Neumodellierung frühneuzeitlicher Gesellschaft
Reframing Early Modern Society
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (45%); Philosophie, Ethik, Religion (45%)
Keywords
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Early Modern History,
Habsburg Monarchy,
Austrian Jesuit Province,
Database building,
History of Communication Technologies,
History of Bureaucracy
Zur frühneuzeitlichen Habsburgermonarchie gehörten neben dem heutigen Österreich auch die Tschechische Republik, Slowenien und das einst riesige Königreich Ungarn (das heutige Ungarn, die Slowakei, Kroatien und Teile von Serbien, Rumänien und die Ukraine). Ein großes Stück ungarisches Land war seit der Schlacht von Mohcs (1526) vom Osmanischen Reich erobert und erst Ende des 17. Jahrhunderts zurückgewonnen. In der Monarchie lebten viele Nationen und verschiedene Konfessionen nebeneinander, nach unterschiedlichen Gesetzen in jeder Provinz und jedem Land. Der zusammengesetzte Staat war für die habsburgischen Herrscher und Zentralbehörde schwer zusammenzuhalten. Die frühe Neuzeit war auch ein Vorraum für die Entwicklung von Nationalstaaten; alle Monarchen versuchten, ihre Länder kulturell und religiös zu homogenisieren. Dementsprechend bestrebten die Habsburger, den Katholizismus zu fördern und die religiösen Praktiken der Protestanten zu hindern. Die Gesellschaft Jesu, die 1540 als ein geistlicher Orden anerkannt wurde, wurde ursprünglich zu Missionszwecken gegründet. Der Gründer St. Ignatius von Loyola erkannte jedoch bald die Möglichkeit einer Mission innerhalb Europas und die Wichtigkeit der Bildung. Jenseits der Alpen gründeten die ersten Jesuiten neben Jesuitenhäuser auch Schulen, und sie wurden als Prediger, Seelsorger, Theologen und Universitätsprofessoren bekannt. Die Jesuitenhäuser und Schulen innerhalb einer Region bildeten eine administrative Einheit, die sog. Ordensprovinzen. Die österreichische Jesuitenprovinz wurde 1563 gegründet. Davon wurden 1622 die Jesuitenhäuser Böhmens und Mährens getrennt, während der Rest der Habsburgermonarchie gehörte, zusammen mit dem Königreich Ungarn, bis zur päpstlichen Auflösung der Gesellschaft Jesu 1773 hierher. Jesuitenhäuser, Kirchen, Gymnasien, Akademien und Universitäten spielten eine wichtige Rolle beim Zusammenhalt der Habsburgermonarchie: Hunderttausende von Schülern studierten nach einem einheitlichen Lehrplan an ihren freien Schulen, die Jesuitenpriester erneuerten die katholische Religionspraxis in der gesamten Monarchie und konvertierten viele Protestanten. Den organisatorischen Rahmen ihrer Aktivitäten ergab die österreichische Jesuitenprovinz. Trotzdem hat die Geschichtsforschung die große gesellschaftliche Wirkung der Ordnung auf das ganze Habsburgerreich bisher nicht deutlich herausgearbeitet, weil die Forschung sich auf die einzelnen heutigen Nationalstaaten beschränkt hat. Dieses Projekt beabsichtigt, diesem anachronistischen, nationalhistoriographischen Bruch unseres Wissens entgegenzuwirken. Für diesen Zweck werde ich eine Datenbank über die Jesuitenhäuser der gesamten Provinz verfassen und online zur Verfügung zu stellen. Unser Wissen über die Provinz werde ich in einer Monographie zusammenfassen, die die Institutionsgeschichte des Ordens in der österreichischen Provinz und die wichtigsten Bereiche seiner gesellschaftlichen Engagements von den Anfängen bis 1773 vorstellt.
