Der Tiergarten Schönbrunn unter der Leitung von Otto Antonius in der Zeit von 1924-1945. Eine wissenschafts-und kulturhistorische Studie des Wiener Zoos als Verkörperung von Naturdiskursen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Vienna Zoo in the first half of the 20th century
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (30%); Geschichte, Archäologie (20%); Philosophie, Ethik, Religion (50%)
Keywords
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HISTORY OF ZOOS,
ZOOBIOLOGY,
HISTORY OF ETHOLOGY,
HISTORY OF NATIONAL SOZIALISM,
ENVIROMENTAL PHILOSOPHY,
MUSEOLOGY OF NATURE
Im vorliegenden Projekt soll die Arbeit von Otto Antonius, der mit einer kurzen Unterbrechung den Tiergarten Schönbrunn von 1924 bis 1945 geleitet hat, kultur- und wissenschaftshistorisch rekonstruiert werden. Antonius hat die kaiserliche Menagerie in Schönbrunn konzeptionell und praktisch in einen modernen Zoologischen Garten umgestaltet. Für die historische Rekonstruktion von Antonius` administrativen, wissenschaftlichen und ästhetischen Unternehmungen werden in diesem Projekt im besonderen seine Arbeiten zur Paläontologie, Zoologie, Ethologie, Tierzucht und Tiergartenbiologie untersucht. Denn der Beitrag, den Antonius aus seiner wissenschaftlichen und praktischen Forschungsarbeit in Schönbrunn für die damals neuartige Verknüpfung zwischen der paläontologischen Evolutionsbiologie und der Verhaltensforschung geleistet hat, ist in seiner epistemologischen und wissenschaftssoziologischen Bedeutung erst zu bestimmen. Damit kommt ein bislang unentdecktes Kapitel in der Geschichte der Ethologie zum Vorschein. Denn Antonius` Forschungs- und Ausstellungsstil teilt mit der "Wiener Verhaltensforschung" den diese charakterisierenden Topos des Verhaltens als steuernder Mechanismus für Degeneration und Artenwandel, der auf neuartige Weise ins Zentrum dieser fruchtbaren Evolutionstheorie genommen worden ist. Diese "Wiener Evolutionsbiologie" wurzelt in der Paläobiologie Othenio Abels, jenes Doyens der Evolutionsforschung in Österreich, der zu den gemeinsamen Lehrern von Otto Antonius und Konrad Lorenz gehörte. Mit seinem eigenen Forschungsansatz hat sich Antonius führend an der wissenschaftlichen Formulierung der Tiergartenbiologie beteiligt und hat der holistischen Version von Heini Hediger eine konsequent evolutionsbiologische entgegengesetzt. Dieses Projekt befaßt sich auch mit den Bildern und Metaphern, die für Antonius` Konzepte ausschlaggebend waren. Anhand des vielschichtigen Bedeutungssystems, das der Tierausstellung in Schönbrunn eingeschrieben ist, soll sein Naturverständnis näher analysiert werden. Dieses muß gleichzeitig mit dem breiteren Rahmen des zivilisationskritischen Naturdiskurses der Zwischenkriegszeit kontextualisiert werden. Denn erst so kann der Zusammenhang zwischen Antonius` züchterisch wie bildhaft gestalteter Produktion von Naturdenkmalern und seinem wissenschaftlich-weltanschaulichen Interesse an der Erkenntnis artgemäßen Verhaltens in den Blick genommen werden. Mit der Frage nach Antonius als dem maßgeblichen administrativen Akteur muß insbesondere auch auf die Politisierung des Zoos Schönbrunn im Nationalsozialismus Bezug genommen werden. Die Geschichte der deutschen Zoos im Nationalsozialismus ist noch nicht einmal in Ansätzen aufgearbeitet. In der geplanten Forschungsarbeit soll damit für den Wiener Zoo begonnen werden.
- Universität Wien - 100%
- Gerd B. Müller, Konrad-Lorenz-Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung (KLI) , assoziierte:r Forschungspartner:in