Soziale Investition bei Gänsen
Social investment in geese
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (50%); Klinische Medizin (25%); Psychologie (25%)
Keywords
-
Allostatic load,
Coping,
Energy budget,
Heart rate,
Corticosterone,
Social stress
Sozialleben und Physiologie stehen bei Wirbeltieren in enger Verbindung. Einen erheblichen Teil der gesamten "Stress"belastung (die letztlich energetischen Erfordernisse für die Homoeostase) verursachen individuelle soziale Investitionen. Erste eigene Pilotergebnisse an Graugänsen (aus Herzschlagraten und Zeitbudgets) zeigen, dass der soziale Bereich bis zu 15% der gesamten Energieausgaben beansprucht, obwohl Sozialverhalten nur etwa 5% des Zeitbudgets ausmacht. Individuen unterscheiden sich im Sozialverhalten und in ihrer sozialen Effizienz, was auch ihren Fortpflanzungserfolg beeinflusst. Im vorliegenden Projekt planen wir, an freilebenden, sozial eingebetteteten und mit Herzschlagratentransmitter-implantierten Tieren das individuelle Investment in den sozialen Bereich zu messen. Zusätzlich wird die soziale Modulation von Glukokortikoiden (BR) nicht-invasiv aus Kot mittels Enzymimmunoassay untersucht. Die Herzschlagrate (FH) ist sicherlich der integrativste physiologische Parameter zur Messung der "physiologischen Investition", zumal FH eng mit dem O 2 -Verbrauch korrelliert und daher eine gute Annäherung an den Energieverbrauch darstellt. Wir werden FH an 25, langzeitlich (18 Monate) mit FH- Transmittern implantierten Graugänsen beiderlei Geschlechts und unterschiedlicher sozialer Kategorien messen. Gleichzeitig wird ihr Verhalten in der Schar und bei experimentellen Herausforderungen, sowie, übers Jahr in Form von Zeitbudgets erhoben. Alle 25 Gänse wurden bereits im Zuge eines Vorläuferprojekts implantiert. Mit Projektbeginn werden Verhaltensbeobachtungen und gleichzeitige FH Messungen eine genaue Einschätzung der individuellen Energiebilanzen, vor allem im sozialen Zusammenhang, ermöglichen. Die Implantate enthalten einen Datalogger, der 2min-Mittelwerte von Herzschlag und Temperatur über 18 Monate misst. Diese Werte werden nach der Explantation ausgelesen und mit sozialen und saisonalen Parametern in Beziehung gesetzt. In Kombination werden uns diese Daten erlauben, die Saisonalität der sozialen Investition aufzuzeigen. Letztlich streben wir ein allgemeingültiges Modell zur Erklärung sozialer Organisation bei Wirbeltieren an, zumal die "soziale Physiologie" innerhalb des Wirbeltierstammbaums sehr konservativ beibehalten wurde. Dazu werden individuelle, auf FH beruhende Äquivalente des O2 -Verbrauchs, besonders im sozialen Bereich berechnet. Wir erwarten individuelle Unterschiede in der sozialen Effizienz, die mit Geschlecht, sozialer Bindung, Persönlichkeit und Lebensgeschichte zusammenhängen. Dieses Modell wird dazu beitragen, 1) die detaillierten Parallelen in den sozialen Mechanismen der Wirbeltiere und Vögel zu erklären und 2) umgekehrt, Einsichten in die jne Selektionsfaktoren zu gewinnen, welche das Sozialverhalten und die soziale Physiologie bei Wirbeltieren formten.
Das Leben in sozialen Gruppen ist für Menschen so selbstverständlich, dass die meisten sich gar nicht bewusst sind, wie viel sie physiologisch und energetisch investieren. Menschen sind damit nicht alleine. Höhere Wirbeltiere zeigen eine ganze Reihe von gemeinsamen Gehirnstrukturen und physiologische Mechanismen, die sie im sozialen Umgang verwenden. So entwickelten Säugetiere und Vögel erstaunlich parallele Muster sozialer Organisation. Fast zwei Jahrzehnte der Forschung an der Konrad Lorenz Forschungsstelle zeigten wie komplex Graugänse (Anser anser) sind. Diese Vögel halten langzeitliche Paarbindungen und Beziehungen mit ihren Partnern und Jungen aufrecht und sie unterstützen sich gegenseitig sozial in einer komplexen Art. Mithilfe von implantierten Herzschlagtransmittern und nicht-invasiver Analyse von Kotproben, brachten wir jetzt individuelle und saisonale Energetik mit sozialer Komplexität in Verbindung. Das war möglich, weil Herzschlag und auch Glukocorticoidmodulation als Äquivalente des Sauerstoffverbrauchs bekannt sind. Gerade durch die Quantifizierung der individuellen physiologischen und energetischen Investition im sozialen Bereich (d.h. individuelles Stress management), bekamen wir Einblicke in die Funktionalität der sozialen Organisation der Gänse. So investieren Männchen hauptsächlich in ihre Weibchen, diese dagegen in die Jungen. Familienmitglieder zeigten sich als wichtige gegenseitige soziale Unterstützer, die soziale Kosten in Weibchen und Jungen wesentlich senken konnten. Das scheint auch die Basis für weibliche Fruchtbarkeit und Fortpflanzungserfolg zu sein. Außerdem haben wir herausgefunden, dass das Maß an Verhaltenskoordination zwischen Paarpartner positiv mit dem Fortpflanzungserfolg zusammenhängt und dass die Komplexität dieser zeitlichen Muster mit der Paarbindungsdauer zunimmt. Basierend auf unseren Ergebnissen, schlagen wir vor, dass individuelle soziale Effizienz formgebend für soziale Systeme ist und dass individuelle soziale Kompetenz die Verhaltenskomponente von gutem Fortpflanzungserfolg darstellt.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 124 Zitationen
- 5 Publikationen
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2022
Titel Effects of severe anthropogenic disturbance on the heart rate and body temperature in free-living greylag geese (Anser anser) DOI 10.1093/conphys/coac050 Typ Journal Article Autor Wascher C Journal Conservation Physiology Link Publikation -
2009
Titel Heart rate responses to agonistic encounters in greylag geese, Anser anser DOI 10.1016/j.anbehav.2009.01.013 Typ Journal Article Autor Wascher C Journal Animal Behaviour Seiten 955-961 -
2011
Titel A longitudinal study of dominance and aggression in greylag geese (Anser anser) DOI 10.1093/beheco/arr020 Typ Journal Article Autor Weiß B Journal Behavioral Ecology Seiten 616-624 Link Publikation -
2008
Titel Benefits of family reunions: Social support in secondary greylag goose families DOI 10.1016/j.yhbeh.2008.09.006 Typ Journal Article Autor Scheiber I Journal Hormones and Behavior Seiten 133-138 Link Publikation -
2018
Titel Free-living greylag geese adjust their heart rates and body core temperatures to season and reproductive context DOI 10.1038/s41598-018-20655-z Typ Journal Article Autor Wascher C Journal Scientific Reports Seiten 2142 Link Publikation