Wandernde Mythen
Migrating Myths
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Rechtswissenschaften (15%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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Diskursanalyse,
Migration,
Russland,
Autobiographie,
Kulturstudien
Zwanzig autobiographische Erzählungen in Wien lebender russischer Migrantinnen dienen als empirische Basis zur Erforschung diskursiver Prozesse unter den Bedingungen der Migration. Die Erzählungen werden in narrativen Interviews von mindestens eineinhalb Stunden Dauer erhoben und umfassen die Migrationserfahrung von Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, sozialer Schichtzugehörigkeit und mit unterschiedlichen Migrationsmotiven von den 1970er Jahren bis heute. Auch die neuen Migrationsformen wie jene "pendelnder" KünstlerInnen und Geschäftsleute, die sich in den 1990er Jahren herausbildeten, werden berücksichtigt. Das zentrale Ziel dieses Projekts besteht darin, durch eine diskursanalytische Perspektive auf das Phänomen `Migration` dessen kulturelle Dimensionen und Implikationen für die Subjektivität der Migrantinnen in den Blick zu nehmen. Das Projekt ist als Beitrag zum Forschungsschwerpunkt `Interkulturelle Kommunikation` des Instituts für Slawische Sprachen der Wirtschaftsuniversität Wien gedacht, der mit seinen bisherigen Forschungsergebnissen die Verhandelbarkeit von Bedeutung in der Interaktion und die Relevanz der Machtbeziehungen, innerhalb welcher diese stattfindet, deutlich gemacht hat (vgl. Forschungsbericht zur Interkulturellen Fachsprachenkommunikation unter http://www.wu-wien.ac.at/wwwu/institute/slawischafel.html). Die Spuren jener gesellschaftlichen Diskurse, auf welche die Migrantinnen in ihren Erzählungen durch die Aktivierung kulturell geprägter `Narrative` (vgl. Mieke Bal 1997, Irina Sandomirskaja 2001) und `Mythen` (vgl. Roland Barthes 1972) rekurrieren, die Metaphern, mittels welcher sie autobiographisch relevante Orte und das Durchqueren sozio-geographischer Räume repräsentieren, die Argumente, mit welchen sie Entscheidungen erklären bzw. legitimieren, - kurz - jene diskursiven Elemente, die in den Erzählungen reproduziert bzw. transformiert werden, stehen im Zentrum des Interesses dieser Studie. Die in den Berichten der Frauen identifizierten kulturellen `Narrative` und `Mythen` sollen in ihren russischen/sowjetischen und österreichischen interdiskursiven Bezügen dargestellt und interpretiert werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die erzählerischen Repräsentationen von Konfliksituationen gelegt werden, da diese auf diskursive Konflikte und Krisen der Subjektivität verweisen.
Das Projekt "Wandernde Mythen. Diskursive Prozesse in autobiographischen Erzählungen russischer Migrantinnen" versteht sich als empirische Forschung in der Tradition der britischen Cultural Studies. Als Untersuchungsmaterial dienten mündliche Erzählungen über das Erlebnis der Migration und das Leben im anderen Land, erhoben in narrativen Interviews, welche meine Mitarbeiterin Katharina Klingseis mit in Wien lebenden russischen Migrantinnen führte. Das zentrale Interesse galt der diskursiven Auseinandersetzung der Erzählenden mit den sie umgebenden gesellschaftlichen Diskursen sowie ihrer narrativ verarbeiteten und diskursiv gedeuteten Erfahrung (vgl. Paul Ricoeur; Reinhard Sieder). Zur Analyse und Interpretation der transkribierten Interviews stützten wir uns auf die Critical Discourse Analysis (CDA; nach Norman Fairclough; Teun van Dijk). CDA versteht jedes Sprechen als fundamental soziales Handeln und ermöglicht es, die diskursive Strukturiertheit und den gesellschaftlichen Charakter individuellen Sprechens aufzuzeigen. Unser besonderes Interesse galt den immer wiederkehrenden und identifizierbaren, diskursiven Themen zuordenbaren, Mythen` (Roland Barthes), die in der Darstellung autobiographischer Erlebnisse reproduziert oder aber auch dekonstruiert werden. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von biographischen Ereignissen in Erfahrung. Somit bekamen wir in der diskursanalytischen Untersuchung individueller autobiographischer Erzählungen jene Schnittstelle` zwischen Gesellschaft und Subjekt in den Blick, die man als Identität bezeichnen kann (Stuart Hall).
- Wirtschaftsuniversität Wien - 100%