Fremd in Österreich. Biographien und Familiengeschichten von Arbeitsmigranten und -migrantinnen
Strangers in Austria. Biographies of working migrants
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
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ARBEITSMIGRANTEN,
FAMILIENFORSCHUNG,
BIOGRAPHIEN,
EINWANDERUNG
Rund 16 Prozent der österreichischen Wohnbevö1kerung sind außerhalb der Grenzen Österreichs zur Welt gekommen, rund 8 Prozent sind nicht österreichische Staatsbürger. Österreich ist also ein Einwanderungsland. Das vorliegende Forschungsvorhaben widmet sich den sogenannten "Gastarbeitern", Arbeitsmigrant(inn)en, die seit den sechziger Jahren vorwiegend aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Türkei nach Österreich gekommen sind. Dabei wird den aktuellen Entwicklungen in den Gesellschaftswissenschaften Rechnung getragen. Der Blick wird auf einen relativ kleinen Bereich konzentriert: Die Geschichte der Arbeitsmigrant(inn)en ist als Mikrohistorie zu verstehen, die aber auch die Verbindung zur Makroebene, also der Österreichischen Zeitgeschichte - konkret der Wirtschafts- und Sozialgeschichte - aufrecht erhält. Der explizit interdisziplinäre Zugang führt zu einer Verbindung von historischen und soziologischen Fragestellungen unter Einbeziehung der Psychologie quasi als Hilfswissenschaft. Zuwanderer sind eine äußerst inhomogene Gruppe. In das Bewußtsein des Ziellandes - und damit häufig auch in das der Forschung - treten sie erst bei ihrer Ankunft. Komplexe biographische und historische Kontexte und Hintergründe werden vernachlässigt. Die isolierte Betrachtung einzelner Phasen und Aspekte des Migrationsgeschehens, etwa die Motive für die Auswanderung oder der Verlauf der Migration, erfaßt die Komplexität der Vorgänge und Prozesse nicht genügend; die gesellschafts- und lebensgeschichtliche Gesamtsicht geht verloren. Die im vorliegenden Forschungsvorhaben angestrebte Rekonstruktion von Lebensgeschichten konzentriert sich darauf, zu zeigen, wie der Migrationsprozeß die Gesamtbiographie mitbestimmt hat und umgekehrt: wie die biographischen und gesellschaftshistorischen Zusammenhänge im Migrationsgeschehen relevant und konkret geworden sind. Themen: Die erste Generation - Migration als Diskontinuitätserfahrung Die zweite und dritte Generation - Leben ohne Zugehörigkeit Die Frage der Generationen - Familienwissen und Familiengeheimnis Das vorgeschlagene Projekt ist der qualitativen Sozialforschung verpflichtet: Ausgangspunkt ist nicht ein Hypothesenset; die Konzepte, Konstrukte und Hypothesen werden vielmehr erst im Laufe des Forschungsprozesses anhand der schon erzielten Ergebnisse generiert. Als Instrument der Datenerhebung dient das biographische, narrative Interview (nach Fritz Schütze), die Auswertung der Interviews folgt der "Objektiven Hermeneutik" nach Ulrich Oevermann wie Gabriele Rosenthal sie adaptiert hat. Um dem Aspekt der Generationen Rechnung zu tragen, werden Familiengespräche geführt, welche mit Hilfe von Familienskulpturen und Genogrammen analysiert werden.
Ausländer kommen in Österreich in der öffentlichen Diskussion so gut wie ausschließlich als Objekte der Erörterung vor: seitens der zahlreichen Ausländerfeinde ebenso wie seitens der Verteidiger der Menschenrechte und der Zuwanderer. Stets diskutieren "Einheimische" über "Fremde": Die Migranten selbst, die Migranten als Subjekte also, haben in der österreichischen Gesellschaft keine Stimme. Sie wenigstens einmal zu Wort kommen zu lassen, war das Ziel dieses Forschungsprojekts: Arbeitsmigranten und ihre Kinder aus insgesamt sechs Familien (je drei aus der Türkei und aus Serbien) wurden gebeten, ihre Lebensgeschichte zu erzählen; und die Aufgabe der beteiligten Wissenschaftlerinnen war es, aus diesen Erzählungen auch das herauszufiltern, was die Interviewten nicht erzählten, das Unterbewusste, das Verdrängte, das Verschwiegene. Sechs Familien, das mag wenig erscheinen - und ist doch hart an der Obergrenze dessen, was ein solches Projekt zu leisten vermag. Denn die Auswertungen nach der gewählten Methode der Objektiven Hermeneutik (der einzigen, nach der lebensgeschichtliche Interviews seriös interpretiert werden können) sind unwahrscheinlich aufwändig: Satz für Satz, Wort für Wort, "äh" für "äh", Sprechpause für Sprechpause, Seufzer für Seufzer diskutierten die Wissenschaftlerinnen in den Auswertungsgemeinschaften im Detail, welche Bedeutungen hinter der Oberfläche des Textes verborgen liegen mögen, bis schließlich diese oder jene Lesart untermauert werden konnte (oder sich zumindest als die plausibelste herauskristallisierte). Beim konkreten Projekt waren daran eine Sozialwissenschaftlerin, eine Psychotherapeutin und Expertinnen für die jeweilige Herkunftskultur der Migranten beteiligt. Die Ergebnisse machen konkret und anschaulich, was bisher nur gemutmaßt werden konnte: die enormen lebensgeschichtlichen Brüche, die für die zuwandernde Generation mit der Migration verbunden waren, der Verlust an Gewissheiten, an sozialer Einbettung und oft auch an Prestige; in manchen Fällen die schwer zu verkraftende Migration in der Zeit, die mit der räumlichen Migration einhergeht - die Auswanderung nach Österreich bedeutet für manche Migranten einen Sprung von 150 oder 200 Jahren an emotionaler und sozialer Veränderung; die - sehr unterschiedliche - Verarbeitung dieser Erfahrungen, von einem anhaltenden Gefühl der Fremdheit (mit allen psychischen Problemen, die daraus resultieren) bis hin zu einer gelungenen Identifikation mit Österreich als neuer Heimat. Oder, was die zweite Generation anlangt: das Leben im ständigen Spannungsfeld zwischen dem Selbstverständnis als Österreicher, den gegenteiligen Wünschen der Eltern und dem Verhalten der österreichischen Gesellschaft, das auch der zweiten Generation gegenüber zwischen latenter Ausgrenzung und blankem Rassismus changiert. Und so ist aus den biographischen Erzählungen der Ausländer auch über Österreich viel zu erfahren. Zum Beispiel entwickeln jene von ihnen, die sich besonders vehement mit Österreich identifizieren, einen besonders ausgeprägten Rassismus. Dieser gilt offensichtlich als Eintrittskarte in die österreichische Gesellschaft - die, so darf man schließen, von jenen, die sich aus ihr ausgegrenzt finden, als eklatant rassistisch erlebt wird.
- Wirtschaftsuniversität Wien - 100%