Die österreichische Verbotsliste und ihre Bedeutung für die Zensurgeschichtsforschung. Eine qualitative und quantitative Untersuchung zu der in Österreich zwischen 1795 und 1848 verbotenen Literatur
Censorship in Austria 1795-1848
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
-
ZENSUR,
BUCHHANDELSGESCHICHTE,
BÜCHERVERBOT,
KULTURGESCHICHTE,
VORMÄRZ
Die Auswirkungen der österreichischen Zensur sind bisher nur im Zusammenhang mit den Zensurschwierigkeiten einzelner hervorragender Autoren wie Grillparzer, Lenau oder Nestroy behandelt worden. Weitgehend unberücksichtigt blieb dagegen, daß allein im Zeitraum zwischen 1795 und 1848 an die 40.000 meist ausländische Titel (in erster Linie Bücher und Zeitschriften, gelegentlich auch bildliche Darstellungen u.a.) auf die Verbotslisten wanderten und somit den Lesern vorenthalten wurden. Das Korpus der verbotenen Werke soll zunächst quantitativ erfaßt und nach verschiedenen Kriterien aufgeschlüsselt werden, um erstmals empirisch fundierte Aussagen über die Handhabung der Zensur in der Restaurationsphase zur Hand zu haben. Daran anschließend soll die Interpretation der gewonnenen Daten und einzelner repräsentativer verbotener Werke die Verbotsgründe erhellen. Aus dem Projekt sind Aufschlüsse nicht nur für den Bereich der Belletristik zu erwarten, z.B. hinsichtlich des Umgangs der Zensur mit Gattungen wie Roman, Erzählung, Drama, Verepos u.ä., sondern auch für die Disziplinen Geschichte, Publizistik, Medizin, Jurisprudenz, Theologie, Pädagogik u.v.a. Als Dokumentation der in den "Untergrund" verdrängten Literatur bieten die Zensurlisten Zugang zu einer in den Allgemeinbibliographien nur sehr kursorisch repräsentierten Schicht von Druckwerken. Gleichzeitig stellen die Verbotslisten und ihre statistische Interpretation einen wichtigen Beitrag zur österreichischen Buchhandelsgeschichte, im besonderen zur Rekonstruktion des Buchmarkts und der Lesergeschichte, dar. Schließlich ermöglicht die Auswertung der Verbotslisten auch Ausblicke auf die oft apostrophierten Besonderheiten der österreichischen Geschichte und Mentalität im 19. Jahrhundert (und danach), die eine bessere Fundierung oder auch teilweise Widerlegung der These von einer Abschnürung Österreichs vom westeuropäischen Liberalismus erwarten lassen.
Unsere Kenntnis der österreichischen Zensur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beruhte bisher auf sehr selektiven Informationen, Anekdoten und Spekulationen, die entweder apologetisch ausgerichtet waren oder diverse schwarze Legenden um den Metternich-Staat aufgriffen. Das Projekt ermöglicht nun erstmals empirisch fundierte Aussagen über diesen Gegenstand. Die ca. 45 000 in diesem Zeitraum in Österreich verbotenen Titel (hauptsächlich Bücher und Zeitschriften aller Sachgebiete, insbesondere Theologie, Philosophie, Geschichte, Medizin und Belletristik, aber auch Manuskripte, Musikalien u. a.) wurden zur Gänze erfaßt. Die Einträge wurden weitgehend bibliographisch verifiziert, nach Sachgebieten, Sprachen und Publikationsgattungen (Buch, Zeitschrift, Zeitschriftenbeitrag u. ä.) klassifiziert und mit Schlagwörtern versehen. Um die Daten allen interessierten Forschern, vor allem Historikern und Literaturwissenschaftlern, sowie einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, wurden die Einträge in eine Datenbank eingespeist. Die Datenbank befindet sich im Probebetrieb und wird künftig über die Internetadresse http://uibk.ac.at/zensur zugänglich sein. Unter dieser Adresse finden sich auch genauere Informationen und diverse Materialien zu dem Forschungsprojekt. Parallel dazu wird die Publikation der gesammelten verbotenen Titel in Printform vorbereitet. Die Verbotstätigkeit spiegelt die politische Entwicklung und die Mentalitätsgeschichte. Die relativ große Zahl an Verboten zwischen 1795 und 1805 entspricht den gesteigerten Revolutionsängsten am Beginn der Herrschaft Kaiser Franz II. (I.). Im Verlauf der Koalitionskriege gegen Frankreich bis hin zum Wiener Kongreß 1815 gehen die Verbotszahlen zurück. Zu Beginn der zwanziger Jahre steigen sie infolge literaturpolitischer Entscheidungen wie den Karlsbader Beschlüssen von 1819 wieder an. Das Niveau der Verbotszahlen bleibt dann im Verlauf der Vormärzjahre trotz stark steigender Buchproduktion mehr oder weniger konstant, um erst 1847, vor der sich abzeichnenden Revolution, seinen Höhepunkt zu erreichen. Die Verbotslisten spiegeln ferner die Sprachenvielfalt in der Monarchie. Das Deutsche dominiert zwar eindeutig, aber ein beachtlicher Prozentsatz der verbotenen Titel stammte aus dem Italienischen. Darüber hinaus sind vor allem polnische und ruthenische Bücher in großer Zahl vertreten. Tschechische Bücher stellen noch eine verschwindende Minderheit dar, ganz zu schweigen von Titeln in slowenischer und kroatischer Sprache. Von den `Fremdsprachen` ist das Französische am stärksten vertreten, während das Englische noch eine untergeordnete Rolle spielt. Annähernd gleich häufig wurden die beiden Verbotsgrade "damnatur" (d. h. absolutes Verbot) und "erga schedam" (d. h. Möglichkeit zum Bezug eines Werkes durch einen Erlaubnisschein) verwendet. Mit damnatur wurden in der Regel als völlig wertlos erachtete Schriften wie z. B. die populären Ritter-, Räuber- und Geistergeschichten beurteilt, qualitativ hochwertige, aber problematische wissenschaftliche Werke mit erga schedam. Schon allein aus diesem Umstand geht hervor, daß der pauschale Vorwurf der völligen Knebelung der Wissenschaften und der politischen Diskussion nicht haltbar ist. Feinanalysen werden in einer vom Projektleiter vorbereiteten Monographie mit dem Arbeitstitel "Zensur in Österreich 1795-1848" publiziert werden. Die Monographie wird neben detaillierten statistischen Auswertungen auch Angaben über die beteiligten Zensoren, die verschiedenen Zensurgesetze, den Ablauf des Zensurverfahrens usw. enthalten. Es ist zu hoffen, daß der Blick in die Geschichte der Zensur von wissenschaftlichen, literarischen und religiösen Meinungsäußerungen ein stärkeres Bewußtsein für die Problematik schafft, das auch für die aktuellen Diskussionen über die Notwendigkeit und Gefahren der Überwachung von Bürgern (Stichwort "gläserner Mensch") von Belang sein sollte.
- Universität Innsbruck - 50%
- Universität Wien - 50%
- Günter Mühlberger, Universität Innsbruck , assoziierte:r Forschungspartner:in