Nahwelten: Poetiken und Praktiken der Nachbarschaft
Poetics of the Neighbour: Narrative, Ethics, and Vicinity
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Philosophie, Ethik, Religion (10%); Rechtswissenschaften (5%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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Contemporary Literature,
Ethics,
Political Theory,
Neighbour-love,
Cultural Studies,
Aesthetics
In Zeiten einer stets gläserner werdenden globalen Gesellschaft, in der einerseits soziale und geographi- sche Grenzen in zunehmendem Maße verschwinden während gleichzeitig überall in Europa Grenz- zäune errichtet werden , erweist sich die Frage nach der facettenreichen Gestalt des Nachbarn sowie die Beschäftigung mit kulturellen, sozialen und politischen Vorstellungen von Gemeinschaft und Nächs- tenliebe als aktueller und gesellschaftspolitisch relevanter denn je. Vor diesem Hintergrund präsentiert sich mein Buchprojekt mit dem Arbeitstitel Nahwelten: Poetiken und Praktiken der Nachbarschaft in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur als die künftig umfassendste literaturwissenschaftliche Studie zu Poetiken und Praktiken nachbarschaftlichen Begegnens in ausgewählten Texten zeitgenössi- scher deutschsprachiger bzw. österreichischer Literatur. Untersucht wird eine Vielzahl von literarischen Entwürfen, die allesamt danach fragen, was Nachbarschaft und Nächstenliebe wie sie das enigmati- sche christliche Gebot aus den beiden Testamenten lehrt sowohl für das einzelne Individuum als auch für unterschiedliche Formen von Gemeinschaft bedeuten. Ausgehend von einer fächerübergreifenden Methodik, wird fachspezifisches Wissen aus den Bereichen der Psychoanalyse (Anzieu, Freud, Žižek), der Psychotraumatologie (Caruth, Scarry) sowie aus den Rechtswissenschaften (Rössler) für die Analy- se von Gegenwartsliteratur fruchtbar gemacht. Diskutiert werden ausgewählte Romane deutschsprachi- ger Autorinnen und Autoren wie Marlene Streeruwitz, Herta Müller, Terézia Mora, Sabine Gruber, Pe- ter Handke und Valerie Fritsch, die in jeweils höchst unterschiedlicher Form die kulturelle Konstruiert- heit von Nachbarschaft zum Thema machen. Während beispielsweise in Streeruwitz Romanen (Die Schmerzmacherin. [2011], Entfernung. [2006], Morire in levitate. [2004]) das Recht auf Privatheit als grundlegendes Menschenrecht des Einzelnen entworfen wird, fragt Sabine Grubers Roman Über Nacht (2007) nach der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit den eigenen sowie den Schmerz unserer Nächsten zu lesen und damit zu begreifen. Auch in Herta Müllers Collagen wird der Zusammenhang von Sprache und Körperlichkeit ausgelotet, indem die Denkfigur der Nachbarschaft unter dem Signum einer literari- schen Dermografie einer Haut-Schrift zur Diskussion gestellt wird. Die Gesellschaftsapokalypsen von Handke und Fritsch wiederum umkreisen traumatisierte bzw. utopische Gemeinschaften, in denen die Nachbarn einander, angesichts des Weltendes, entweder aufopfernd am Leben zu erhalten suchen (Winters Garten, 2015) oder aber sich in eine schwer zu fassende Auswanderer-Gegend zurückziehen, die bis in die tiefsten Tiefen aus Salz besteht (Kali, 2007). Ziel der Studie ist es, anhand ausgewählter literaturwissenschaftlicher Fallstudien größtenteils zur der österreichischen Gegenwartsliteratur einen originellen und innovativen Beitrag zur öffentlichen Debatte über das schillernde und hochaktuel- le Phänomen der Nachbarschaft zu leisten.
Die Geschichten, die wir über unsere (bösen) Nachbarn und Nächsten erzählen und lesen, sind so alt wie die Menschheit selbst. Mit seiner transdisziplinären Ausrichtung sowie einem erklärten Interesse für sozialpolitische Kontexte, gehört diese literaturwissenschaftliche Arbeit in das Forschungsgebiet von Literatur und Ethik. Nachbarschaft wird als ethische Kategorie entworfen und zu diesem Zweck wurde mit den Schriften der dänischen Philosophen K.E. Løgstrup und Søren Kierkegaard, mit ausgewählten Texten von Theodor W. Adorno, Julia Kristeva und G. K. Chesterton sowie mit Werken von Michel Serres, Emmanuel Lévinas und Jean-Luc-Marion gearbeitet. Historisch-kulturelle Dynamiken von Zugehörigkeit sowie die jüdisch-christlich überformte Vorstellung der Nächstenliebe wurden anhand exemplarischer literarischer Fallbeispiele aus der nordeuropäischen Gegenwartsliteratur sowie der deutsch- und englischsprachigen, der französischen und georgischen Literatur diskutiert. Im Zentrum stand durchgehend das universale, in den Zeiten des Krieges und der Pandemie jedoch höchst aktuelle Phänomen der Nachbarschaft sowie die damit verbundenen Vorstellungen und Praktiken von Begegnung, Gemeinschaft und Zugehörigkeit über individuelle, soziale und kulturelle Grenzen hinweg. Dynamiken von Nachbarschaft und Zu(sammen)gehörigkeit sowie das alttestamentarisch überformte Wissen um den Nachbarn und Nächsten bildeten einen dynamischen Fluchtpunkt für die Lektüren. Ausgehend von der Vorstellung, dass Literatur nicht lediglich als gesondertes ästhetisches Phänomen betrachtet werden kann, sondern vielmehr als eingebunden in verschiedenartige transdisziplinäre Diskurse und Debatten begriffen werden muss, widmet sich meine Forschung unter dem Signum der 'Nachbarschaft' einer jener universellen Fragestellungen, die an die Grundfeste unserer Existenz rührt. Ziel war es, die literarischen Texte nicht nur darauf hin in den Blick zu nehmen, wie sie die Sinnkonfiguration der Nachbar- und Nächstenschaft bzw. der Zugehörigkeit ästhetisch gestalten, sondern auch, wie sie sich gegenüber anderen nicht-ästhetischen wissenschafts-, diskurs- und kulturgeschichtlichen Dispositiven der Gegenwart kritisch verhalten.
- Universität Wien - 100%
- Elisabeth Herrmann, University of Warwick - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 2 Zitationen
- 3 Publikationen
- 3 Disseminationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2022
Titel Über. Leben. Marlene Streeruwitz’ literarische Liebesethik DOI 10.1007/978-3-662-64772-1_15 Typ Book Chapter Autor Hron I Verlag Springer Nature Seiten 229-246 -
2021
Titel ‘Or Words to That Effect’: The Antimetaphysics of Slapstick DOI 10.1515/9783110571981-017 Typ Book Chapter Autor Hron I Verlag De Gruyter Seiten 269-292 -
2021
Titel Klaus Müller-Wille. Sezierte Bücher. Hans Christian Andersens Materialästhetik. Paderborn: Wilhelm Fink, 2017, 373 S. DOI 10.1111/oli.12285 Typ Journal Article Autor Hron I Journal Orbis Litterarum Seiten 99-100 Link Publikation
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2021
Titel Expert on literature and opera in cooperation with the Göteborg Opera Typ Engagement focused website, blog or social media channel -
2021
Link
Titel Erlesenes Erforschen (Panel Discussion on Reading) Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2021
Link
Titel Expert in cooperation with the Swedish Radio Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link
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2022
Titel Leseszenen Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International