Landschaft und politische Domäne in Tibet
From Landscape to Polity in Tibet
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
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SAKRALE LANDSCHAFT,
TIBET,
SOZIALANTHROPOLOGIE,
KULTURANTHROPOLOGIE,
POLITISCHE DOMÄNE
Die Thematik der sakralen Landschaft nimmt in der neueren anthropologischen und re-ligionshistorischen Tibetforschung einen immer bedeutenderen Stellenwert ein. Die Mit-arbeiter des Forschungsprojektes verfaßten dazu in den letzten Jahren zahlreiche Publikationen, in denen ethnographische und schriftliche Daten aus verschiedenen Gebieten in Tibet und der Himalayaregion vorgestellt wurden. Diese Forschungen bedeuteten nicht zuletzt eine Weiterführung von Nebesky-Wojkowitz`s Pionierarbeiten zu den Kulten der tibetischen Schutz-und Lokalgötter (vgl. Oracles and Demons of Tibet, 1956). Eine wichtige Schlußfolgerung dieser Forschungsrichtung war die Erkenntnis, daß das Phänomen der Lokalgötter nicht isoliert in seiner religiösen Dimension betrachtet werden darf, sondern daß es als Teil der lokalen und weiteren politischen und ökonomischen Gegebenheiten zu sehen ist. Der Gegenstand der sakralen Landschaft ist nur ein Aspekt innerhalb des viel breiteren Begriffes des Territoriums. Tibet war vor der Einnahme durch die Volksrepublik China keineswegs ein geeinter Staat mit einer allumfassenden, zentralistischen Bürokratie; vielmehr bestand das Land aus zahlreichen kleineren Königs- und Fürstentümer, sowie aus adeligen, klösterlichen und sogenannten Regierungsgrundherrschaften, Einheiten, die alle einen unterschied- lichen Grad an Autonomie gegenüber Lhasa aufwiesen und oft verschiedene Konstella-tionen von regionaler Lehensherrschaft bildeten. Einige dieser Ordnungen waren an ein klar abgegrenztes Territorium geknüpft, andere bildeten eine Art transzendierte Terri-torialität, wo durch ökonomische Verbindungen und Rituale geographisch nicht zusam-menhängende Gemeinschaften aneinander gebunden waren. Das Konzept der Territoria-lität umfaßt die zwei Extreme von einer nicht politisierten sakralen Landschaft und dem Modell einer "transzendenten", nicht unmittelbar territorialen politischen Organisation. Das Projekt versuchte diesen Komplex der Territorialität in Tibet zu erforschen. Dabei wurden die Untersuchungen zur religiösen Geographie mit Studien der politi-schen und ökonomischen Organisationen in bestimmten Gebieten, sowie mit der histori-schen Betrachtung der Entwicklung des Staates in Tibet verknüpft. Das Forschungs- programm umfaßte Studien zu verschiedenen Gebieten in Tibet und der Himalaya-region, wobei hier methodisch neben der Feldforschung und der ethnographischen Arbeit gleichermaßen die Textanalyse von religiösen und historischen Werken und verschiedenen lokalen Schriftdokumenten berücksichtigt wurde. Im Zuge der Forschungen in Tibet konnten die Projektmitarbeiter umfangreiches Material an ethnographischen Daten und an unveröffentlichten Handschriften auf-nehmen, von denen einige von großer Bedeutung für die (kultur) historische Tibet-forschung sind (ein Teil davon wurde bereits in dem Zeitraum des Projektes publiziert). Dies verdankte das Projekt nicht zuletzt ihrer einmaligen Forschungssituation, die durch ein Abkommen zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Tibetan Academy of Social Sciences gegeben ist.
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