historisch zu verstehen und als solche verschieden, aber von der Antike an sieht man, dass der Chor als ein Modell für Gesellschaftlichkeit dient. Schon für Aristoteles ist der Chor ein Modell für den Staat, der Chor wurde aber auch für totalitäre, gleichschaltende Zwecke missbraucht und heute können wir darüber nachdenken, inwiefern der Chor als ein Modell für, mit Karl R. Popper gesagt, die offene Gesellschaft, dienen kann. Betrachtet man den Chor im Drama über das 20. Jahrhundert hinweg, wie es diese Studie tut, so kann man eine Linie ziehen, die von Wagner und Nietzsche über Brecht zu Bernhard, Jelinek und Handke führt. Und als ein roter Faden bei all dieser Auseinandersetzung mit dem Chor im Drama lässt sich - überraschender Weise - Beethovon als beständiger Bezugspunkt ausmachen. So erklingt, nicht nur bei Corona-Fenster-Konzerten, sondern auch bei Demonstrationen und öffentlichen Kundgebungen zum Beispiel immer wieder die Europa-Hymne. Im Chor zeigt sich das Gesicht einer Gemeinschaft: mit der Erforschung des Chorischen zu verschiedenen Zeiten unter verschiedenen politischen Bedingungen kommt man der Gesellschaft, die jeweils politisch handelt, näher.
- Universität Salzburg - 100%
- Bernhard Zimmermann, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg - Deutschland
- Rüdiger Görner, University of London - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 8 Publikationen
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2020
Titel Zwischen Apoll und Dionysos. Chöre im 20. Jahrhundert (in preparation) Typ Book Autor Bocksberger Sb editors Egel AE -
2020
Titel ,Pulse of Europe' - Flash Mob - Symphony. Schiller's Ode to Joy and Beethoven's Ninth Symphony as Soundtrack at Public ,Stagings' of Europe Typ Journal Article Autor Egel Ae Journal Forum Modernes Theater Seiten 118-125 -
2020
Titel Unheimlicher Harlekin. Das Dionysische in ,Ariadne auf Naxos Typ Journal Article Autor Egel Ae Journal Tanz und Archiv Seiten 56-63 -
2020
Titel Politik im Lied. Chorisches Sprechen und politisches Handeln Typ Journal Article Autor Egel Ae Journal IYH -
2020
Titel Masse und Ohnmacht. Wie Viele und der Einzelne sich den Platz im Drama teilen; In: Zwischen Apoll und Dionysos. Chöre im 20. Jahrhundert (in preparation) Typ Book Chapter Autor Egel Ae -
2020
Titel Kollektiv - Individuell. Der Chor im Drama des 20. Jahrhunderts (in preparation) Typ Book Autor Egel Ae -
2019
Titel "chor oh". Bernhard und Jelinek - Sprechen im Chor?; In: Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard. Intertextualität - Korrelationen - Korrespondenzen Typ Book Chapter Autor Egel Ae Seiten 131-146 -
2018
Titel "Das Paradies trägt jeder in sich selbst". Ein Interview mit Antonia Egel Typ Other Autor Egel Ae