Der Oberleiserberg - Eine spätantike Höhensiedlung
Oberleiserberg - a late antique hilltop settlement
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Höhensiedlung,
Spätantike,
Akkulturation,
Herrschaftszentrum,
Wirtschaft
Der mit 457 m Meereshöhe landschaftsbeherrschende Oberleiserberg liegt im niederösterreichischen Weinviertel im Zentrum der Leiserberge, etwa 40 km nördlich von Wien nahe der Ortschaft Ernstbrunn. Er zählt in der österreichischen Frühgeschichtsforschung zu den bekanntesten und wichigsten Fundplätzen im mittleren Donauraum. Seit Jahren finden dort systematische Ausgrabungen statt, deren Ergebnisse einen wesentlichen Beitrag zur Römischen Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit im mittleren Donauraum darstellen. Durch den Nachweis von römischen Gebäuden und Siedlungsstrukturen erkannte man schon am Beginn des 20. Jhs. in ihm einen neuralgischen Punkt im Rahmen der römisch-germanischen Auseinandersetzungen und Beziehungen. Lange Zeit wurde der Oberleiserberg im wissenschaftlichen Schrifttum als römische `StationA geführt und galt als militärischer Stützpunkt zur Zeit der Markomannenkriege. Die Forschungen der letzten Jahre aber ergaben, dass der Oberleiserberg als spätantike Höhensiedlung mit repräsentativen Gehöften Träger eines bedeutenden Herrschaftszentrum der Völkerwanderungszeit im mittleren Donauraum ist. Das Anliegen und Ziel des Projektes ist die spätantike Höhensiedlung am Oberleiserberg. Durch die Forschungen am Berg sollen, auch unter Berücksichtigung der historischen Quellen, die Art und Funktion der Höhensiedlung, die Struktur und Innenbebauung der Höhensiedlung, die Funktion und innere Gliederung der Gebäude, Chronologie, wirtschaftliche Grundlagen der Höhensiedlung, Akkulturationsprozesse, Ethno- und Sozialstrukturen der spätantiken Gesellschaft am Oberleiserberg untersucht werden. Als Forschungsschwerpunkt des folgenden Projektes wurde das nordöstlichen Vorfeld des Herrenhofes ausgewählt, wo weitere repräsentative Gebäude und zum Herrenhof gehörige Wirtschaftsgebäude vermutet werden.
Im Rahmen des FWF-Projektes P19525 "Der Oberleiserberg - eine spätantike Höhensiedlung" wurden in den Jahren 2002-2006 die archäologischen Forschungen am völkerwanderungszeitlichen Herrschaftszentrum auf dem Oberleiserberg weitergeführt. Dabei wurde das östlich bzw. nordöstlich an den Herrenhof anschließende Gelände untersucht. Im Zentrum der Forschungen standen ein durch die geomagnetischen Messungen entdeckter, lang gestreckter Ständerbau mit Fundamentgräben und dessen Umfeld. Weiters wurden baugeschichtliche Untersuchungen im Bereich der Nordostecke des Herrenhofes durchgeführt. Dabei konnten bedeutende Ergebnisse für die völkerwanderungszeitliche Gesamtbesiedlung auf dem Oberleiserberg gewonnen werden. Es wurden Teile der Hofmauer freigelegt, die das Hauptgebäude des Herrenhofes ab dem letzten Viertel des 4. Jhs. n. Chr. umgab. Sie wurde um die Mitte des 5. Jhs. n. Chr. bis auf die unterste Steinschar geschliffen und durch eine Holzarchitektur ersetzt. Das östliche Vorfeld des Herrenhofes wurde erst in der vorgeschrittenen ersten Hälfte des 5. Jhs. n. Chr. intensiv besiedelt und für Einrichtungen des Handwerks und der Nahrungsmittelproduktion genutzt. Insgesamt wurden zehn Backöfen bzw. Öfen und drei eingetiefte Pfostenbauten untersucht. Die eingetieften Pfostenbauten dürften mit der Textilproduktion in Verbindung stehen. Eine Feinschmiede wurde schon bei den früheren Forschungen freigelegt. Das Handwerk war für den Herrschaftssitz des 5. Jhs. n. Chr. ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor Dieser Siedlungshorizont dürfte um die Mitte des 5. Jhs. einem größeren Schadfeuer zum Opfer gefallen sein. Ob dies mit einem größeren historischen Ereignis in Verbindung steht, lässt sich noch nicht konkret sagen. Langrechteckige Ständerbauten sind vor allem für den jüngsten völkerwanderungszeitlichen Siedlungshorizont charakteristisch. Etwa von der Mitte bis in die zweite Hälfte des 5. Jhs. n. Chr., dürfte der Ständerbau mit den Fundamentgräben und Schwellbalkenriegeln sowie offener Vorhalle (Portikus) bestanden haben. Er ist leicht trapezförmig und stimmt axial mit den Bauten des Herrenhofes überein. Er misst an der Nordseite 29,70 m, an der Südseite 30,83 m, an der Westseite 8,39 m und an der Ostseite 8,34 m. Vom mittig gelegenen Korridor konnte man beide seitlich anschließenden Räume betreten. Das Gebäude ist durch in den Felsen eingetiefte Fundamentgräben mit Negativabdrücken von Pfostenständern an den Innen- und Außenwänden charakterisiert. An der Westseite des Ständerbaues befinden sich in einem Abstand von ca. 3 bis 3,25 m zum Gebäude Pfostengruben einer offenen Vorhalle (Portikus). In den römischen Provinzen wurden Gebäude mit ähnlichem Grundriss als Speicherbauten für Getreide genutzt. In der zweiten Hälfte des 5. Jhs. n. Chr. endet die Besiedlung.
- Universität Wien - 100%