Die frühneuzeitliche Entwicklung der Habsburgermonarchie hatte bedeutende Auswirkungen auf die spätere gesellschaftliche Dynamik im mitteleuropäischen Raum. Die Entstehung von Konfessionen (Konfessionalisierung), die Rolle der römisch-katholischen Kirche, einschließlich der Jesuiten, ist einer der Schlüssel zum Verständnis sozialer, kultureller und religiöser Prozesse. Das Hauptziel des Projekts war es, einen pionierhaften Überblick über der österreichischen Jesuitenprovinz zu geben: einen Überblick über das institutionelle System, die Hauptbereiche der jesuitischen Tätigkeit in Form einer Online-Datenbank ("Die Niederlassungen der Österreichischen Jesuitenprovinz") und einer Analyse (Monographie). In der Vergangenheit wurden historische Darstellungen der Gesellschaft Jesu und ihrer Mitglieder meist im Rahmen des gegenwärtigen nationalstaatlichen oder regionalen Kontextes verfasst. All diese wurden überprüft, zusammengefasst und bilden somit eine Grundlage für weitere Forschungen. Das jesuitische Institutionsnetzwerk bildete den Rahmen für die Tätigkeitsbereiche des Ordens und passte sich diesem an. Die Mitglieder (Priester, Lehrer, Laienbrüder) lebten in Niederlassungen (Kollegien, Residenzen, Missionsstationen), denen Bildungseinrichtungen (Gymnasien, Akademien, Universitäten), Internate (Konvikte, Seminare) und kulturelle Einrichtungen (Druckereien, Bibliotheken) angeschlossen waren. Neben dem Bildungswesen wurde auch die umfassende seelsorgerliche und gesellschaftliche Rolle des Ordens eingehend untersucht: religiöse Kongregationen, Zentren für geistliche Übungen (Exerzitienhäuser) und Apotheken. Die Rolle der Predigt, der Katechismusunterricht und der Feste (Prozessionen, religiöse Theateraufführungen) in der Barockzeit darf nicht unterschätzt werden: In dieser von Kriegen und Epidemien geprägten Zeit waren die religiösen Orden die wichtigsten Verbreiter ziviler Gesellschaftsnormen. Das Projekt baute auch auf früheren Forschungsergebnissen auf und setzte die vertiefte Analyse der bereits bekannten zentralen Dokumente der Gesellschaft Jesu (Jahresberichte, Namenslisten, Normensammlungen, Korrespondenz) fort. Darüber hinaus wurden neue, bisher unbekannte handschriftliche Quellen entdeckt und teilweise zur Publikation vorbereitet. Die Ergebnisse des Projekts wurden auf wissenschaftlichen Konferenzen in Mitteleuropa und auf vom Institute for Advanced Jesuit Studies (Boston College, USA) organisierten Symposien vorgestellt. Die Teilergebnisse werden in veröffentlichten und in Kürze erscheinenden Studien dargestellt.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 6 Publikationen
- 1 Datasets & Models
- 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2024
Titel Az osztrk jezsuita rendtartomny 1773-ig - Az intézményrendszer dinamikja [The Austrian Jesuit Province until 1773 - The dynamics of the institutional system] Typ Journal Article Autor Kádár Journal VIGILIA -
2023
Titel Ambivalent Reception: Reflections on Jesuit Foundations by the Local Catholic Church in the Austrian Jesuit Province in the First Half of the Seventeenth Century DOI 10.51238/isjs.2022.11 Typ Journal Article Autor Kádár Z Journal The International Symposia on Jesuit Studies Seiten 1-13 Link Publikation -
2023
Titel A nagyszombati jezsuita gimnzium diksga. Anyakönyvi adattr (1616-1772). [The Students of the Jesuit Grammar School in Trnava. A database based on the register of students, 1616-1773] Typ Book Autor Fazekas István Verlag Jézus Társasága Magyarországi Rendtartományának Levéltára [Archives of the Hungarian Province of the Society of Jesus] Link Publikation -
2023
Titel A nagyszombati jezsuita kollégium, gimnzium és tanuli (1616-1773). [The Trnava Jesuit College, Grammar School and its Students, 1616-1773.]; In: A nagyszombati jezsuita gimnzium diksga. Anyakönyvi adattr (1616-1772). [The Students of the Jesuit Grammar School in Trnava. A database based on the register of students, 1616-1773] Typ Book Chapter Autor Kádár Zsófia Verlag Archives of the Hungarian Province of the Society of Jesus Link Publikation -
2023
Titel Vigilia Typ Journal Article Autor Kádár Zsófia Journal A jezsuita kutatások nemzetközi szimpóziuma: a jezsuiták és az egyház a történelemben. [International Symposium on Jesuit Studies: The Jesuits and the Church in History] Seiten 77-79 Link Publikation -
2023
Titel The Jesuits and the Church in History. (Proceedings of the Symposium held at Boston College, August 1-4, 2022) Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kádár Konferenz 2022 International Symposium in Jesuit Studies: The Jesuits and the Church in History Link Publikation
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2025
Titel International Conference "Conflict!" (Frankfurt/Main) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel International Symposium on Jesuit Studies (Boston, USA) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Lecture at the Bolzmann Institute (Innsbruck) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2023
Titel The opportunity to give an opening presentation at an international academic conference (Title: Erfolgreiche und erfolglose Teilungen der Österreichischen Jesuitenprovinz im 17. Jahrhundert) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2023
Titel Lecture at the Hungarian Historical Institute (Budapest) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2023
Titel Jubilee Conference (Budapest) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country)