Orthodoxe Kanonisten und Politiker aus der Donaumonarchie
Orthodox Canonists and Politicans from the Austrian Empire
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Philosophie, Ethik, Religion (30%); Rechtswissenschaften (30%)
Keywords
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Orthodoxes Kirchenrecht,
Orthodoxe Theologenausbildung,
Osterweiterung,
Kirchenpolitik der Donaumonarchie,
Orthodoxe Juristikationsfragen,
Bibliographie orth. Wissenschafler
Im 19. Jh. leisteten orthodoxe Kanonisten aus der Donaumonarchie maßgebliche Beiträge zur wissenschaftlichen Durchdringung orthodoxen Kirchenrechts. Aufgrund ihrer nach den zeitgenössischen mitteleuropäischen Standards erfolgten gediegenen Ausbildung ging J. v. Zhishman, mit dem sich das Projekt in besonderer Weise befaßt, aber auch N. Milaš, M. Potlis und A. v. Saguna an ihre Materie mit neuzeitlichen, im westlichen Kontext entwickelten wissenschaftlichen Methoden heran. So schufen sie Werke, die bis heute die Grundlage wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem orthodoxen Kirchenrecht darstellen. Darüber hinaus stellen ihre Arbeiten in einem beachtlichen Ausmaß einen Maßstab für die aktuelle rechtliche Praxis in den heutigen orthodoxen Kirchen dar. Gemeinsam ist ihnen aber auch, daß ihre Arbeit direkte politische Auswirkungen hatte. Denn ihrer aller wissenschaftliche Arbeit verband sich immer wieder auch in vielfältiger Weise mit (kirchen)politischen Anliegen und aktivem politischen Engagement innerhalb der stark kirchenpolitisch vernetzten nationalen Bewegungen des 19. Jh.s. Damit kommt ihnen aber nicht nur eine von der Forschung bislang nur ungenügend gewürdigte Bedeutung im Kontext der politischen Umgestaltung Europas im 19. Jh., sondern auch erneut in den aktuellen politischen Entwicklungen zu, in deren Rahmen die Orthodoxen Kirchen und ihre rechtlichen Traditionen ebenfalls eine maßgebliche Rolle spielen. Geplant ist in einem ersten Schritt die Erarbeitung einer wissenschaftlich fundierten, in den allgemeinen historischen Kontext eingebetteter Biographien und Bibliographien von J. v. Zhishman und deren Vernetzung mit der bereits weitgehend geleisteten Aufarbeitung des Wirkens von A. v. Saguna und M. Potlis. In einem zweiten Schritt soll einerseits die Evaluierung des wissenschaftlichen Nachlasses der untersuchten Persönlichkeit und die Formulierung von Forschungsdesiderata für eine wissenschaftliche Durchdringung orthodoxen Kirchenrechts aus heutiger Sicht erfolgen. Andererseits soll im Kontext der aktuellen (kirchen)politischen Fragen - wie beispielsweise grundsätzliche Fragen der Integration orthodox geprägter Länder in die Europäische Union, Jurisdiktionsfragen in den europäischen orthodoxen Kirchen, Erneuerung der orthodoxen Theologenausbildung - auch eine Evaluierung des (kirchen)politischen Wirkens der selben Kanonisten erfolgen. Dabei wird insbesondere das Wirken von J. v. Zhishman als Berater des Kaisers neu zu untersuchen und mit dem Wirken jener Kanonisten zu vergleichen sein, die selbst als aktive Politiker (M. Potlis, A. v. Saguna, N. Milaš) in Erscheinung traten bzw. auch als Bischöfe (A. v. Saguna, N. Milaš) ihre kanonischen Ordnungsvorstellungen aktiv umsetzen mußten.
Die Sichtung des Nachlasses von Joseph v. Zhishman (1820-1894), des ersten Professors für Orientalisches Kirchenrecht an der Wiener Juristenfakultät, wurde erfolgreich abgeschlossen. Auch wurden in verschiedenen Archiven und Bibliotheken Materialien zur wissenschaftlichen Tätigkeit und Rezeption von Zhishman gefunden. Die Recherchen sind den Erwartungen hinsichtlich der Quellenlage zu Zhishman in jeder Hinsicht gerecht geworden. Von besonderem Interesse sind die Gutachten Zhishmans im Auftrag des Kultusministeriums, auf deren Grundlage sich die Konturen seiner für die Bukowina entscheidenden kirchenpolitischen Aktivitäten deutlich abzeichnen. Zudem haben sich im Nachlass editionswürdige Materialien zu Zhishmans Schülern gefunden, die später Professoren in Czernowitz wurden. Weiters umfasst der Nachlass neben Vorlesungsmanuskripten vor allem Quellen-sammlungen von Zhishman zum Recht, zur Geschichte und zur Theologie der orthodoxen Kirchen. Die vorläufige Edition der strafrechtlichen Quellensammlung wird derzeit von Prof. Spyros Troianos weiter ausgewertet. Aus wirkungsgeschichtlicher Sicht haben sich Zhishmans Mentorentätigkeit und seine mit dieser in enger Verbindung stehenden juristischen Vorarbeiten für die - bis heute einzigartige - akademische Verankerung Orthodoxer Theologie im Zuge der Gründung der Universität Czernowitz als innerhalb seines vielseitigen Engagements besonders bedeutsam herauskristallisiert. Es wurde eine Fülle von Materialien zur orthodoxen theologischen Fakultät aufgefunden, die in der bisherigen Forschung wenig bis gar keine Berücksichtigung gefunden haben. Das zweite Projektziel bestand in der Sondierung der Quellenlage zum serbisch-orthodoxen Kanonisten und Bischof von Dalmatien und Istrien, Nikodim Milaš (1845-1915). Während die Sondierung der Quellen in den Wiener Archiven eine begrenzte Anzahl von relevanten Dokumenten zutage gefördert hat, wurden in Belgrad und Czernowitz weitere Archivmaterialien gefunden. Insbesondere konnte eine umfangreiche Sekundärliteratur zu Milaš gesammelt werden. Das Projekt bewegt sich nicht nur im Rahmen historischer, sondern auch aktueller Fragestellungen. Dazu zählen die Bemühungen um die Reorganisation orthodoxer Theologenausbildung, aber auch die Frage nach der Positionierung der orthodoxen Kirchen in der Gegenwart, nach dem Verhältnis von Kirche(n), Staat und Nation sowie der Problematik territorialer kirchlicher Strukturen. Die projektspezifische Publikation ist für 2006 geplant. Sie wird eine ausführliche Bio- und Bibliographie Zhishmans, einen Beitrag zum orthodoxen Strafrecht, eine bio- und bibliogaphische Abhandlung zu Milaš sowie weitere Beiträge zur orthodoxen Kanonistik im 19. Jh. beinhalten.
- Universität Wien - 100%
- Spyridon N. Trojanos, University of Athens - Griechenland
Research Output
- 13 Zitationen
- 1 Publikationen
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2014
Titel Tax treaties with developing countries and the allocation of taxing rights DOI 10.1007/s10657-014-9465-9 Typ Journal Article Autor Paolini D Journal European Journal of Law and Economics Seiten 383-404