Gesellschaft und Konfession in Südosteuropa seit 1989: Strukturwandel und Transformationsprozeß am Beispiel des Islam
Society and religion in Southeastern Europe since 1989
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (30%); Geschichte, Archäologie (40%); Philosophie, Ethik, Religion (30%)
Keywords
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SÜDOSTEUROPA,
ISLAM,
GESCHICHTE,
ETHNOLOGIE
Forschungsprojekt P 14141Gesellschaft und Kofession (Islam) in Südosteuropa 1989Arnold SUPPAN24.01.2000 Der Balkanraum stellt wie kaum eine andere Region in Europa ein ethnisches und religiöses Mosaik dar. Zu diesem zählen die Balkanmuslime, eine heute noch ca. neun Millionen Menschen umfassende Bevölkerungsgruppe. Der Islam ist in Südosteuropa Resultat der osmanischen Expansion, die südlich von Save und Donau zur vierhundertfünfzigjährigen Herrschaft der Osmanen führte. Der Islam in Südosteuropa wird daher nicht wie im restlichen Europa primär von Arbeitsmigranten aus der islamischen Welt vertreten, sondern es handelt sich hier vielmehr um autochthone europäische Muslime. Die Balkanmuslime, darunter Südslawen wie in Bosnien- Herzegowina, dem Sandžak, Mazedonien oder Bulgarien, Albaner in Albanien, im Kosovo und in Westmazedonien, Tataren in Bulgarien, Türken in Bulgarien, dem Sandžak und Mazedonien sowie Roma, die überall in Südosteuropa leben, sind keine homogene Gruppe. Im Gegenteil, zwischen ihnen bestehen historisch gewachsene und durch den Einfluß von Regionalkulturen (beispielsweise in Westbosnien) noch weiter verstärkte Unterschiede. Besonders muß aber doch darauf hingewiesen werden, daß der in Südosteuropa anzutreffende und praktizierte Islam sich wesentlich von demjenigen in anderen Teilen der islamischen Welt unterscheidet. Bosnien war und ist eben nicht mit Saudi-Arabien oder Ägypten gleichzusetzen. Dem Islam mit seiner normativen Regelung aller Lebensbereiche kommt neben dem starken regionalen Zugehörigkeitsgefühl eine spezielle Bedeutung für Balkanmuslime zu: einerseits nach innen wirkend, für die Gruppe selbst, andererseits für das Zusammenleben mit der nicht-muslimischen Mehrheitsbevölkerung. Von großer Bedeutung ist dabei das wechselseitige Bild vom Anderen. Daher stellen Fragen nach Mentalitäten und Identitäten und deren Beeinflussung durch die Religionen, darunter eben auch den Islam, einen zentralen Forschungsbereich dar. Der politische Umbruch in Südosteuropa seit 1989, der Zerfall Jugoslawiens und die Kriege in Bosnien- Herzegowina von 1992- 1995 und im Kosovo haben nicht nur die Gesellschaften und Ökonomien dieser Staaten grundlegend verändert, sondern auch insbesondere für die Balkanmuslime fundamentale Auswirkungen nach sich gezogen. Als von ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur her sehr konservative und traditionell orientierte Gruppen waren die Veränderungen (Flucht, Vertreibung, vielfach gewaltsam erzwungene Umsiedlung) in ihren jeweiligen Staaten für sie besonders schwer zu verkraften. Das Forschungsprojekt über Balkanmuslime seit 1989 wird sich insbesondere auch den Fragen der Mentalitäten und des "Bildes vom Anderen" annehmen so wie die Rolle des Islam/der Muslime als Minderheiten in sicherheitspolitischer Hinsicht untersuchen und analysieren.
Die Projektmitarbeiter Valery Stojanov/Sofia und Valeria Heuberger/Wien haben sich mit zwei großen Themenkreisen auseinandergesetzt: Einerseits mit einer Darstellung und Analyse der Lage des Islam und der Muslime in ausgewählten Ländern Südosteuropas - Bulgarien und dem ehemaligen Jugoslawien mit Schwerpunkt auf Bosnien-Herzegowina und Kosovo, andererseits, wie es bei der Komplexität und Aktualität dieses Themas auch unerläßlich ist, mit der Frage, inwieweit es einen wachsenden Einfluß auch von extremistischen und radikalen Strömungen sozusagen als Import aus der islamischen Welt in die muslimischen Gemeinschaften Ost- und Südosteuropas gibt. Gerade der letzte Punkt sollte im Verlauf des Projekts, nicht zuletzt aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen vor allem nach dem 11. September 2001 zunehmend zu einer wichtigen Frage werden. Ein weiterer bedeutender Aspekt lag in der Rolle von Religion allgemein für die Gesellschaften der untersuchten Länder, die in sowohl in kultureller als auch in sozialer Hinsicht von Orthodoxie und katholischer Kirche (im Falle Bosnien-Herzegowinas) geprägt sind. in denen aber der Islam auch eine jahrhundertealte Präsenz besitzt. Nach dem Untergang der kommunistischen Regimes war in allen Staaten des früheren Ostblocks aufgrund der grundlegend geänderten politische und wirtschaftlichen Verhältnisse eine gewisse Orientierungslosigkeit und Perspektivenlosigkeit der Bevölkerung anzutreffen. Die Kirchen - gerade im Balkanraum verstanden sich diese seit Jahrhunderten als "Nationalkirchen", die unter der osmanischen Herrschaft das kulturelle Überleben und nationale Erwachen ihrer Völker getragen und mitgestaltet hatten - traten nach dem Ende kommunistischer Repressalien daher an, der durch diese Umgestaltung vielfach orientierungslos gewordenen Bevölkerung ein Gefühl sozialer Sicherheit und nationaler und kultureller Identität zu vermitteln. Seit den frühen 1990er Jahren kam es bei den muslimischen Glaubensgemeinschaften verstärkt zur Einflußnahme aus der islamischen Welt, die ihren Niederschlag in der Gründung religiöser Vereinigungen und dem Neubau von Moscheen fand. Dem Krieg in Bosnien-Herzegowina 1992-1995 kam diesbezüglich eine wichtige Rolle zu: bedingt durch das Kriegsgeschehen und die Involvierung von Kämpfern aus der islamischen Welt kam dem Islam eine Neubewertung, ein Wiederaufleben zu. In methodischer Hinsicht wurde sowohl Primärquellenmaterial wie Veröffentlichungen von islamischen Vereinen, Organisationen etc. aus den betreffenden Ländern gesammelt und analysiert als auch die - zu im Rahmen des Projekts behandelten Fragen erschienene - internationale Fachliteratur ausgewertet.
- Universität Wien - 100%