Die k.k. Hof-Wagenburg und der Wiener Wagenbau (1740-1918). Die Bedeutung von Kutsche und Livree für die höfische Repräsentation und als Teil der Europäischen Kunst-, Kultur-, Technik- und Alltagsgeschichte
The Imperial Mews and Coach Building in Vienna (1740-1918)
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (35%); Geschichte, Archäologie (30%); Kunstwissenschaften (35%)
Keywords
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WIENER HOF,
WAGENBAU,
HÖFISCHE LIVREE
Forschungsprojekt P 14226Die k.k. Hof-Wagenburg und der Wiener Wagenbau (1740-1918)Monica KURZEL- RUNTSCHEINER06.03.2000 Die k.k. Hof-Wagenburg und der Wiener Wagenbau. (1740-1918): Die Bedeutung von Kutsche und Livree für die höfische Repräsentation und als Teil der Europäischen Kunst-, Kultur-, Technik- und Alltagsgeschichte. Die Geschichte des Wagenbaus ist international nach wie vor ein kaum erforschtes Gebiet und kann daher als ausgesprochenes Desideratum der Wissenschaft bezeichnet werden. Als Gegenstände des täglichen Gebrauchs wurden Pferdefuhrwerke bis in die Mitte unseres Jahrhunderts kaum je als Objekte von künstlerischem und historischem Wert wahrgenommen. Selbst an jenen Museen, die wie das Kunsthistorische Museum in Wien Teile der Fuhrparks von Herrscherhäusern verwahren, unterblieb daher eine wissenschaftliche Bearbeitung dieser Bestände. Heinrich Kreisel, der die Kutsche 1927 mit seinem Werk über "Prunkwagen und Schlitten" als Forschungsgegenstand in die Kunstgeschichte einführte, fand lange keine Nachfolger. Erst nach dem 2. Weltkrieg begann sich ein Umdenken abzuzeichnen: die großen Wagensammlungen begannen ihre Bestände museal zu erfassen und durch entsprechende Veröffentlichungen einem breiteren Publikum zu vermitteln. Vereinzelte Monographien, wie Rudolf Wackernagels 1966 publizierte Studie über den Französischen Krönungswagen erbrachten den Beweis, daß zumindest die von großen Künstlern entworfenen und ausgeführten Prunkkarrossen der Herrscherhäuser ein wesentlicher Ausdruck des Kunstwollens ihrer Epoche sind. Dieser Erkenntnis entspricht das wachsende Bedürfnis, die Bedeutung und Entwicklung der Kutsche wissenschaftlich zu erforschen und durch breit angelegte Studien in einen größeren kultur-, technik-, alltags- und kunstgeschichtlichen Kontext zu stellen. Vorbildhaft sind in diesem Zusammenhang die fünfbändige Studie von Catherine Rommelaere für den belgischen Wagenbau im 18. Und 19. Jahrhundert (1997/98) und das von Rudolf Wackernagel geleitete Katalogprojekt des Marstallmuseums Nymphenburg (seit 1998). Auch für Wien, wo sich ein besonders großer Bestand an äußerst qualitätvollen Kutschen erhalten hat und das zugleich eines der wichtigsten Zentren des europäischen Wagenbaus war, läßt ein breit angelegtes Forschungsprojekt die besten Ergebnisse erwarten. Durch die systematische Aufarbeitung der Aktenbestände des k.k. Oberststallmeisteramtes (HHStA) unter gleichzeitiger Heranziehung von repräsentations,- kunst- und handwerksgeschichtlichen Quellen sollen die in der Wagenburg des Kunsthistorischen Museums erhaltenen Fahrzeuge des Wiener Hofes erstmals wissenschaftlich bearbeitet werden. Die Forschungsergebnisse sollen in eine zweibändige Publikation münden, die neben dem wissenschaftlichen Katalog des erhaltenen Sammlungsbestandes (Band 1) eine übergreifende Darstellung des Wiener Wagenbaus als Teil der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte- (Band 2) beinhaltet.
Die Wiener Wagenburg in Schönbrunn zählt weltweit zu den besterhaltensten höfischen Kutschensammlungen. In Widerspruch zur kulturhistorischen Bedeutung dieser Kollektion stand der bislang unzureichende Kenntnisstand über ihre Objekte, deren Entstehungshintergrund und Verwendungsgeschichte. Das Forschungsprojekt bot erstmalig Gelegenheit, den für die Sammlung relevanten Aktenbestand des Oberststallmeisteramts, der im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv aufbewahrt wird, systematisch in einem elektronischen Datenbanksystem zu erfassen und auszuwerten. Die erzielten Ergebnisse sind vielfältiger Natur. Sie betreffen zahlreiche der etwa 2000 Kutschen und Schlitten unterschiedlichen Typs, die zwischen 1740 und 1918 für den kaiserlichen Fuhrpark gebaut wurden. Aber auch noch früher hergestellte Fahrzeuge wurden berücksichtigt, sofern sie in den Quellen nachweisbar waren. So konnten etwa Karossen des Moskauer Kreml-Museum als die derzeit ältesten erhaltenen Erzeugnisse des barocken Wiener Wagenbaus identifiziert werden. Sie wurden 1726/28 als Geschenk für den russischen Hof hergestellt. An ihrer Enstehungsgeschichte zeigt sich die enorme kunsthistorische und staatspolitische Rolle barocker Prunkwägen. Für die letzten Jahre der Monarchie wurde die Einführung der Hofautomobile in den kaiserlichen Fuhrpark rekonstruiert. Dabei konnte die weit verbreitete Vorstellung revidiert werden, daß der Wiener Hof dem Automobilismus ablehnend gegenüber gestanden sei. Darüber hinaus ist nun die Geschichte der k. k. Hofsattlerei für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts vollständig dokumentiert: Sie war ursprünglich nur eine Reparaturwerkstatt und wurde 1820 zur Wagenfabrik erweitert, die selbständig produzierte und den Vergleich mit den bedeutendsten Wiener Manufakturen nicht zu scheuen brauchte. Im Jahr 1842 wurde die Hofsattlerei aus Kostengründen abermals zu einer kleinen Werkstatt für geringfügige Ausbesserungsarbeiten rückgebaut. Zu den überraschenden Ergebnissen zählt weiters, daß der Beginn des musealen Betriebs der Wagenburg wesentlich früher als bisher angenommen, nämlich schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts anzusetzen ist. Augenmerk wurde auch auf die Geschichte der höfische Livreen gelegt, die zum Gesamterscheinungsbild von Equipagen gehörten und von denen zahlreiche Exemplare noch heute in der Sammlung Monturdepot aufbewahrt sind. Die Fülle des Archivmaterials erlaubte nur die Aufarbeitung von circa der Hälfte des zu berücksichtigenden Aktenmaterials, weshalb ein Nachfolgeprojekt eingereicht und auch bewilligt wurde. Mehrere Teilergebnisse wurden bereits in Form von Aufsätzen publiziert. Ein Gesamtüberblick wird erst nach Abschluß des zweiten Forschungsprojekts mit der Veröffentlichung des ersten wissenschaftlichen Sammlungskatalogs der Wagenburg vorliegen.
- KHM-Museumsverband - 100%
Research Output
- 356 Zitationen
- 1 Publikationen
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2012
Titel Cyanophora paradoxa Genome Elucidates Origin of Photosynthesis in Algae and Plants DOI 10.1126/science.1213561 Typ Journal Article Autor Price D Journal Science Seiten 843-847