Via Claudia Augusta - Alpentransit und Handelsbeziehungen
Via Claudia Augusta - Alpine transit and trade relations
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (90%); Philosophie, Ethik, Religion (10%)
Keywords
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Römerstraße,
Handel,
Alpentransit,
Straßenstation
In den Jahren 1999 und 2000 wurden vom Institut für Klassische Archäologie der Universität Innsbruck im Rahmen eines Projektes zur Erforschung der römischen Staatsstraße Via Claudia Augusta Ausgrabungen an einem neu entdeckten Grabungslatz am Fuße des Fernpasses in Biberwier (VB Reutte) durchgeführt. Bei diesen Untersuchungen konnten die Spuren eines frührömischen Holzpfostenbaues mit den Ausmaßen 12,5 x 10 m aufgedeckt werden. Als weitere Befunde sind Abfallgruben derselben Zeitstellung, sowie eine Kultur- oder Planierschicht des 2. Jh. und eine Aufschotterung zu erwähnen. Ein Körpergrab, das vermutlich der Spätantike oder dem frühen Mittelalter angehören dürfte, stellt den jüngsten zu bearbeitenden Befund dar ( 14C-Beprobung nötig). Das reiche und für Tirol bisher singuläre Fundmaterial soll in kritischer Weise wissenschaftlich bearbeitet und ausgewertet werden. Das Fundspektrum umfaßt Fibeln und Schmuck, Geräte des täglichen Gebrauchs, Münzen, Terra Sigillata (Tardo Padana, Südgallische TS, Rheinzaberner TS), Terra Nigra, Feinkeramik aus Oberitalien (Sarius- und graue Eierschalenware) und Lyon/La Butte (Schuppen- und Brombeerschälchen), sowie Gebrauchskeramik (z. B. Auerbergware) und Lavez. Schwerkeramik, wie Weinamphoren ist ebenso vertreten wie Glasgefäße (Rippenschalen, Becher mit Schliffdekor, Glasflaschen und -teller). Als zweiter Schwerpunkt neben der wissenschaftlichen Bearbeitung der Ausgrabung von Biberwier ist die Vorlage und Interpretation des im Zuge von ausgedehnten Prospektionen und Surveys entlang der Via Claudia Augusta geborgenen Fundmaterials geplant. Mehrere hundert Fundstücke, die den intensiven Verkehr auf dieser Straße in römischer Zeit belegen, können neue Hinweise auf kulturelle und merkantile Beziehungen liefern. Neben typischem Fundmaterial, das von Roß und Wagen stammt, sind auch zahlreiche Münzen, Fibeln und Teile der militärischen Ausrüstung vertreten. Zukünftige Untersuchungen zur Via Claudia Augusta und ihrem archäologischen Umfeld werden weitere Erkenntnisse liefern, jedoch erfordert der Umfang der bisherigen Forschungen, die neue interessante Ergebnisse erwarten lassen, eine Publikation des jetzigen Forschungsstandes.
Einige der Neufunde aus der Grabung in Biberwier, wie der erstmalige Nachweis von Campana-Ware oder Sarius- Ware in Norgtirol, liefern gerade für die Frühzeit der römischen Herrschaft in Tirol unerwartete Aspekte der Versorgung mit Gütern des täglichen Lebens und eine bislang unbekannte starke Anbindung an das italische Mutterland. Ab der Mitte des 1. Jh. n. Chr. sind Handelskontakte nach Gallien durch Feinkeramik aus dem Rhônetal und südgallische Terra Sigillata aus La Graufesenque nachweisbar. Im 2. Jh. wird Terra Sigillata aus Mittelgallien importiert bis gegen ende des Jahrhunderts und im 3. Jh. die Töpfereien von Rheinzabern im Fundbestand vorherrschen. In geringem Umfang ist raetische und rheinische Glanztonware in die Siedlung gelangt. Rhodische Amphoren der Form Camulodunum 184 belegen Import von Wein aus dem östlichen Mittelmeerraum. Handelskontakte mit Regionen außerhalb des Imperium Romanum belegen Halbedelsteine aus Afghanistan und Indien, die wohl im Mittelmeerraum zu Ringgemmen weiterverarbeitet worden sind. Die Siedlung in Biberwier muss eine wichtige Position innerhalb der Verkehrsorganisation entlang der Via Claudia Augusta eingenommen haben, ob sie als staatliche Straßenstation interpretiert werden kann, muss aufgrund fehlender Quellen zur Organisation und vergleichbarer Orte entlang Via Claudia Augusta offen bleiben. Die Entwicklung des römischen Siedlungsplatzes kann größtenteils mit der Baugeschichte des nur wenige hundert Meter entfernten Abschnittes der Via Claudia Augusta als Bohlenstraße durch das Lermooser Moor parallelisiert werden. Die Zäsur mit dem Hiatus in der Baugeschichte der Moorstraße in der Zeit zwischen 260 und 270 n. Chr. zeigt sich auch im Spektrum der Kleinfunde der Siedlung - mit einem Unterschied: während die Straße bis ins Frühmittelalter weiter in Verwendung war, endet die römische Siedlung in Biberwier, zumindest im archäologisch untersuchten Bereich. Unter den für die Handels- und Verkehrsströme aufschlussreichen Trachtelementen in Form von Fibeln aus dem Umfeld der Via Claudia Augusta sind sowohl Formen vertreten, die im gesamten Imperium verbreitet waren, wie auch regionalspezifische Typen. Darunter befinden sich erwartungsgemäß einheimische Sonderformen, aber auch typische Fibeln aus Oberitalien oder vom Unterlauf des Mains. Die römischen Fundmünzen, die bei Prospektionen entlang der Via Claudia geborgen werden konnten, legen eine Benutzung während der gesamten Zeit der römischen Herrschaft über die Provinz bis zum Versiegen der geregelten Geldzufuhr am Ende des 4. Jh. n. Chr. nahe. Eine intensivere Nutzung für einen bestimmten Zeitabschnitt lässt sich nicht feststellen. Bemerkenswert ist jedenfalls die Zunahme von kleineren Münzsammelfunden gegen Ende des 2. Jh. und im 3. Jh. n. Chr. Gerade für die Zeit der Provinzwerdung Raetiens zeigt sich durch die Bearbeitung des Fundmaterials aus Biberwier eine stärkere Beeinflussung der inneralpinen Region aus dem Mittelmeerraum - zumindest entlang der Transitroute Via Claudia Augusta - als bisher angenommen wurde.
- Universität Innsbruck - 100%