Projekt Europa. Die Politische Philosophie Jan Patockas
Project Europe. Die Political Philosophy of Jan Patocka
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
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Politische Philosophie,
Europa,
Politik,
Geschichte,
Tschechische Philosophie
Jan Patocka (1907-1977) gilt als der bedeutendste tschechische Philosoph des 20. Jahrhunderts. Erst nach der politischen Öffnung des Jahres 1989 hat sein Denken eine internationale Rezeption erfahren. Das beantragte Vorhaben knüpft an 10 Jahre Patocka-Forschung am IWM an und soll einen weiteren wichtigen, bisher noch nicht systematisch erfassten Teil seines philosophischen Werks erschließen und für die Rezeption im deutschsprachigen Raum zugänglich machen. Im Zentrum von Patockas Konzept des Politischen steht die Idee Europas. Europa ist für ihn der Abschied vom Mythos und der Beginn von Geschichte im emphatische Sinne: der konstituierende Einschnitt, mit dem Handeln in Freiheit und Denken in Wahrheit - Politik und Philosophie - anheben. Dass Freiheit und Wahrheit nicht als Besitz, sondern nur als Aufgabe zu verstehen sind, macht Europa zu einem stets gefährdeten und niemals abschließbaren Projekt. Es durchlief mehrere Phasen, die bis heute das Selbstverständnis Europas in seiner inneren Widersprüchlichkeit prägen. Zugleich wohnt der europäischen Idee eine Dynamik inne, die im destruktiven Potential des technischen Rationalismus kulminierte: Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind der Idee Europas nicht äußerlich, sie entspringen vielmehr ihrer inneren Logik. Patocka hat seine politische Philosophie nicht als explizite Lehre formuliert, vielmehr zieht sie sich durch sein gesamtes Werk. Immer deutlicher zeigt sich, wie sehr Patockas weitgespanntes Denken von einem politischen Ethos angetrieben ist. Eine Rekonstruktion seiner politischen Philosophie erscheint uns daher als werkgeschichtliches Desiderat, aber ebenso als intellektuelles Desiderat im Hinblick auf die geschichtliche Konstellation der Gegenwart: Das Europa, auf dem Patocka in einer Zeit insistierte, die es schon abgeschrieben hatte, ist nach 1989 plötzlich in greifbare Nähe gerückt. Noch nie in der Geschichte Europas war die Chance größer, dass seine Idee Wirklichkeit wird. Geplant sind zum einen Editionen zweier zentraler Werke zum Verhältnis von Politik, Geschichte und Philosophie, Platon und Europa und Ketzerische Essais zur Philosophie der Geschichte (kritische und ergänzte Neuausgabe), sowie eine Sammlung von kleineren Schlüsseltexten zur politischen Philosophie. Parallel zu den editorischen Arbeiten soll die politische Philosophie Jan Patockas sowohl im Hinblick auf ihren Stellenwert im Kontext seines Gesamtwerks erforscht werden als auch in ihrer Bedeutung für die gegenwärtige politische Theoriebildung allgemein. Darüber hinaus soll untersucht werden, welche Relevanz Patockas Ansatz im Hinblick auf die gegenwärtigen aktuellen Debatten um die Zukunft Europas zukommt.