Die byzantinischen Bleisiegel in Österreich: Zentral- und Provinzialverwaltung
Byzantine Seals in Austria
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Kunstwissenschaften (10%); Rechtswissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)
Keywords
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BYZANTINISTIK,
SIEGELKUNDE,
BYZ. VERWALTUNGSGESCHICHTE,
BYZ. QUELLENKUNDE,
BYZ. KUNSTGESCHICHTE
Die Siegel sind jener Bereich der byzantinischen Quellen, aus denen in Hinkunft die meisten neuen Erkenntnisse für die historische Forschung, insbesondere für Prosopographie, Verwaltungsgeschichte, historische Geographie und Kunstgeschichte zu erwarten sind. Während die meisten anderen Quellen bereits gut ediert sind, harrt auf sigillographischem Gebiet noch ein sehr großes Feld der gründlichen Bearbeitung. Nach älteren Vorarbeiten wurden erst im letzten halben Jahrhundert Fortschritte in den Methoden erzielt, hier müssen wir aber noch deutlich weiterschreiten. Kaum 20% des erhaltenen Bestandes können heute als ausreichend publiziert eingestuft werden. In methodologischer Sicht, wo die entscheidende Forschungsinnovation anzusiedeln ist, geht es primär um eine Verbesserung und Absicherung der Kriterien für eine relativ enge Datierung, ferner um das Problem, wann Bullen, die einander nur ähnlich sind, ein und derselben Person zugesprochen werden dürfen. Erst nach Klärung dieser Fragen kann an eine seriöse Kommentierung der Denkmäler herangegangen werden, mit der Aussicht auf relativ wahrscheinliche Identifizierungen mit anderweitig überlieferten Personen. Auch bezüglich der Entwicklung bestimmter Ämter, bezüglich der relativen Chronologie der Amtsträger im militärischen, zivilen und kirchlichen Bereich warten auf die Sigillographen in Hinkunft vermehrte Aufgaben. Der Ruf Wiens als eines der Zentren für byzantinische Siegelkunde fußt nicht zuletzt auf den Spezialdateien, die an der Kommission für Byzantinistik der ÖAW aufgebaut wurden, allen voran die systematische Photothek. Dagegen ist die Zahl der hier aufbewahrten Original-Siegel eher bescheiden (ca. 1200). In den 70er Jahren wurde (mit Hilfe des Fonds) ein erster Teil dieser Siegel vom Antragsteller des eingereichten Projektes bearbeitet (der Band erschien 1978), und zwar die auf Kaiser, Kaiserhof und Titelwesen bezüglichen Bullen. Die Fortsetzung, die nun endlich in Angriff genommen werden soll, ist den Bereichen Zentral- und Provinzialverwaltung gewidmet (es handelt sich in ersterem Fall um ca. 200 Siegel, im zweiten um 250 oder etwas mehr). Als Mitarbeiterin ist Frau Dr. Alexandra Wassiliou vorgesehen, die neben einer gediegenen Griechisch-Ausbildung im Rahmen ihres Doktorates zur ausgezeichneten Sigillographin wurde und mit der Dissertation schon gewisse Vorleistungen für das Projekt erbracht hat, so daß sie imstande sein sollte, das gesamte Manuskript in den vorgesehenen drei Jahren abschließen zu können. Der Kommentar wird kurz und prägnant sein, dem der Edition der Siegel in Dumbarton Oaks vergleichbar. Im Rahmen internationaler Kooperationen sollen zwei Wissenschaftler aus Griechenland bzw. Rußland auf der Basis kleiner Werkverträge eingebunden werden, primär um Vergleichs- bzw. Parallelmaterial abzuchecken. Dadurch kann bei den notwendigen Reisekosten deutlich gespart werden.
Es war das Ziel des Projektes, den zweiten Band eines Kataloges der byzantinischen Bleisiegel in öffentlichen und privaten Sammlungen Österreichs zu erarbeiten, der den Themen "Zentral- und Provinzialverwaltung" gewidmet sein sollte. Zugleich sollten aber auch die spezifischen Methoden dieser Disziplin verbessert bzw. verfeinert werden und das sigillographische Material im Sinne der Forschungsinnovation als Quelle für weitere Unter-suchungen möglichst gut aufbereitet werden. Das "Rohmanuskript", das ca. 380 Siegel umfasst, wurde von der Mitarbeiterin des Projektes, Frau Dr. Alexandra- Kyriaki WASSILIOU, fristgerecht fertiggestellt. Es übertrifft übliche Kataloge bereits in dieser Form erheblich. In einem zweiten Arbeitsgang wird das Manuskript jedoch mit dem Projektleiter gemeinsam erneut durchgearbeitet, nicht zuletzt im Sinne einer möglichst genauen, d. h. engen Datierung und mit besonderem Augenmerk auf die Frage, ob einem bestimmten Siegler auch andere, mehr oder weniger "verwandte" Siegeltypen zugeordnet werden können oder nicht, und ob diese Person schließlich mit einer in anderen, vornehmlich literarischen Quellen überlieferten Person identisch sein kann. Die in diesem Zusammenhang entwickelten Methoden sind immer wieder kritisch zu hinterfragen, um vorschnellen Schlüssen zu entgehen. Das Manuskript dieses Bandes soll im Juni 2003 bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften eingereicht werden. Für die Zentralverwaltung des byzantinischen Reiches, insbesondere vom 6. bis 12. Jahrhundert, konnten einige weiterführende neue Erkenntnisse gewonnen werden, nicht nur durch österreichische Siegel, sondern auch durch weitere, die im Kommentar mit heranzu-ziehen waren. Manche Stücke sind schon im Corpus des sceaux von P. Vitalien LAURENT ediert worden, aber auch hier erwiesen sich einzelne Korrekturen als notwendig. Im Bereich der Provinzialverwaltung war der Prozentsatz des bisher gänzlich unpublizierten Materials noch größer. Hier konnten - nicht zuletzt mit der bislang zuwenig verwendeten Methode der relativen Chronologie - für die Verwaltung der "Themen", wie die wichtigsten militärischen und zivilen Verwaltungseinheiten der mittelbyzantinischen Zeit heißen, viele neue Erkenntnisse gewonnen werden. Oft sind Siegel die ersten, bisweilen auch die letzten Belege für ein bestimmtes Thema, ja manche sind überhaupt nur durch Siegel belegt. Auch für die Prosopographie der byzantinischen Zeit bedeutet der Band einen beachtlichen Fortschritt. Das erfreulichste Ergebnis dieser dreijährigen Arbeit ist die Erkenntnis, dass die Mitarbeiterin nun zu den international führenden Spezialisten auf diesem Fachgebiet zählt und somit sehr gute Voraussetzungen für die Zukunft des "Wiener Zentrums für byzantinische Siegelkunde" geschaffen wurden. Für die Erarbeitung des abschließenden, dritten Bandes des Gesamtwerkes, der deutlich über 600 Bullen behandeln soll, wurde vom FWF dankenswerterweise ein Anschlussprojekt bewilligt, das bereits läuft. Da dieser Band umfangreiche Register aufweisen wird, genügt für den 2. Band ein kurzes Zwischenregister. In Ausnützung vielfältiger Synergieeffekte sind auch andere sigillographische Projekte, die an der Kommission für Byzantinistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften - zum Teil in Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen - betrieben werden, sehr gut vorangekommen. Nicht zuletzt war die Präsenz des Projektes bei internationalen Kongressen und Symposien relativ stark.