Die Pflanzenreste von der Fundstelle des Eismannes
The plant remains from the Iceman´s find spot
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (100%)
Keywords
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Iceman,
Neolithic,
Eastern Alps,
Palaeoethnobotany
Im Zuge der archäologischen Ausgrabungen der Fundstelle des Eismannes in den Ötztaler Alpen wurden in den Jahren 1991 und 1992 zahlreiche Pflanzenreste geborgen. Diese Pflanzenreste stammen einerseits aus den Kleidungsstücken des Eismannes und andererseits aus den Sedimentproben, die aus der Felswanne geborgen wurden. Diese Pflanzenansammlung ist einzigartig in ihrer Zusammensetzung und Erhaltung. Es ist die höchste Pflanzenansammlung in archäologischem Kontext, die je in den Alpen gefunden wurde. Die Erhaltung ist ausgezeichnet. Durch die Einbettung in Gletschereis haben sich die Pflanzenreste über mehr als 5000 Jahre fast unverändert erhalten. Bis jetzt wurde nur ein geringer Teil dieser Pflanzenreste untersucht, so die Holzartefakte, das Bindematerial und die Gräser des Umhangs. Die restlichen Pflanzenreste aus dem Sediment, den Eisproben und dem Waschrückstand der Kleider sind noch unbekannt. Abgesehen davon, dass die Analyse dieser Pflanzenreste den archäologischen Befund komplettieren, lassen sich von diesen Pflanzenresten wichtige Informationen über die frühere Umwelt, Klima und Ernährung des Eismannes ableiten. Die Pflanzenreste stammen von verschiedenen Quellen: - Pflanzen, die am Fundort gewachsen sind - Pflanzen, die den Kleidungsstücken des Eismannes anhafteten - Pflanzen, die durch Wind, tierische oder menschliche Aktivität zum Fundort gelangt sind. Anhand der Pflanzenreste, die am Fundort gewachsen sind, lässt sich die lokale Vegetation auf dem Tisenjoch zu Lebzeiten des Eismannes rekonstruieren. Davon können die früheren Klimabedingungen auf dem Tisenjoch abgeleitet werden. So kann festgestellt werden, ob die Felswanne, in der der Eismann gefunden wurde eisfrei war oder nicht. Damit können zusätzliche Informationen über eine Phase mit reduzierter Gletscherausdehnung in den Alpen erfasst werden. Als höchste subfossile Pflanzenansammlung in den Ostalpen tragen die Pflanzenfunde auch zur Chorologie der Alpenflora während des Neolithikums bei. Schließlich liefern die Pflanzenreste, die an den Kleidungsstücken des Eismannes hafteten, zusätzliche Information über die Umwelt, in der der Eismann lebte. In einigen Kleidungsstücken und in Schmelzwasserproben wurden Nahrungspflanzen gefunden (Einkorn, Gerste, Schlehe). Zusätzliche Nahrungspflanzenfunde sind in den restlichen Proben zu erwarten und geben wichtige Information über die Nahrungspflanzen der Inneralpen während des Spätneolithikums.
Dieses Forschungsprojekt versucht den Sterbeort der neolithischen Gletscherleiche "Ötzi" zu rekonstruieren. Diese Analysen über die Verteilung der Pflanzenreste in der Felswanne vom Fundort des Eismannes - unterstützt durch forensische Untersuchungen an der Mumie und neue archäologische Daten - weisen darauf hin, dass Ötzi ungefähr fünf Meter südöstlich von der Stelle, an der er 1991 entdeckt wurde, gestorben ist. Der Hintergrund dieser Untersuchung sind Ötzi`s Todesumstände, der nach wie vor unklar sind. Der ursprünglichen Annahme, dass der Eismann vor Erschöpfung und anschließender Hypothermie auf dem Stein liegend, auf dem er 1991 entdeckt wurde, gestorben ist, steht eine jüngst entdeckte Schußwunde, die zu seinem raschen Tod geführt haben soll, in der Schulter des Eismannes gegenüber. Zusätzlich gaben schon frühere Analysen an seinen Holzartefakten und deren Verteilung in der Felswanne Anlass zur Vermutung, dass die Beifunde und der Leichnam möglicherweise durch Wind oder Wasser verlagert wurden. Über die Verteilung der Pflanzenreste in der Felswanne wird hier versucht abzuklären, ob die Auffindungspositionen der Gletscherleiche und der übrigen Artefakte mit der Originallage zum Zeitpunkt seines Todes übereinstimmen, und um damit neue Beweise für die letzten Momente in Ötzi`s Leben liefern zu können. Insgesamt wurden mehr als 40,000 Pflanzenreste vom Entdeckungsort des Eismannes analysiert. Sie liefern Nachweise von Pflanzen, die aus etlichen Ökosystemen und taxonomischen Gruppen stammen. Dabei konnte auch das Kulturpflanzen-Spektrum um Rispenhirse (Panicum miliaceum) und die beiden Ölsaaten Schlafmohn (Papaver somniferum) und Lein (Linum usitatissimum) - bisher die ältesten Nachweise im Ostalpenraum - erweitert werden. Die meisten Pflanzenreste wurden entweder durch Wind oder menschlicheierische Aktivitäten zum Fundplatz transportiert. Ihr Verteilungsmuster zusammen mit jenem der Artefakte und deren Konzentration auf der Felsrippe, die die Felswanne südlich abgrenzt, weisen darauf hin, dass der Eismann dort, wo sein Bogen, das Beil und die Trage gefunden wurden, verstorben ist. Das Verteilungsmuster der Fundansammlung zum Zeitpunkt der Entdeckung resultiert höchstwahrscheinlich von Verlagerungsprozessen, die sowohl durch Wind, schmelzenden Schnee und/oder Schmelzwasser verursacht wurden. Unter Berücksichtigung, dass Ötzi im Frühjahr verstorben ist, und dass zu dieser Zeit die Felswanne wahrscheinlich mit mehreren Metern Schnee bedeckt war, hat der Körper zuerst auf oder im Schnee gelegen, und wurde anschließend während des Sommers beim Abschmelzens des Schnees auf den Grund der Wanne transportiert.
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