Der Buchmarkt der Habsburgermonarchie
The book market of the Habsburg Monarchy
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (40%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
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Buchgeschichte,
Zensur,
Habsburgermonarchie 1750-1850,
Vormärz,
Joseph II.
Buchdruck, Verlag und Buchhandel waren im 18. Jahrhundert die Begründer einer neuen Wissensindustrie und wirkten bei der Konstitution und progressiven Ausweitung einer kritischen Öffentlichkeit als Katalysatoren. Der Buchmarkt war innerhalb des komplexen Gefüges des Alten Reiches einerseits ein überregionaler Faktor, stieß aber zugleich auf sehr unterschiedliche politische, ökonomische, rechtliche und kulturelle Bedingungen. Für die heterogenen, multiethnischen Länder der Habsburger Monarchie stellte der Handel mit Büchern ein bisher wenig beachtetes Kommunikationsnetz dar. Diese Buchkultur in ihrer regionalen Differenzierung und ihren kulturellen Verflechtungen zu untersuchen, ist das Ziel des Forschungsprojektes Der Buchmarkt der Habsburgermonarchie. Basierend auf Vorarbeiten in den verschiedenen Regionen soll ein erster Schritt zu einer Gesamtschau des Buchmarktes der Habsburger Monarchie unternommen werden. Durch die Aufarbeitung und Ergänzung des gesammelten Materials wird ein über bisherige nationalgeschichtliche Darstellungen hinausgehendes Gesamtbild angestrebt. Der Untersuchungszeitraum umfaßt das Jahrhundert von 1750-1850, das mit neuen Produktions-, Distributions- und Rezeptionsformen auch für die Buchkultur eine Umbruchszeit bedeutete. Die Buchkultur der Habsburger Monarchie soll auf einer noch nie dagewesenen breiten Materialbasis analysiert werden. Das Zusammenspiel verschiedenster Faktoren ist dabei von Interesse: Das Ausmaß und die Art der Buchproduktion, Spezifikation (Verleger, Drucker, Sortimenter, Buchbinder,...) und geographische Verteilung der Firmen, Religionszugehörigkeit, Sprachen und Nationalitäten, Alphabetisierung, Handelswege, alternative Vertriebsformen, familiäre Verflechtungen der Firmen, Querverbindungen zwischen in- und ausländischen Händlern u.a. Der Untersuchung der Verteilung der Firmen und der regionalen Charakteristika des Buchtransfers soll die exemplarische Analyse einzelner Firmen gegenübergestellt werden, wobei versucht wird, über das Anekdotische hinaus Rückschlüsse auf das Funktionieren des buchhändlerischen Kommunikationssystems im Ganzen zu ziehen. Firmen, die durch ihre buchhändlerische und verlegerische Praxis, ihre geschäftlichen Kontakte und ihre Beziehungen zu den staatlichen Kontrollinstanzen von besonderem Interesse sind, sollen im Detail untersucht werden.
Das Projekt "Der Buchmarkt der Habsbugermonarchie" (fortgesetzt als Projekt P18621-G08) verfolgt einen Ansatz, der in der österreichischen Wissenschaft noch kaum etabliert ist: das transdisziplinäre Feld der Buchgeschichte ("book history"), international gesehen eines der florierendsten Felder in der historischen Forschung der Gegenwart. Der methodische Zugang unseres Projektes ist dabei eine zusammenfassende Dokumentation des Buchwesens in den verschiedenen Städten und Regionen der Habsburgermonarchie. Ermöglicht wurde dies durch enge Zusammenarbeit mit Mitarbeitern in den einzelnen Regionen. Die Dokumentation baut auf einem gleichbleibenden Schema der Erhebungen auf. Zeitlicher Rahmen ist die Spanne 1750-1850. Ermittelt werden (im Idealfall): Ort, Firmenname, Daten des Bestehens der Firma, Tätigkeit der Firma Verleger, Buchhändler, Buchdrucker, Kunst- und Musikalienhändler, Buchbinder etc), biographische Daten der Inhaber, Vorgänger und Nachfolger der Firmen, Hauptsitz, Filialen und Kommissionäre, sowie schließlich fakultativ weitere erwähnenswerte Details: Sprachen, Art der Produkte (Zeitschriften, Zeitungen, Almanache, Kalender, Reihen,...), besondere Schrifttypen (hebräisch, kyrillisch u.a). Die Anmerkungen bieten Platz für firmenhistorische Angaben, Adressen, für Zensurvorfälle und anderes mehr. Dazu kommt ein Verzeichnis der Quellen und des Archivmaterials. Durch das recherchierte Material kann schon jetzt für weite Teile der Habsburgermonarchie erstmals eine Geographie des Buchwesens gezeichnet werden. Das erfaßte topographische Material ermöglicht es einerseits, sich konkret über bestimmte Firmen zu informieren. Andererseits kann eine quantitative und analytische Auswertung nach verschiedensten kulturwissenschaftlichen, wirtschaftsgeschichtlichen oder sonstigen historischen Gesichtspunkten durchgeführt werden. Zudem werden Vergleiche mit dem Buchwesen in anderen Ländern ermöglicht. Bisher existieren für das gesamte ungarische Gebiet einschließlich Oberungarn (heute Slowakei) und Siebenbürgen Grunddaten zu Buckdruckern, Buchhändlern und Lithographen. Auch die in der Forschung bekannten ungarischen Papiermühlen sind nun mit Hinweisen auf die Wasserzeichen in der Datenbank zugänglich. Die Dokumentation Prag, nach Wien im Zeitraum 1750-1850 zweitwichtigste Buchhandelsstadt der Monarchie, wird im Lauf des Folgeprojektes abgeschlossen werden. Auch das Firmenmaterial Brno/Brünn ist in der Datenbank erfaßt. Ein Großteil des Materials liegt für Galizien vor. Von den österreichischen Bundesländern sind die Angaben zur Steiermark mit dem wichtigen Buchhandelszentrum Graz bereits komplett in der Datenbank gespeichert. Die Erhebungen für Wien, die weitaus bedeutendste Stadt des Buch- und Verlagswesens der Habsburgermonarchie, sind abgeschlossen. Während des Folgeprojektes wird die Umarbeitung des Wiener Materials in ein Manuskript abgeschlossen, das das als vierter Band der Reihe "Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in Österreich" veröffentlicht werden soll.
- Gesellschaft für Buchforschung in Österreich - 100%