Anthropologie im Nationalsozialismus. Projekte der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien 1938-1945.
Anthropology in National Socialism
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (25%); Geschichte, Archäologie (50%); Philosophie, Ethik, Religion (25%)
Keywords
-
HOLOCAUST STUDIES,
RASSISMUS,
PHYSISCHE ANTHROPOLOGIE,
MUSEUMSGESCHICHTE,
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE,
ÖSTERREICH
Forschungsprojekt P 13779Anthropologie im NationalsozialismusMaria TESCHLER-NICOLA11.10.1999 Im Rahmen eines Senatsprojektes der Universität Wien ("Untersuchungen zur Anatomischen Wissenschaft 1938- 1945", Wien 1998) und in Folge des ministeriellen Auftrags zur Provenienzforschung in den Bundesmuseen (Februar 1998) unternahm die Atedung Archäologische Biologie und Anthropologie des Naturhistorischen. Museums in Wien verschiedene Recherchen und ortete in ihrer Somatologischen Sammlung Bestände aus den Jahren 1938 bis 1945, die Anlaß für dieses Forschungsvorhaben gaben. Die Bestände (Gipsmasken, Haarproben, Fingerabdrücke, Befundblätter und zehntausende Fotografien) entstammen Reihenuntersuchungen, die im Jahr 1939 an Juden sowie später an Häftlingen diverser Kriegsgefangenenlager vorgenommen wurden. Die von Wiener Anthropologen untersuchten Juden waren polnischer Herkunft; sie wurden im September 1939 im Wiener Stadion inhaftiert und danach nach Buchenwald deportiert, wo die meisten von ihnen umkamen. - Das Material wirft einerseits Fragen nach den Hintergründen seiner Akquirierung und andererseits nach dem addquaten Umgang mit ihm auf, zumal es sich bei den deportierten Juden meist um die letzten Informationen und Abbildungen später ermordeter Menschen handelt. Diese konkreten Projekte, welche die Anthropologische Abteilung im Rahmen ihrer Sammlungs- und Forschungstätigkeit unternahm, sind Ausgangspunkt für eine interdisziplindre Auseinandersetzung mit der Tradition und NS-Vergangenheit des Faches Anthropologie in Österreich. Die Fragen des Forschungsprojektes sind folgende: 1) Im Sinne einer kritischen Wissenschaftsgeschichte wird untersucht, inwieweit das Fach Anthropologie mit der von ihm geleisteten Konstruktion von "Rasse" für den Nationalsozialismus funktionalisierbar war und wie umgekehrt Vertreter/innen des Faches die neue politische Situation und den Krieg für die Verfolgung ihrer Forschungsinteressen und die Sammlung neuen Materials nutzbar machen konnten. Die Entschlüsselung der Organisationsstruktur von Wissenschaft sowie die Erstellung einer Kollektivbiographie der Wiener Anthropolog/inn/en jener Zeit sind notwendige Schritte zur Beantwortung dieser Fragen. 2) Das Schicksal der im Wiener Stadion inhaftierten Juden wird im Rahmen der Geschichte der nationalsozialistischen Deportationen und des systematischen Massenmordes an Juden analysiert. In diesem Zusammenhang interessieren die Entscheidungsabläufe und die Zusammenarbeit diverser politischer und wissenschaftlicher Stellen. 3) Schließlich geht es um Fragen des Rassismus im Umgang mit den vermessenen Körpern. In Umkehrung des ursprünglichen "Forscherblicks" auf die als "Ostjuden" besonders verfolgte Opfergruppe soll den solcherart zu Objekten degradierten Menschen ihr Subjektstatus wiedergegeben werden. Die Rekonstruktion der Vermessungsaktion und die Recherche biographischer Daten sind Bestandteile dieses Projektteiles.
Die inhaltliche Ausrichtung der Anthropologie wurde wesentlich von politischen Gegebenheiten determiniert. Die "Karriere" der musealen Anthropologie in der NS-Zeit ist Produkt der komplexen Wechselbeziehungen zwischen Wissenschaft und Politik bzw. ihrer Vertreter. Das Fach wurde für die Konstruktion und Popularisierung von nationalsozialistischen Zentralbegriffen wie "Volkstum" und "Rasse" instrumentalisiert. Im Rahmen des interdisziplinär (Anthropologie/Zeitgeschichte) konzipierten Projektes wurden Aspekte der Fachtradition der physischen Anthropologie in Österreich, die institutionellen Zusammenhänge und insbesondere das Umfeld der musealen Forschungs- und Öffentlichkeitsarbeit, sowie die Motivation der Kuratoren und verantwortlichen Entscheidungsträger analysiert und ihre Positionen in diesem komplexen Wirkgefüge beleuchtet. Den Ausgangspunkt bildeten die am Museum aufbewahrten Archiv- und Sammlungsbestände. Konkret wurde auf drei Fragenbündel fokussiert: a) wieweit war das Fach für den Nationalsozialismus funktionalisierbar, und nutzten Fachvertreter/innen die neue politische Situation, wie funktionierte das Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik? b) wie verliefen die Datenerhebungen, konkret die anthropologische Vermessungsaktion an 440 männlichen staatenlosen Juden polnischer Herkunft, die im September 1939 im Wr. Stadion interniert und danach in das KZ Buchenwald deportiert worden waren; überdies sollte das Thema Rassismus im Umgang mit dem menschlichen Körpern beleuchtet werden. c) wie lassen sich die anthropologischen Vermessungen in die Verfolgungspolitik des NS Regimes einordnen? Ad a) Anhand der beiden Protagonisten, des mit der Oberleitung der wissenschaftlichen Staatsmuseen betrauten Hans Kummerlöwe und des Leiters der Anthropologischen Abteilung, Josef Wastl, wurden die politischen und persönlichen Netzwerke rekonstruiert, die Rolle der Entscheidungsträger wie die Instrumentalisierung der Disziplin für die nationalsozialistische "Blut-und-Boden"-Politik beleuchtet. Ad b und c) Die anthropologischen Untersuchungen der 440 staatenlosen Juden zielte auf die Erfassung ihre "rassischen Andersartigkeit" ab. Es wurden Messungen vorgenommen, Haarproben abgenommen, Gesichtsmasken erstellt und Fotos angefertigt. Die Menschen wurden im Zuge dieses Prozesses zu Forschungsobjekten, wissenschaftlichem Sammlungsmaterial, degradiert. Über die im gegenständlichen FWF Projekt vorgenommenen Recherchen der persönlichen Schicksale sollte der Mensch wieder sichtbar werden. Überdies wurden Kontakte mit Überlebenden und Hinterbliebenen Familienmitgliedern aufgenommen und Dokumente und Fotografien ausgehändigt. Die Ergebnisse sind nicht nur disziplinhistorisch relevant, sondern auch für Fragen der Museologie und des adäquaten Umganges mit diesem problematischen "Übermaß an Vergangenheit".
- Universität Wien - 50%
- Naturhistorisches Museum Wien - 50%
- Karl Stuhlpfarrer, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in