Architektur und Baukasten
Architecture and building blocks
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Bauwesen (70%); Erziehungswissenschaften (15%)
Keywords
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MORPHOLOGIE,
ARCHITEKTURMODELL,
GESTALTUNGSLEHRE,
ARCHITEKTURTHEORIE,
BAUKASTEN,
KULTURWISSENSCHAFT
Forschungsprojekt P 14493Architektur und Baukasten Anita AIGNER09.10.2000 Ausgehend von den theoretischen Überlegungen des Pädagogen Friedrich Fröbel und seinen von ihm im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelten Spiel- und Beschäftigungskästen, wird im geplanten Forschungsprojekt nach der Ideengeschichte von Bauspielen mit dem Blick auf die morphologische Beschaffenheit, die Gebrauchs- und Funktionsweisen und die erzieherischen Implikationen der Objekte, sowie nach der Relevanz von Architekturbaukästen im Kontext des Architekturmodells gefragt. Die verschiedenen Untersuchungsperspektiven finden ihre kategoriale Entsprechung in der von Fröbel konzipierten Einteilung des Gebrauchs von Bauspielen in Erkenntnisform, Schönheitsform und Lebensform. So soll zunächst der Baukasten als Produkt einer an der euklidischen Geometrie gemessenen Vorstellung von Raum, Rationalität und Wissen anhand einer historischen Analyse der architektonischen Ausbildungspraxis betrachtet werden. Ausgehend von einer am Institut für Künstlerische Gestaltung der Technischen Universität Wien beheimateten Sammlung historischer Architekturbaukästen samt Begleitmaterialien, die auch in der Gestaltungslehre zum Einsatz gelangen, soll der Baukasten als potentielles Entwurfsinstrumentarium für ArchitektInnen geprüft werden. Weiters interessiert der Baukasten als Instrumentarium von ästhetischem und auch sozialem Training, wie er den Kindern - und hier vor allem den Knaben als kleinen Weltenbaumeistern - an die Hand gegeben wurde. Es wird dabei mit kulturwissenschaftlichem Interesse nach der Steuerung der Spielvorgänge durch die Konzeption von Lernbehelfen und den zugrundeliegenden, historisch jeweils verschiedenen Konstruktionen von Kindheit zu fragen sein. Schließlich soll der Baukasten als Problem der modellhaften Darstellung von Architektur aufgefasst werden. Anhand ausgewählter Entwürfe soll der Baukasten als Instrument eines modellhaften Bauens vorgeführt werden - eines Bauens, das sich als Abbildmodell des Gestaltungsmodelles versteht, mit dem im Entwurfsprozeß agiert wurde. Anhand der Baukdästen sollen signifikante Gattungen von Modellbildungen architektonischer Entwurfsprozesse erarbeitet werden. Die Ergebnisse werden im folgenden in einem breiteren architekturhistorischen Kontext ausgewertet werden und dienen dazu, Architekturen im Kontext einer allgemeinem anwendbaren Theorie zu betrachten.
Im Forschungsprojekt wird der Baukasten aus pädagogisch-psychoanalytischer, architektur-geschichtlicher und architekturtheoretischer Perspektive untersucht. Er findet dabei auf unterschiedliche Weise, als Instrumentarium von ästhetischem und sozialem Training, als auf Raster basierendes kombinatorisches Ordnungsprinzip in architektonischen Entwurfslehren und als Vorstellungsbild beim architektonischen Entwurfsprozess Behandlung. Die psychoanalytische Befragung fokussiert die Rolle des Baukastens in der "Internationale der Spielzeugpistolen, der Plüschtiere und Barbiepuppen" (G. Didi-Huberman). Das Spielen mit Bauklötzen wird hier als ein alltagskulturelles frühkindliches Phänomen betrachtet. Neben einer Charakterisierung des Spielvorganges und seinen materiellen Voraussetzungen werden die Tätigkeiten Spielen, Lernen und Arbeiten gemäß den pädagogischen Theorien v.a. von Friedrich Fröbel und Maria Montessori differenziert. Unter Einbindung der psychoanalytischen Verstehensweisen des frühkindlichen Spieles von M. Klein, D. W. Winnicott, H. Segal und S. Freud, wird argumentiert, dass spielerisches Bauen im Kontext der Übergangsphänomene, als Aneignung von Welt und Etablierung von Handlungsfähigkeit, zu denken ist. Die Architektur ist bisweilen das Ergebnis eines abstrakten Spiels mit Modulen. Die Grundeinheiten, von denen der Entwurfsvorgang abhebt, sind entweder Elemente des praktischen Bauens (z.B. Ziegelstein) oder das Produkt einer abstrahierenden Analysearbeit (Gebäudeteile). Aus architekturgeschichtlicher Perspektive wird nach den im Zuge der Verwissenschaftlichung architektonischer Praxis systematisierten Entwurfslehren gefragt, die vom Raster als Entwurfs- und Zeichenhilfe abheben. Konkret wird das standardisierte architektonische Kompositionsverfahren von J.N.L. Durand mit der Bauentwurfs- und Bauordnungslehre von E. Neufert verglichen. Damit können Gründzüge der taylorisierten Moderne bereits am Anfang der institutionalisierten Architekturausbildung in Frankreich ausgemacht werden. Eine empirische Studie kontextualisiert Fragen modulbasierter wie durch neuen Medien bestimmter Gestaltungsprozesse im Bereich der Gestalungslehre. Im Zentrum der dritten Befragung steht der Baukasten als Sonderform des Architektur-modells und das Verhältnis von Modell und gebauter Architektur. Die Originalität der hier vorgestellten These besteht darin, dass die tradierte Vorstellung des Verhältnisses von Architekturmodell und Bauwerk umgekehrt wird. Die These wird an drei Beispielen (dem Glasbaukasten von Bruno Taut, dem New-City Ingenius-Baukasten von Wilhelm Kreis und dem Baukasten im Großen von Walter Gropius) exemplifiziert, die zugleich drei unterschiedliche Ansätze der Architektur des 20. Jahrhunderts wiederspiegeln (Expressionismus, Funktionalismus, Funktionalismus). Womit ein Beitrag zu einer allgemein anwendbaren Theorie geleistet wird, die nicht Forderungen aufstellt, wie gebaut werden soll, sondern aufzeigt, wie gebaut wird.
- Technische Universität Wien - 100%