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Sprachliche Innovation und Konzeptwandel in Westafrika

Linguistic Innovation and Conceptual Change in West Africa

Norbert Cyffer (ORCID: 0000-0001-9003-9491)
  • Grant-DOI 10.55776/P15764
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2002
  • Projektende 30.06.2005
  • Bewilligungssumme 295.256 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)

Keywords

    Afrikanistik, Linguistik, Arealtypologie, Verkehrssprachen, Sprachkontakt, Sprachwandel

Abstract Endbericht

Die sprachliche Situation in der westlichen Sahelregion wurde durch kontinuierliche gesellschaftliche, historische, ökologische und ökonomische Umbrüche entscheidend geprägt. In diesem Projekt werden verschiedene Aspekte der sprachlichen Dynamik, die durch diese Umbrüche ausgelöst wurden, untersucht. Die Projektteilnehmer gehen davon aus, daß sprachliche Strukturen nicht nur durch ihre sprachverwandt-schaftliche Zugehörigkeit, sondern auch in bedeutendem Umfang durch Sprachkontakt geprägt werden. Während dieser im lexikalischen Bereich leichter nachweisbar ist, sind seine Spuren im Bereich von Mor-phologie und Syntax schwerer aufzufinden. Die Untersuchungen finden vor allem in Mali, Burkina Faso und Nigeria statt. In diesen Ländern finden sich Einflußzonen wichtiger Verkehrssprachen (Hausa, Kanuri, Bambara-Dioula, Fulfulde). Die Auswahl der Kontaktzonen basiert auf folgenden Kriterien: a) Die Kontaktsituation in den gewählten Regionen ist besonders ausgeprägt, b) die historischen Entwicklungen der Kontaktzonen sind hinreichend dokumentiert, c) die genannten Wissenschaftler sind für die Forschung in den Gebieten bestens qualifiziert. Im Zentrum der Studie stehen ausgewählte Aspekte a) der Phonologie/Tonologie und b) der Morphologie und Syntax. Im Bereich a) untersuchen wir Anpassung bzw. Übernahme von Ton- und Lautstrukturen, im Bereich b) Übernahme und Konzeptualisierung struktureller Merkmale. Neben engeren linguistischen Erkenntnissen werden Zusammenhänge zwischen Sprachdominanz und Sprachtransformation in Vergan-genheit und Gegenwart untersucht. Insbesonders sind folgende Teilaspekte für die Untersuchung der Kontaktphänomene vorgesehen: Übernahmestrategien bei unterschiedlichen tonalen Systemen bzw. bei Kontakt Tonsprache-Nichttonsprache; phonetische/phonemische Lautanpassung; Veränderungen von TAM-Systemen durch Sprachkontakt; syntaktische Subordination auf unterschiedlichen strukturellen Ebenen; Über-nahme von Fokus und Topik; durch Kontakt beeinflußte Satzstrukturen. Anschließend wird eine Synthese der Untersuchungsergebnisse der verschiedenen Kontaktzonen gebildet, um zu allgemeinen Aussagen über Veränderungen durch Sprachkontakt zu gelangen, wie z.B. über sprachgeschichtliche und sprachtypologische Prozesse. Es geht vor allem um Veränderungstendenzen beim Übergang von Muttersprachen zu Verkehrssprachen und sprachstruktureller Umformungen lokaler Sprachen durch Verkehrssprachen. Wir beabsichtigen eine enge Kooperation mit Projekten im sprachty-pologischen Bereich (Univ. Prag, Nizza, Bayreuth).

Das Forschungsprojekt Sprachliche Innovation und Konzeptwandel in Westafrika (SIKWA) untersuchte Aspekte des durch Kontakt ausgelösten Sprachwandels in Mali, Burkina Faso und Guinea und in Nordostnigeria. In der ersten Region wurden die Beziehungen zwischen dem Mandenkan (Bambara, Dioula, Maninka etc.) und dessen Kontaktsprachen untersucht, in`Nordostnigeria die Beziehungen zwischen dem Hausa, dem Fulfulde und dem Kanuri. Zunächst wurden sprachliche Merkmale herausgefiltert, die in Situationen des Sprachkontakts besonders leicht Veränderungen erfahren. Danach wurden diese Phänomene genauer untersucht. Auch die Aufnahme einzelner soziologischer Daten, wie z.B. die dominierenden Familiennamen, half bei der linguistischen Analyse. In verschiedenen Nordsamo-Regionen in Burkina Faso zeigt sich ein deutlicher Einfluss der Pana-Sprache, obwohl diese heute in diesen Gegenden nicht mehr gesprochen wird. Dennoch ist dieser Einfluss nachvollziehbar: In den heutigen Nordsamo-Siedlungen finden sich viele Familiennamen aus dem Pana. Wir gelangten zur Auffassung, dass in diesen Regionen eine ursprüngliche Pana-Bevölkerung von hinzugekommenen Nordsamo-Migranten assimiliert wurde. Dies führte zum Sprachwechsel vom Pana zum Nordsamo durch die ursprüngliche Bevölkerung. Im lokalen Nordsamo blieben Relikte der ehemaligen lokalen Sprache Pana erhalten: In Nordostnigeria beobachteten wir deutliche Tendenzen zur Herausbildung neuer Satzstrukturen, die über Sprachgruppen hinausgehen. Betrachtet man Quellen aus dem 19 Jh., so finden sich im Kanuri jener Zeit kaum Nebensatzkonstruktionen. Heute können wir einen großflächigen Wandel erkennen, wobei sich Nebensätze herausbildeten und ähnliche Satzmuster in einer größeren Region verbreiteten. Die dazu erforderlichen Konjunktionen wurden entweder von anderen Sprachen entlehnt oder sprachintern grammatikalisiert. Entlehnte Elemente und Konzepte stammen von `Geber-Sprachen`, deren Status und Bedeutung erheblichem Wandel unterliegen. Die Funktion als `Geber-Sprache` kann sich im Laufe der Geschichte erheblich verändern und hängt meist eng mit politischem und wirtschaftlichem Wandel zusammen. So übte die Sprache Kanuri zu Blütenzeiten des Reiches Kanem-Borno erheblichen Einfluss auf Kontaktsprachen aus, während heute das Hausa diese Rolle übernommen hat. Das Projekt hat unterstrichen, dass sprachliche Ähnlichkeiten nicht unbedingt mit genetischer Verwandtschaft zusammenhängen müssen (Sprachfamilien). In der Untersuchungsregion Nordostnigeria zeigen sich Tendenzen zur Herausbildung von Sprachbünden. In Sprachbünden gleichen sich unterschiedliche Sprachen in Teilen ihrer Strukturen an. Das Projekt SIKWA hat einen Beitrag dazu geleistet, Phänomene des sprachlichen Wandels über die Untersuchungsregion hinaus aufzuzeigen und nachvollziehbar zu machen. Es fügt sich somit gut in die Forschungslandschaft sprachlichen Verhaltens ein.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

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