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Die Villenarchitektur der Jahrhundertwende am Semmering

Fin-De-Siecle country houses at semmering

Mario Schwarz (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P13959
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.06.2000
  • Projektende 31.12.2001
  • Bewilligungssumme 20.585 €

Wissenschaftsdisziplinen

Bauwesen (40%); Kunstwissenschaften (60%)

Keywords

    VILLENARCHITEKTUR, LANDHAUSARCHITEKTUR, JUGENSTILARCHITEKTUR, HISTORISMUS, JAHRHUNDERTWENDE

Abstract Endbericht

Forschungsprojekt P 13959Semmeringvillen der JahrhundertwendeMarion SCHWARZ24.01.2000 Um 1880 entwickelte sich auf der Paßhöhe des Semmering zwischen Niederösterreich und Steiermark am Scheitelpunkt der 1854 eröffneten Gebirgsstrecke der Eisenbahnverbindung Wien-Triest rund um den Kern eines Touristenhotels, welches die Eisenbahngesellschaft erbauen ließ, eine Ansiedlung von Landhäusern und Villen. Bis zur Jahrhundertwende nahm dieses dem Tourismus, der Erholung und Freizeitgestaltung gewidmete künstliche Dorf einen derartigen Aufschwung, daß es zu einem sprichwörtlichen Treffpunkt der Wiener bürgerlichen Gesellschaft zu den Wochenenden und während der Sommermonate wurde. Man bezeichnete den Semmering als "Hoch Wien" oder als "Balkon der Wiener". Der Hofbildhauer der Wiener Ringstraßenära, Franz Schönthaler, initiierte den planmässigen Ausbau von Villenanlagen. Der prominente Architekt der Ringstraße Franz v.Neumann entwickelte eine spezifische Bauform in Kombination von Bruchstein- und Holzbauweise, wobei sehr fortschrittliche Elemente, wie Wärmeisolierung und optimale Ausrichtung der Bauten auf den Landschaftsgenuß besonders zur Geltung kamen. Die stilistische Gestaltung dieser Häuser ging vom Vorbild des "Schweizerhausstiles" aus, der bereits eine gewisse internationale Rolle errungen hatte, jedoch wurde die Gestaltungsweise nach Vorbildern der Bauernhausarchitektur aus den westlichen Gebieten Österreichs (v.a. Salzburg, Tirol) modifiziert. Zierformen aus diesem Vorbildrepertoire wurden in der Literatur meist unkritisch als "Heimatstill" subsumiert, doch öffneten die Architekten der Semmeringvillen ihr Formenvokabular bald auch neuesten Stilanregungen des Secessionismus. Das zahlreiche Ensemble der ca. 50 Villen der Jahrhundertwende am Semmering bietet mit den Werken namhafter Baukünstler wie Franz u. Gustav v. Neumann, Josef Bündsdorf Ferdinand Fellner & Hermann Helmer, Franz v. Krauß, Josef Tölk und Paul Engelmann ein überaus reiches Variationsrepertoire vom Späthistorismus über seeessionistische und neobarocke Formulierungen bis zu Ansätzen der frühen Moderne. Die gesellschaftliche Stellung der Auftraggeber, wie der Industriellenfamilie Mautner v. Markhof, des Unternehmers und Sportpioniers Viktor Silberer oder von Mitgliedern des Hochadeln (Johann II. Fürst v.Liechtenstein) ließ die am Semmering entstandene Freizeitarchitektur zu einem landschaftsbezogenen Gegenmodell zum Lebensstil in der Residenzstadt Wien werden. Dieses besonders in den letzten Jahren der österreichisch-ungarischen Monarchie ganz charakteristisch ausgeprägte Phänomen soll durch eine flächendeckende Erforschung der Baugeschichte und der substantiellen Erhaltungsbestände dieser Villen hier erstmals grundlegend erforscht werden. Die Facetten des "Semmeringstils" sollen auf ihre Wurzeln hin untersucht und mit den übrigen Werken der ermittelten Architekten in Gegenüberstellung gebracht werden. Ein Ziel ist dabei, das bisher diffuse Bild der sogenannten "Schweizerhaus-" oder "Heimatstil"-Architektur zu differenzieren. Zugleich soll die Bedeutung der im späten 19.Jahrhundert begonnenen wissenschaftlichen Volkskundeforschung, und Dokumentation der heimischen Bauernhausarchitektur auf die Villenbaukunst am Beispiel des Semmering herausgearbeitet werden.

