Familienstrukturen und Nation. Makedonische Fallstudien
Family Structure and Ethnicity: Case Studies from Macedonia
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Soziologie (60%)
Keywords
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MAKEDONIEN,
MIGRATION,
FAMILIE,
NATIONALE IDENTITÄT,
DEMOGRAPHIE
Im Rahmen des Forschungsprojektes wird die Rolle der Familie bzw. mit ihr in Verbindung stehenden demographischen Entwicklungen für den Prozess der nationalen Differenzierung in Makedonien im Verlauf des 20. Jahrhunderts untersucht. Die Basis für die Forschungstätigkeit stellen 2 Dörfer in Südwestmakedonien am Rande des geschlossenen albanischen Siedlungsgebietes in Makedonien, die lediglich wenige Kilomter voneinander entfernt sind, dar: Labuniste und Velesta. Das erste ist von Makedoniern und Torbeschen (Muslime slawischer Abstammung), das zweite von Albanern besiedelt. Für die Bewohner und Bewohnerinnen der beiden Dörfer spielte und spielt die Arbeitsmigration eine wichtige Rolle. Die Ausgangshypothese ist, dass die nationalistischen Diskurse, die eine Grundlage für den (späten) nationalen Differenzierungsprozess in Makedonien darstellen, nicht nur von der politischen Makroebene, sondern auch aus mikroweltlichen Zusammenhängen (wie Dorf und Familiestruktur) gespeist wurden und werden. Im einzelnen verfolgen die Forschungen drei Ziele: 1) Die Rekonstruktion der wichtigsten demographischen Entwicklungen (u.a. Fertilität, Nuptialilät, Mortalität) sowie die Entwicklung der Familie in der albanischen, makedonischen und Torbeschen-Bevölkerung. 2) Die Rekonstruktion nationalistischer Diskurse, die auf den unterschiedlichen demographischen und familiengeschichtlichen Entwicklungen zwischen diesen drei ethnischen Gruppen aufbauen. 3) Die Analyse von unterschiedlichen Arbeitsmigrationsmustern in Zusammenhang mit unterschiedlichen Familienstrukturen und deren Rückwirkungen auf die nationalistischen Diskurse. Methodologisch wird auf drei Ebenen gearbeitet: 1) Arbeit mit dem quantifizierbaren und qualitativen Datenmaterials aus der "Halpern-Collection"; 2) Recherchen in Archiven und Bibliotheken in Makedonien; 3) Feldforschung in den beiden Untersuchungsorten (zweimal sechs Monate).
Das Projekt beinhaltete eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Entwicklungsmustern zwischen der orthodoxen Mehrheitsbevölkerung und der muslimischen Bevölkerung Makedoniens seit Beginn der kommunistischen Ära. Die Studie stützte sich auf Feldforschungen in zwei Dörfern, wobei eines beinahe ausschließlich von muslimischen AlbanerInnen, das andere von orthodoxen MakedonierInnenn und TorbeschInnen (makedonisch sprechenden MuslimInnen) bewohnt ist. Viele MakedonierInnen haben in den 1950er Jahren im Zuge der sozialistischen Politik das Dorf verlassen, um in den städtischen Zentren Arbeit zu finden. Die MuslimInnen nahmen ebenfalls an einem Urbanisierungsprozess, wenngleich in einem transnationalen Kontext, teil. Viele männliche Muslime haben Mitte der 1960er Jahre im Rahmen von Anwerbeabkommen zwischen Jugoslawien und europäischen Staaten als sog. `Gastarbeiter im Ausland Arbeit gefunden. Männer dieser ersten Generation lebten über Jahre in der Fremde und kehrten erst in ihrer Pension in ihr Heimatdorf zurück. Im Laufe der Forschung kristallisierten sich daher "Raum" und "Migration" als besonders geeignete Kategorien heraus, anhand derer die unterschiedlichen ökonomischen, kulturellen und politischen Entwicklungsprozesse analysiert werden konnten, die heute bei der Bewertung `des Anderen eine entscheidende Rolle spielen. Das Dorf wurde als Raum definiert, innerhalb dessen soziale und politische Hierarchien sowie Werte der einzelnen Gemeinschaften verhandelt werden. Wie die Analyse ergab, spiegelt das Dorf in Makedonien eine ambivalente Metapher. Einerseits steht es für Rückständigkeit, auf der anderen Seite ist es umstrittener Heimatboden der einzelnen Gruppen. Der ökonomische, soziale und gesellschaftliche Differenzierungsprozess zwischen muslimischer und orthodoxer Bevölkerung fand im Wesentlichen in sozialistischer Zeit statt, erlebte aber mit dem Zerfall Jugoslawiens eine Zäsur. Die Transition lässt weite Teile der dörflichen makedonischen Bevölkerung verarmen, wo hingegen muslimische Gemeinschaften finanziell auf ihre Netzwerke im Ausland zurückgreifen können. Dies wird sehr gut anhand des Wandels der Dorfarchitektur sichtbar.
- Universität Graz - 100%