Englische Literatur und Sklaverei 1772-1834
English Literature and Slavery 1772-1834
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
English Literature and Culture,
Slavery,
Critical Discourse Analysis,
Colonialism,
Postcolonial Literary Crititicism
Im Zuge der wachsenden Globalisierung der Welt und der Entstehung multikultureller Gesellschaften, die heutzutage eher die Regel als die Ausnahme sind, ist die Beschäftigung mit kolonialer und postkolonialer Literatur ein wissenschaftliches Gebiet, dessen Bedeutung ständig wächst. Am Institut für Anglistik der Universität Innsbruck ist die Beschäftigung mit diesem Bereich der englischsprachigen Literatur bzw. die Anwendung postkoloniale Methodologie auf englische Texte schon seit längerem der zentrale Schwerpunkt. Die Literatur über Sklaverei im allgemeinen und die Abschaffung der Sklaverei im speziellen gewinnt immer mehr an kritischem Interesse. Deshalb wird sich das vorliegende Projekt zentral mit dem Paradigmenwechsel im Diskurs über die Sklaverei in Großbritannien befassen und sich auf Texte konzentrieren, die in England um die Eckdaten der Jahre 1772, 1787, 1807 und 1834 entstanden sind, nämlich Texte über, für, und gegen die Sklaverei. Literarische Texte (Romane, Dramen, Gedichte) ebenso wie nicht-literarische Texte (parlamentarische Debatten, Zeitungsartikel, Pamphlete, und Essays) werden in Hinblick auf die Darstellung der Sklaverei analysiert. Dabei wird der Versuch unternommen, die dominanten Paradigmen in der Argumentation für und gegen die Sklaverei herauszuarbeiten, unter besonderer Berücksichtigung der Fragen, wie das Anti-Sklaverei-Paradigma eingeführt und der Paradigmenwechsel vollzogen wurde. Dabei sollen die verschiedenen Argumentationsstränge und literarische sowie rhetorische Strategien herausgearbeitet werden. Auf die oben erwähnten Texte wird die Methodik der kritischen Diskursanalyse angewandt, wobei die Untersuchungsparameter stark von der postkolonialen Literaturtheorie und -kritik bestimmt sind. Dadurch sollen die paradigmatischen Veränderungen von Bildern, Geisteshaltungen und Strategien zu den ausgewählten Zeitpunkten beleuchtet werden. Das Projekt wird die Texte in den authentischen historischen Kontext einbetten, um die Veränderungen in den Ansichten und Strategien der Autoren sowie in den verschiedenen Diskursbereichen hervorzuheben. Zugleich wird die gegenwärtige Relevanz des Themas mit Hilfe der postkolonialen Literaturkritik unterstrichen.
Das Projekt English Literature and Slavery 1772-1834: From the Beginning of the Abolitionist Movement to the Abolition of Slavery befasste sich mit dem paradigmatischen Wechsel im Sklavereidiskurs während der Abschaffungsperiode in Großbritannien, 1772- 1834. Das Projekt konzentrierte sich auf die Untersuchung diskursiver Argumente - das rassistisch/ethnische, religiöse, ökonomische, rechtliche, moralisch/humanitäre, historische und nationale Argument - in Schlüsseltexten der Abschaffungsperiode. Nach einer ersten Analyse literarischer Texte aus verschiedenen Genres (Gedichte, Romane, Dramen) wurde der Korpus eingeengt, um der Argumentation in den Parlamentsdebatten (Hansard), einer Tageszeitung (The Times), und zwei monatlich erscheinenden Periodika (The Gentleman`s Magazine und The Monthly Review) besondere Aufmerksamkeit zu widmen; es handelt sich hier um einen geschlossenen Textkorpus, der sich ausgezeichnet dazu eignet, den paradigmatischen Wechsel im Sklavereidiskurs festzuhalten. Des Weiteren konnte somit festgestellt werden, welche Reaktion es von Seiten der Öffentlichkeit auf die Frage der Abschaffung gab, wobei Parlamentsdebatten, Tageszeitungen und Periodika eine unschätzbare Quelle für die Untersuchung der vorherrschenden öffentlichen und politischen Meinung darstellen. Unsere Analyse hat Folgendes ergeben: dadurch dass der rassistisch/ethnische Parameter die Pro- und Anti- Sklavereikontroverse beherrschte, kam es zu einer dominant abwertenden Haltung gegenüber den Afrikanern im Britischen Sklavereidiskurs. Das spiegelt sich in der Tatsache wider, dass im Jahr der Abschaffung der Sklaverei die zwei rhetorischen Argumente die am wenigsten Zustimmung unter den beiden Parteien fanden, folgende waren: die Gleichheit der Afrikaner (das humanitäre Argument), und die Rentabilität der Sklaverei, die meistens in Zusammenhang mit dem Vorurteil der Bereitschaft der versklavten Afrikaner für Geld zu arbeiten anstatt mit der Peitsche dazu gezwungen zu werden (das ökonomische Argument) verwendet wurde. Somit wird klar, dass sich bis zu einem gewissen Grad die Abschaffungsbefürworter nicht im Klaren waren, ob ihr Handeln Großbritannien positiv oder negativ beeinflussen sollte, und ob die versklavten Afrikaner von der Abschaffung der Sklaverei profitieren sollten oder nicht, da es davon abhing, ob diese Beziehung zwischen Kolonialherren und Sklaven von beiden Parteien als veränderungswürdig gesehen wurde, eine Beziehung basierend auf einer Kombination aus gegenseitiger Voreingenommenheit und Furcht. Zudem kamen wir zum Ergebnis, dass alle Argumente von beiden Parteien benützt wurden, und zwar auf eine Art, dass sie für den jeweiligen Zweck verwendet werden konnten. Was das religiöse Argument betrifft, haben wir festgestellt, dass dieses Argument entgegen allgemeiner Aussagen nur von geringer Bedeutung war, ungeachtet des überwiegend protestantischen/andersgläubigen Hintergrundes der (frühen) Abolitionisten. Basierend auf der relativen Dominanz der diskursiven Parameter in der Abschaffungsdebatte, erscheint die entgültige Abschaffung des Sklavenhandels nicht so sehr von einer veränderten Sichtweise der Menschlichkeit der (versklavten) Afrikaner ausgelöst worden zu sein, sondern eher von dem Verständnis einer wirtschaftlich effizienteren Ausbeutung ihrer Arbeitskraft in Kombination mit neuen Konzepten von Freiheit und Menschlichkeit gesteuert worden zu sein: ganz im Sinn einer "neuen", "modernen" Form der Produktion, welche gegenwärtig als "Kapitalismus" Kritik erfährt und die zum ersten Mal lautstarke Unterstützung in der Debatte um die Abschaffung der Britischen (kolonialen) Sklaverei fand.
- Universität Innsbruck - 100%