Transformationsprozesse und Demokratieentwicklung
Transformation Processes and Democracy
Wissenschaftsdisziplinen
Rechtswissenschaften (40%); Soziologie (60%)
Keywords
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TRANSFORMATION PROCESSES,
INDIVIDUAL MEMORY,
DEMOCRACY,
IDENTITY,
COLLECTIVE MEMORY,
TRAUMA
Die politischen Umwälzungsprozesse von 1989 waren in ihren Folgewirkungen gerade in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen, als die gesellschaftspolitische Situation in Jugoslawien eskalierte und der Krieg ausbrach. Die Bevölkerung, die sich über einen langen Zeitraum an die Praxis des politischen Manövrierens angepasst hatte, war wie ein Spielball in der Auseinandersetzung der politisch-ideologischen MachtträgerInnen, wobei das Nationale bzw. nationale Programme zur Schaffung von nationalen Wahrheiten im Mittelpunkt standen. Ausgehend von den Ergebnissen der Transformationsforschung werden im Rahmen dieses Forschungsprojektes sowohl die gewalttätigen gesellschaftspolitischen Veränderungsprozesse angesprochen als auch der Zusammenhang zwischen den individuellen Verarbeitungsweisen hergestellt, wobei dem Erinnern bzw. dem Vergessen ein zentraler Stellenwert zukommt. Dies bedeutet, der Frage nach dem Diskurs um die Vergangenheit und dem damit verbundenen kulturellen Gedächtnis nachzugehen. Dabei konzentriert sich die Fragestellung darauf, ob politische und soziale Stabilität auf Kosten des Vergessens und Verdrängens hergestellt wird oder ob eine Bearbeitung der Vergangenheit gesellschaftlich gewünscht und vorangetrieben wird. Bemüht sich eine Gesellschaft einen sensiblen Bezug zum Erinnern herzustellen, dann können sowohl die Folgen einer nicht heilbaren Zeit` in einen politischen Kontext gestellt als auch die Demokratisierung der politischen Verhältnisse vorangetrieben werden. Die Bedeutung dieser historisch ausgerichteten Zugangsweise kann auf die prägende Bedeutung von Verhaltensweisen in einer Gesellschaft durch langfristig gewachsene Strukturen verweisen. Wenn sich nun die Vergangenheit als eine Abfolge von Gewalterfahrungen beschreiben läßt, dann stellt sich die Frage nach der Zukunft und den damit verbundenen Hoffnungen, Wünschen und Erwartungen vor dem Hintergrund des nationalistisch induzierten Zerfall des ehemaligen Vielvölkerstaates Jugoslawiens. Vor diesem Hintergrund wird versucht, den historisch gewachsenen Zusammenhang zwischen individueller und kollektiver Erinnerung, zwischen Erinnerung und Identität sowie zwischen Vergangenheit und Zukunftserwartungen - insbesonders den individuellen Erwartungen, Phantasien und Wünschen in eine zukünftige Demokratie - herzustellen.
Die politischen Umwälzungsprozesse von 1989 waren in ihren Folgewirkungen gerade in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen, als die gesellschaftspolitische Situation in Jugoslawien eskalierte und der Krieg ausbrach. Das Jugsolawien nach Titos Tod war von zwei sich überlappenden Entwicklungen gekennzeichnet. Während Anfang der achtziger Jahre das kommunistische System aufgruand sozialer, wirtschaftlicher und politischer Faktoren immer mehr in Bedrängnis kam und sich eine Ungewissheit und Orientierungslosigkeit in den Menschen breit machte, benützten nationalistische Ideologen und Ideologinnen das entstandene Vakuum, um ihre Ideologien als rettende Insel anzubieten. Dies bedeutet im Wesentlichen keine radikale Änderung, sondern es wurde eine autoritäre Ideologie gegen eine Nationalistische versucht auszutauschen. Die Bevölkerung, die sich an diese Art und Weise des politischen Manövrierens angepasst hatte, war wie ein Spielball in den politisch-ideolgoischen Auseinandersetzungen, wobei das Nationale bzw. Programme zur Schaffung von nationalen Wahrheiten im Mittelpunkt standen. Damit zeichnete sich die politische Katastrophe bereits ab: An die Stelle einer Solidarisierung der demokratischen Kräfte trat eine Entsolidarisierung entlang nationaler Linien. Auf diese Weise kam es statt einer Ablöse des kommunistischen Systems zur Zerschlagung der Vielvölkerstaates. "Das war die Stunde der alten und neuen Machteliten, die den nationalistischen Zug kräftig in Schwung brachten, die Kontrolle über die Medien an sich rissen und ihren jeweiligen Völkern die Angst vor den anderen implantierten." 1 Diese politisch aufgeladene Situation mit ihren gesellschaftspolitischen Folgewirkungen bildete den Ausgangspunkt für ein zweijähriges Forschungsvorhaben im Bereich der politischen Transformationsforschung. Als die Transformationsforschung versuchte, die politischen Ereignisse 1989 auf unterschiedlichen Ebenen - Wirtschaft, Politik, Soziales oder Kultur - zu beschreiben, stand sie vor dem Problem, dass es weder Präzedenzfälle, noch ein Wissen über die spezifischen Bedingungen und Wirkungen der Reform- und Umwälzungsprozesse in Ost- und Südosteuropa gab. Die daraufhin entstandene politische und wissenschaftliche Debatte polarisierte sich zunächst an der Frage der Reformierbarkeit ehemals sozialistischer Gesellschaften. 2 In meinen Beitrag beschäftige ich mich weniger mit den theoretischen Diskussionen bezüglich der Reformierbarkeit ehemals sozialistischer Systeme, als mit der Frage nach der Bedeutung von langfristig gewachsenen Strukturen für individuelle Verhaltensweisen. Christopher Hann verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff Postsozialismus` und verweist mit dieser an der Geschichte orientierten Zugangsweise auf ein Weiterwirken der sozialistischen Vergangenheit in den Denk- und Verhaltensweisen von Individuen und Kollektiven. "Der Begriff postsozialistisch, auch wenn er inzwischen eine zunehmend mythische Färbung annimmt, wird so lange relevant bleiben wie die Ideale, Ideologien und Praktiken des Sozialismus für das Verständnis der gegenwärtigen Lage der betroffenen Menschen als Bezugspunkt dienen." 3 Das hohe Ausmaß an Nostalgie und die in den Interviews vorgefundene Idealisierung des Lebens im Sozialismus sind als ein deutliches Zeichen für das Weiterwirken der Vergangenheit anzusehen. 1 Beham, Mira: Die Medien als Brandstifter, in: Bittermann, Klaus (Hg.): Serbien muß sterbien. Wahrheit und Lüge im jugoslawischen Bürgerkrieg, Berlin 1994, 118-134, 125. 2 vgl. etwa Wollmann (Hrsg.): Transformation sozialistischer Gesellschaften, Leviathan 15/1995, Opladen 1995. Papalekas Chr. (Hrsg.): Institutionen und institutioneller Wandel in Südosteuropa, München 1994. 3 Christopher Hann (Hrsg.): Postsozialismus. Transformationsprozesse in Europa und Asien aus ethnologischer Perspektive, Frankfurt 2002, 7.
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