Eric Voegelin in Wien - seine Schaffensperiode 1920 - 1938
Eric Voegelin in Vienna - his intellectual period 1920 - 1938
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (40%); Politikwissenschaften (40%); Soziologie (20%)
Keywords
-
Politische Philosophie,
Politische Soziologie,
Politische Theorie,
Eric Voegelin,
Wissenschaftsgeschichte
Das eingereichte Projekt hat zum Ziel, die frühe - "österreichische" - Periode im Werk des politischen Philosophen Eric Voegelin (1901-1985) zu rekonstruieren. In Köln geboren, kam Voegelin mit seiner Familie 1910 nach Wien. Er studierte an der Universität Wien, wo er später auch außerordentlicher Professor an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät wurde. 1938 musste er gemeinsam mit seiner Frau Österreich verlassen und emigrierte in die USA. Dort lehrte er fortan an mehreren Universitäten. 1958 akzeptierte er einen Ruf an die Universität München, wo er das Institut für Politische Wissenschaften gründete. 1969 kehrte er in die USA zurück und wurde Henri Salvatori Distinguished Scholar an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace der Stanford University. Er starb 1985 in Stanford. Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte er zahlreiche Bücher und eine Vielzahl an Aufsätzen. In der anglo-amerikanischen Welt gilt Eric Voegelin heute als einer der maßgeblichen politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Werk hat in den letzten Jahrzehnten eine entsprechende Rezeption erfahren. Zahlreiche Monographien und Aufsätze sind - aus der Perspektive verschiedener akademischer Disziplinen (Politische Wissenschaften, Rechtswissenschaft, Philosophie, Religionswissenschaft, Theologie, Literaturwissenschaft, Soziologie) erschienen. Was allerdings bis heute relativ unbeleuchtet blieb in der internationalen Voegelin-Rezeption, ist die frühe Phase seines Werkes in Wien während der 1920er und 1930er Jahre. Von 1922 bis 1938 veröffentlichte Voegelin fünf Bücher und eine große Zahl an Aufsätzen und Rezensionen. Aus diesen Jahren existiert auch eine Vielfalt an unveröffentlichtem Material, das im Rahmen von Voegelins Nachlass in den Archiven der Hoover Institution aufbewahrt wird. Dieses Material beinhaltet Manuskripte und handschriftliche Notizen von Vorträgen, die er vor allem an Volkshochschulen hielt, Vorlesungsmaterialien, Prüfungsfragen, Memoranda, Leselisten, Forschungsunterlagen, Korrespondenzen und eine große Anzahl von Zeitungsartikeln (erschienen hauptsächlich in der Neuen Freien Presse). Das Ziel dieses Projektes ist es, auf der Grundlage dieser Materialien die frühe Periode in der Theorieentwicklung Voegelins systematisch aufzuarbeiten und damit der internationalen Voegelin-Forschung neue Perspektiven hinzuzufügen. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Schnittstellen zwischen der Theoriearbeit und den historischen Studien einerseits und der Lehrtätigkeit an der Universität und den Volkshochschulen andererseits. Darüber hinaus soll der Kontext und das intellektuelle Umfeld in diesen Wiener Jahren besonders herausgearbeitet werden. In dieser Hinsicht wird das Projekt auch einen wesentlichen Beitrag zu geistesgeschichtlichen Erforschung der Zwischenkriegszeit in Wien und Österreich leisten.
