Die perotische Gesellschaft von Istanbul 1918/23 bis heute
The Péra-Society of Istanbul from 1918/23 to the Present
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (25%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (25%); Soziologie (50%)
Keywords
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Cotemporary History,
Minorities/Ethno-Sociology,
Southestern Europe/Istanbul,
Multicultural Society,
Oral History,
Cultural Anthropology
Das vorliegende Forschungsvorhaben über die perotische Gesellschaft von Istanbul (1918/23 bis heute) versteht sich als ein Beitrag zur Multikulturalismusdebatte, Minderheitenforschung und Kulturanthropologie im südosteuropäischen Raum. Der Begriff perotische Gesellschaft bezieht sich auf die nichtmuslimische Bevölkerung des Istanbuler Stadtteils Péra/Beyoglu. Auf verhältnismäßig engem Raum trafen in Péra, dem früheren Botschaftsviertel, seit dem späten 19.Jahrhundert Immigranten aus ganz Europa einerseits und bereits in Istanbul etablierte nichtmuslimische Gruppen andrerseits zusammen, die in Richtung des wirtschaftlich aufstrebenden Péras expandierten. Obzwar ethnisch und kulturell Unterschiedliches der kulturellen Einzelelemente erhalten und bis heute deutlich wahrnehmbar bleibt, sind doch alle diese Kodes eine spezifische kulturelle Konfiguration eingegangen und wurden dadurch zu konstitutiven Elementen einer neuen, immer wieder aufs Neue von ihren Trägern gespeisten kulturellen Einheit. Es entstand eine multikulturelle und -ethnische, stark von europäisch- bürgerlichen Traditionsmustern geprägte urbane Gesellschaft, die perotische Gesellschaft. Zentrales Anliegen der Studie ist es zu zeigen, daß die perotische Gesellschaft der Umbruchphase von 1918/23 standgehalten hat und bis heute in Resten als multikulturelle und -ethnische Ganzheit sichtbar fortbesteht, und über Generationen gewachsene, aus Péra`s multikulturellem Ambiente hervorgegangene Identitäten ausgebildet hat und noch ausbildet, die auf ein im supranationalen Bereich wurzelndes Gemeinschaftsbewußtsein hinweisen und dieses gleichzeitig auch fördern. Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Phänomen perotische Gesellschaft ergibt sich aus der Tatsache, daß die türkische Geschichtsforschung seit den letzten zehn Jahren sich verstärkt mit der Geschichte von Péra beschäftigt, wobei die Erforschung dieses Themenkomplexes von westlicher Seite auf eine national sehr sterile Sichtweise beschränkt bleibt. Im Westen, die griechische Geschichtsschreibung eingeschlossen, wird mit perotischer Gesellschaft gemeinhin eine Pluralität von Kulturen und Ethnien assoziiert, die zwar durch Wechselwirkungen miteinander vernetzt sein können, die jedoch im Grunde strikt getrennt nebeneinander bestehen. Der projektierte Themenkomplex stellt im internationalen und nationalen Forschungsbetrieb einen innovativen Ansatz dar. Methodisch fühlt sich das Projekt Ansätzen aus der Oral-History verpflichtet; schriftliche Quellen werden nur ergänzend beigezogen. Umfangreiche Interviews mit mehreren Generationen der perotischen Gesellschaft geben Aufschluß über ihr Selbstbild und Selbstverständnis, machen Ursachen für Transformationen von Identitäten in einem Zeitraum von rund 80 Jahren faßbar und erlauben, Perspektiven für ein zukünftiges multikulturelles und -ethnisches Konstrukt zu entwickeln.
- Universität Graz - 100%