Die Integration der Zweiten Generation in Europa
The Integration of the European Second Generation
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (85%); Wirtschaftswissenschaften (15%)
Keywords
-
Integration,
Immigrants,
Second Generation,
Multilevel Comparison,
Education,
Labour Market
Das vorliegende Projekt setzt sich mit der zweiten Generation, also den Nachkommen von EinwanderInnen in sieben europäischen Ländern auseinander. Da diese Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen bedeutenden Anteil an der Bevölkerung in Großstädten ausmachen, ist ihre Integration von großer Bedeutung. Aus den bisherigen Forschungsergebnissen ist ersichtlich, dass die Integrationsprozesse unterschiedlich verlaufen. Einerseits sind beträchtliche Unterschiede zwischen verschiedenen Herkunftsgruppen in einem Land zu bemerken und andererseits zwischen denselben Gruppen in unterschiedlichen Ländern. Obwohl diese Entwicklungen schon seit längerer Zeit offensichtlich sind, existiert noch keine geeignete Datenbasis, um Hintergrundfaktoren im internationalen Vergleich bestimmen zu können. Die älteste Kohorte der Nachkommen von EinwanderInnen, die nach dem 2. Weltkrieg kamen, hat die Pflichtschulen bereits vor 20 Jahren verlassen. Für großangelegte quantitative Untersuchungen zur sozialen Mobilität haben allerdings erst jetzt einige dieser Gruppen den geeigneten Umfang am Arbeitsmarkt erreicht. Um den internationalen Vergleich durchführen zu können, müssen Gruppen gewählt werden, die entscheidende Merkmale miteinander teilen. Dies ist etwa bei den während der "Gastarbeiter"- Politik angeworbenen EinwanderInnen aus der Türkei und Ex-Jugoslawien der Fall. Beide Gruppen sind in ausreichender Anzahl in der Mehrzahl der 14 untersuchten Städte in Österreich, Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien und Frankreich vorhanden. Lediglich Spanien verfügt über keine ausreichende Anzahl, daher werden dort die Nachkommen der marokkanischen EinwanderInnen mit denen in den Niederlanden, Frankreich und Belgien verglichen. Basis des Vergleichs ist eine groß angelegte Befragung von 1500 RespondentInnen in jedem Land, also 750 in jeder Stadt. Befragt werden auch die 18 bis 35-Jährigen der Mehrheitsbevölkerungen. Da sie die InteraktionspartnerInnen der Heranwachsenden mit Migrationshintergrund sind, dienen sie nicht nur als Kontrollgruppe, sondern es werden auch ihre Einstellungen abgefragt. Bei der österreichischen Umfrage werden von den genannten drei Gruppen je 250 in Wien und 250 in Linz befragt, insgesamt werden also 1500 persönlich geführte einstündige Fragebogen-Interviews die Datenbasis für die Analyse liefern. Bei Erhebung und Analyse wird einerseits das Hauptaugenmerk auf die Bildungsteilnahme und den Einstieg in den Arbeitsmarkt und andererseits auf die sozialen Beziehungen und Identitätsprozesse gelegt. Anders als bei den wenigen bisher durchgeführten Ländervergleichen wird in diesem Projekt weder das Staatsbürgerschaftsverständnis noch die Integrationspolitik als Haupterklärungsfaktor bemüht, sondern die jeweiligen Institutionen, die Mehrheits- und Einwanderungskinder gemeinsam durchlaufen. Ergebnisse der OECD PISA Studien stellen eine wertvolle Ergänzung für TIES dar.
Das Grundlagenforschungsprojekt TIES "Die Integration der Europäischen Zweiten Generation" hatte zum Ziel, den ersten systematischen komparativ angelegten Datensatz zum genannten Thema zu erstellen. Hierfür wurden über 10.000 junge Erwachsene in 15 Städten in acht europäischen Ländern befragt. Die Eltern der Befragten waren aus der Türkei, Ex-Jugoslawien und Marokko eingewandert. In Österreich wurden nur die ersten beiden Gruppen befragt. Als Vergleichsgruppe wurden in der unmittelbaren Nachbarschaft lebende Gleichaltrige befragt, deren Eltern nicht eingewandert waren. Als wichtigste Resultate können die Zurückweisung gängiger Alltagsannahmen und die Differenzierung der Erklärungsansätze für die Situation der 2. Generation in den europäischen Städten genannt werden: 1.Die Situation der türkischen oder ex-jugoslawischen 2. Generation ist in den verschiedenen Einwanderungsländern nicht gleich. Ihr Verhalten ist nicht durch das Herkunftsland der Eltern und durch jeweils zugeschriebene kulturelle Muster festgelegt sondern ist in der Wechselwirkung mit den Gegebenheiten der Aufnahmegesellschaft zu erklären. Dies betrifft sowohl die Bildungserfolge, Teilnahme, Position, Ein- und Aufstieg am Arbeitsmarkt, als auch sprachliche Fähigkeiten, religiöses, politisches sowie Geschlechtsrollenverständnis sowie Zugehörigkeitsgefühle. 2.Die Betrachtung auf Länderebene ist weniger aussagekräftig als angenommen. Die einzelnen Ländern üblicherweise zugewiesenen "Integrationsmodelle" - das republikanische Modell in Frankreich, das ethnische Modell in Deutschland und das multikulturelle Modell in Holland - befinden sich auf einer Stufe der Verallgemeinerung, auf der Stärken und Schwächen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsysteme und ihrer Institutionen nicht sichtbar werden können. 3.Es gibt keine eindeutige Länderreihenfolge nach "Integrationserfolgen", in mancherlei Hinsicht allerdings Tendenzen. 4.Aussagekräftige Erklärungen sind kleinteiliger. Sie beziehen sich horizontal auf die verschiedenen gesellschaftlichen Teilsysteme und vertikal auf die verschiedenen sozialräumlichen Ebenen. 5.Gesellschaftliche Teilsysteme wie Bildung, Arbeitsmarkt und Wirtschaft, Kultur und nationales Selbstverständnis weisen eigene Mechanismen und Logiken auf, die in einer Situation zunehmender Vielfalt sozial schwachen Gruppen in jedem Land unterschiedliche Möglichkeitsstrukturen bieten. Dabei sind die unterschiedlichen Mechanismen der Selektion und der sozialen Reproduktion entscheidend. 6.Ebenso wichtig ist die vertikal differenzierte Betrachtung von Zugehörigkeit und Teilnahme auf den unterschiedlichen sozial-räumlichen Ebenen - lokal/Nachbarschaft, regional/Stadt, national/Land und supra- national/Europa. Es stellte sich auch heraus, dass die jungen Erwachsenen mit einheimischen Eltern zu einem größeren Teil in diese Nachbarschaften zugezogen waren als die Nachkommen der EinwanderInnen, die zumeist ihr ganzes Leben im jeweiligen Quartier zugebracht hatten und sich daher zum Teil einheimischer fühlten.
- M.R.J. Crul - Niederlande