Das Projekt rekonstruierte die frühe, "österreichische" Periode (1922-1938) im Werk des politischen Philosophen Eric Voegelin (1901-1985). Es untersuchte die Theorieentwicklung und Schwerpunktsetzung Voegelins in diesen Wiener Jahren bis zu seiner Emigration in die USA 1938 und konnte so zeigen, dass wesentliche Elemente seines späteren Ansatzes einer "philosophisch-historischen Erfahrungswissenschaft der geschichtlich-sozialen Wirklichkeit" (J. Gebhardt) schon in diesen österreichischen Jahren entwickelt bzw. grundgelegt wurden. Eine große Menge veröffentlichter und unveröffentlichter Dokumente aus dieser Periode, die in verschiedenen europäischen und amerikanischen Archiven aufbewahrt werden, wurden im Rahmen des Projektes recherchiert und untersucht. Diese Dokumente beinhalten - neben den veröffentlichten Büchern und den leichter zugänglichen Texten in Fachzeitschriften - u. a. handgeschriebene und getippte Manuskripte, Holographen, Vorlesungsmaterialien, Literaturlisten, Memoranda, Notizen und Forschungsmaterialien verschiedener Art, Korrespondenzen und eine Reihe von Beiträgen in Tageszeitungen (vor allem in der Neuen Freien Presse). Voegelins Forschungs- und Theoriearbeiten aus jener Zeit wurden in engem Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit an der Universität und an Wiener Volkshochschulen ebenso wie mit seiner Teilnahme an verschiedenen Diskussionskreisen (u. a. Geistkreis, Ludwig Mises Privatseminar) rekonstruiert. Auf diese Weise konnte ein umfassendes Bild der Tätigkeiten und Entwicklung des "frühen" Voegelins gezeichnet werden. In den 1920er Jahren waren die wichtigsten theoretischen und methodischen Bezugsgrößen für Voegelin Max Weber, Edmund Husserl, Georg Simmel, Othmar Spann und - unübersehbar - Hans Kelsen. Wurde die große Bedeutung von Kelsen als kritischer Reibungspunkt für Voegelin in der Literatur bereits mehrfach festgestellt, so konnte in diesem Projekt erstmals die wichtige Rolle von Spann für Voegelins Theorieentwicklung im Detail gezeigt werden. Weiters konnte die Genese des Konzepts der "Herrschaftsbeziehung", welches das Zentrum von Voegelins politikwissenschaftlichem Ansatz der 1930er Jahre - und darüber hinaus - darstellt, gezeigt werden. Die Thematisierung der Herrschaftsbeziehung nimmt ihren Ausgang vom Problem der Beziehungsform von Individuum und Gesellschaft, das für Voegelin wesentlich durch die Ansätze von Simmel und Spann bestimmt ist und bereits in seiner Dissertation und den ganz frühen Manuskripten aus den Jahren 1920-1924 umrissen wird. Über die Jahre wird die Frage der Form dann immer stärker an die Frage der "symbolischen Form" gekoppelt. Dies wird zur Basis dessen, was er "geisteswissenschaftliche Staatslehre" nennt. Die Hermeneutik ideengeschichtlichen Sinnlinien und Symbolzusammenhänge, wie sie auch noch die späteren Arbeiten in den 1940er Jahren an der History of Political Ideas und dann vor allem im Opus Magnum Order and History (1956-87) prägen wird, nimmt damit Gestalt an. Voegelin erkennt in den 1930er Jahren zunehmend, dass die (symbolische bzw. politische) Konstitution von Gesellschaften nicht zu verstehen ist ohne die Einsicht in die "Transzendenzoffenheit" des Menschen. Genauer: in der ideologischen Schließung dieser Transzendenzoffenheit erkennt Voegelin die zentrale Bedrohung für Freiheit und Demokratie in Mitteleuropa - eine Bedrohung, die ihn schließlich selbst dazu zwang, den Kontinent zu verlassen und in die USA zu emigrieren. Das Werk Eric Voegelins ist in seinen Intentionen ohne die Wiener Jahre nicht vorstellbar, spätestens in den dreißiger Jahren wendet er sich den Fragestellungen zu, die ihn sein späteres Leben nicht mehr los lassen. Als Ergebnis des Projektes befinden sich zwei Bücher in Druck: eine Monographie mit dem Titel "Voegelins Wiener Jahre" und ein Sammelband, der "Frühe Schriften" von Voegelin präsentieren wird, die damit erstmals bzw. nach langer Zeit im deutschsprachigen Raum verfügbar gemacht werden. Die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Eric Voegelin und Friedrich Engel-Janosi ist in Vorbereitung.
- Stadt Wien - 100%
- Jürgen Gebhardt, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg - Deutschland
- Peter J. Opitz, Ludwig-Maximilians-Universität München - Deutschland
- Ellis Sandoz, Louisiana State University - Vereinigte Staaten von Amerika
- Paul Caringella, University of Stanford - Vereinigte Staaten von Amerika