Der Beginn des Ersten Weltkrieges in der Steiermark: Massenhysterie und die Verfolgung slowenischer Steirer
Outbreak of WW I in Styria: Persecutions of Slovenes
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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ÖSTERREICH-UNGARN,
ERSTER WELTKRIEG,
MILITÄRJUSTIZ,
NATIONALITÄTENKAMPF,
UNTERSTEIERMARK,
SLOWENEN
Forschungsprojekt P 13833Kriegsbeginn 1914 in der Steiermark: SlowenenverfolgungMartin MOLL28.06.1999 Die Erforschung der innenpolitischen Vorgänge in der österreichisch-ungarischen Monarchie während des 1. Weltkrieges steckt noch immer in den Anfängen. Für das Gebiet des damaligen Kronlandes Steiermark, zu dem bis 1918 die mehrheitlich von Slowenen bewohnte Untersteiermark gehörte, liegt keine einzige systematische Zusammenfasssung vor. Gleich bei Kriegsbeginn ereigneten sich in der Steiermark Vorkommnisse von nachhaltiger Wirkung, die gleichwohl heute völlig in Vergessenheit geraten sind. Durch die seit langem andauernden nationalen Spannungen zwischen deutschsprachigen und slowenischen Steirern begänstigt, kam es unmittelbar nach dem Attentat von Sarajewo (28.6.1914) zu einer Flutwelle von Anzeigen gegen verdächtige Slowenen, denen pauschal Kollaboration mit dem serbischen Gegner vorgeworfen wurde. In der Folge wurden, z.T. aufgrund völlig haltloser Anschuldigungen, mehrere Hundert Personen verhaftet. Während die Masse einige Monate später ohne Anklage freigelassen wurde, wurde ein kleinerer Teil wegen "serbophiler Propaganda" und ähnlicher Delikten zu oft mehrmonatigen Kerkerstrafen verurteilt. Seit dem Wiederzusammentritt des Reichsrates im Mai 1917 bildete diese während des gesamten Krieges einzigartige Aktion den Gegenstand zahlreicher parlamentarischer Interpellationen in Wien, die in der Einsetzung zweier Untersuchungskommissionen gipfelten, die die betroffenen Landesteile bereisten und umfangreiche Materialien erhoben. Über die Verfolgung slowenischer Steirer 1914 ist erstaunlich umfangreiches Aktenmaterial erhalten geblieben: Akten der Gerichte und Staatsanwaltschaften, der Gendarmerie, der Bezirkshauptmannschaften, Berichte an vorgesetzte Dienststellen, Listen von Verdachtigen und Verhafteten etc. Diese Quellen ermöglichen es, jeden einzelnen Fall nachzuzeichnen, die Umstände der Verhaftungen zu erhellen, den Fortgang der Verfahren und insbesondere das Verhalten der beteiligten Behörden zu rekonstruieren. Anfangs wurde scharfes Durchgreifen angeordnet; schon bald sah man j edoch ein, daß das Handeln der Exekutive sich j eder Kontrolle zu entziehen begann und weit über das Ziel hinausschoß, indem es vorwiegend Unschuldige traf. Weitere Quellen liefert die zeitgenössische Tagespresse, die über viele Fälle detailliert berichtete und den Nationalitatenkampf weiter anstachelte. In Summe kann ein wichtiges Kapitel des inneren Regimes 1914-1918 aufgeklärt werden, das die schlagartige Umstellung rechtsstaatlicher Verhältnisse auf den beginnenden Krieg illustriert. Die Politisierung und Radikalisierung weiter Bevölkerungskreise - aus denen ja die meisten Anzeigen stammten - kann ebenso beleuchtet werden wie die herrschende Stimmung, die nicht so sehr durch Kriegsbegeisterung, als vielmehr durch eine Massenhysterie und paranoide Verdächtigungen geprägt erscheint. Die Vorgänge des Sommers 1914 in der Steiermark stellen eine wichtige, bislang unerforschte Etappe auf dern Weg der inneren Losl6sung der Slowenen von Österreich und auf dem Weg zur Abtrennung der Untersteiermark 1918/19 dar.
Ende Juli 1914 brach nicht nur ein Weltkrieg aus. Im Herzogtum Steiermark eskalierte zudem der jahrzehntelang geführte Nationalitätenkampf zwischen deutschsprachiger Mehrheit und slowenischer Minderheit zu Massenverhaftungen von Slowenen. Neben Kärnten war die Steiermark vor 1914 jenes Kronland, in dem die politischen Vertreter der Mehrheitsbevölkerung jegliches Entgegenkommen gegenüber der Minderheit ablehnten. Als nach dem Attentat von Sarajewo (28.6.1914) und mit dem Näherrücken des Krieges die Wiener Regierung scharfe Anordnungen zur Unterdrückung "serbophiler" Strömungen unter den Slowenen erließ, fühlten sich zahlreiche Steirer beider Volksgruppen dazu berufen, ihnen verdächtig scheinende Personen anzuzeigen: Unbekannte, aber auch Freunde, Nachbarn und selbst Familienangehörige. Die unter der Rubrik "Hochverrat" zusammengefassten Vorwürfe lauteten meist auf ideelle oder tatsächliche Begünstigung des serbischen Feindes. Auf den Druck der öffentlichen Meinung, der sich bis zu Tätlichkeiten gegen vermeintliche Verräter steigerte, reagierte die örtliche Gendarmerie mit übereilten Verhaftungen. Insgesamt sind zwischen Sarajewo und Ende 1914 mindestens 1.000 politisch motivierte Strafverfahren gegen Steirer und Steirerinnen nachweisbar. In der Mehrzahl lagen ihnen absurde, strafrechtlich gar nicht fassbare Anschuldigungen zu Grunde. Es dauerte Monate, bis sich diese Einsicht durchsetzte und die Opfer freigelassen wurden. Zu den überraschendsten Ergebnissen der Studie gehören die Denunziationsbereitschaft breitester Bevölkerungskreise, auch und gerade in der mehrheitlich slowenischen Untersteiermark, die trotz Zensur ungehemmte deutschnationale Pressehetze gegen "Serbenfreunde" sowie die erbitterten Dispute zwischen der bremsenden Zivilverwaltung und dem allerorten Verräter witternden Militärkommando und seinem Militärgericht. Die Ereignisse vom Sommer und Herbst 1914 trugen in einem bislang kaum wahrgenommenen Ausmaß zur Abkehr der steirischen Slowenen vom Habsburgerstaat und damit indirekt auch zum Verlust der Untersteiermark durch den Frieden von St. Germain 1919 bei.
- Universität Graz - 100%
- Hans Hautmann, Universität Linz , nationale:r Kooperationspartner:in
- Robert Bohn, Hochschule Flensburg - Deutschland