Jahrzehnte nach der Eröffnung der Semmeringbahn (1854) bestand auf der Paßhöhe des Semmering außer der Bahnstation, einem Gasthaus und einigen älteren Bauernhäusern keine Siedlung. 1879 erwarb die private Südbahn- Gesellschaft auf Vermittlung des Hofbildhauers Franz Schönthaler einen Gutsbesitz und begann mit dem Bau des "Südbahnhotels", wodurch eine touristische Erschließung des Semmerings eingeleitet wurde. Erste um 1881 erbaute Villen des Bauingenieurs der Südbahngesellschaft, Josef Daum, brachten noch keine Neuerungen gegenüber der herkömmlichen Landhausarchitektur im Wiener Raum. Einen Fortschritt in den Gestaltungsformen brachte der Bau der Villa Schönthaler durch Architekt Franz v.Neumann nach Vorbildern der Schweizer Bauernhausarchitektur aus dem Berner Mittelland. Architekt Franz v.Neumann und sein Bruder Gustav v.Neumann, der Erbauer des Pfarrhauses am Semmering sowie der Wasserheilanstalt Marienhof schöpften vornehmlich aus dem Vorbildrepertoire des Schweizer Bauernhauses, welches durch die 1868 erschienene Publikation von Ernst Georg Gladbach zugänglich war. Bei der 1894 für seine eigene Familie erbauten Villa setzte Franz Neumann erstmals am Semmering Stilmittel der österreichischen Bauernhausarchitektur aus dem Tiroler Unterinntal ein. Während die Brüder Neumann im Sinn des Strengen Historismus im Rahmen der Vorbilder bestimmter Bauernhausregionen der Schweiz und Österreichs blieben, vermischten die Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer die Formdetails in der Gestaltungsform des Späthistorismus willkürlich und kreierten freie, neue Gestaltungslösungen. Eine Sonderrolle spielen in diesem Ensemble die wenigen, allerdings baukünstlerisch hochbedeutenden Villenbauten in städtischen Gestaltungsformen (Villa Bündsdorf, "Silbererschlössl") Das Forschungsergebnis konnte den Nachweis erbringen, daß die Villenarchitektur am Semmering europaweit die einzige geschlossene Villenkolonie in Bauernhausformen darstellt. Im Zuge der Bearbeitung konnten die bisher unpräzise gebrauchten Stilbegriffe der Semmeringvillen, wie "Laubsäge-, Fachwerk- und Verandenstil, Schweizerhausstil oder Heimatstil" als unzutreffend verworfen werden. Es handelt sich bei den Stilformen der Semmeringvillen um Baukunst im Charakter der Wende vom Strengen Historismus zum Späthistorismus, wobei das Vorbildrepertoire von den klassischen Baustilen der Kunstgeschichte auf das neue Gebiet der Volkskunst ausgeweitet wurde. Tatsächlich sind die ausführenden Architekten (Franz und Gustav v. Neumann, Ferdinand Fellner & Hermann Helmer, Josef Bündsdorf, Joseph Urban, zur gleichen Zeit auch mit bedeutenden Werken in der Wiener Architektur des Späthistorismus nachweisbar. Die Bearbeitung konnte 46 Villenbauten detailliert erfassen, sie wurden hinsichtlich ihrer Baugeschichte und Bestandsbeschreibung ausführlich katalogisiert. Von den bestehenden sowie den neun nicht erhalten gebliebenen Villen wurden historische Fotografien von Heimatforschern, Bildarchiven und Privatbesitzern zusammengetragen, um eine umfassende Bilddokumentation zu erstellen. Die übergreifende Stilanalyse wird durch ausführliche biographische Studien zu den Villenerbauern und Villenbesitzern ergänzt, was durch eingehende Archivforschungen (Grundbuch, Melderegister, Bauakten) möglich wurde. Unvorhergesehene Schwierigkeiten verursachte die Haltung des Gemeindeamtes Semmering, das die Einsichtnahme in die Baupläne der Villen von der schriftlichen Einverständniserklärung jedes einzelnen Liegenschaftseigentümers abhängig machte, was langwierige Korrespondenzen und Verhandlungen erforderte, in den allermeisten Fällen jedoch zum Ziel führte. Diese Untersuchungen erbrachten einen überraschend detailreichen Einblick und die Gesellschaftsgeschichte des Semmeringpublikums im späten 19. Jahrhundert und zeigten die engen Zusammenhänge der Villenerbauer mit der Tätigkeit und dem wirtschaftlichen Aufstieg der Südbahngesellschaft.

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