Frühbäuerliches Leben vor 7000 Jahren: Eine Rekonstruktion
Early farming life 7000 years ago: a reconstruction
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (47%); Biologie (19%); Geowissenschaften (24%); Geschichte, Archäologie (10%)
Keywords
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Frühneolithikum / early neolithic,
Siedlungsstruktur /settlement structure,
Früher Ackerbau,
Siedlungsentwicklung /settlement dev.,
Erste Viehzucht / First Animal Breeding,
Interaktion Mikroregion / interaction M.
In den letzten Jahrzehnten ist die Rekonstruktion des gesamten Lebensbildes in der Erforschung des Frühneolithikums zu dem wichtigen Forschungsthema geworden. In Österreich wurde diese Zeit lange wenig beachtet, wodurch ein sehr bedauerlicher Forschungsrückstand entstand, der bisher nur allmählich in kleinen Teilbereichen annähernd aufgeholt werden konnte. Der Aufholung dieses Rückstandes soll u.a. auch das vorgeschlagene Projekt dienen, wobei aufgrund guter Ausgangsbedingungen sogar wichtige Ergebnisse von europäischer Relevanz möglich sind. Von den hierzulande in den letzten 20 Jahren endlich auch großflächig durchgeführten Ausgrabungen zum Frühneolithikum sind viele Rettungsgrabungen und nur ganz wenige Forschungsgrabungen, an denen Dokumentation, Fundregistrierung und Beprobung in dem heute gewünschten Ausmaß möglich waren. Zwei derartige Untersuchungen sind Ausgangspunkt des Projektes: der LBK Sonderplatz von Rosenburg (1988 - 1994) und die LBK Siedlung von Mold (1995-2005). Von diesen beiden, nur 4 km voneinander entfernten Plätzen, sollen das reiche und überwiegend gut erhaltene Tierknochenmaterial, die archäobotanischen Probenserien und die Feuersteingeräte untersucht werden. Weiter ist eine Digitalisierung der Grabungspläne als Grundlage für Fundverteilungsanalysen mit dem Programm WinSerion 1.0, die Erfassung und Eingabe der gezeichneten Keramik in der Bilddatenbank "Montelius" zur Ermöglichung deren Bearbeitung in dynamischer Typologie sowie eine Datenserie von 14C-Daten von Knochenproben geplant. All dies soll der Erforschung der möglichen Aufgabenverteilung innerhalb der Siedlung sowie der Funktionsbereiche im Hausumfeld dienen. Der Vergleich der beiden sehr unterschiedlichen Siedlungen verspricht hier wichtige Ergebnisse. Darüber hinaus sind vergleichende Analysen zu den LBK Siedlungen im weiteren Umkreis von etwa 5 km geplant, wobei die Ausdehnung von drei ausgewählten Plätzen und der noch nicht ausgegrabenen Teile der Siedlung Mold sowie deren mögliche Einfriedung mit einem Graben durch geomagnetische Messungen geplant sind. Aufgrund dieser Informationen sowie jener durch die in systematischen Geländebegehungen gesammelten Oberflächenfunde sollte es möglich sein, die Struktur des vermuteten "Siedlungsverbandes" (?) oder einer anderen Interaktionsstruktur innerhalb dieser Mikroregion zu erschließen.
In der 2.Hälfte des 6.Jt. v.Chr. begannen die Menschen in Mitteleuropa erstmals dauerhaft bewohnte Siedlungen mit großen, im Grundriss langrechteckigen Häusern zu errichten und die benötigte Nahrung durch Ackerbau und Viehzucht weitgehend selbst zu produzieren. Im Rahmen eines 2 Jahre dauernden, vom FWF getragenen Forschungsprojektes gelang es einer Gruppe von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen die Lebensumstände dieser ersten Bauern in einer natürlich begrenzten Kleinregion Niederösterreichs (Horner Becken) weitgehend zu rekonstruieren. Ausgangspunkt waren zunächst drei in den letzten 2 Jahrzehnten systematisch ausgegrabene Plätze. Infolge umfangreichster Datenerfassung bereits während der Grabungen waren EDV-gestützte Analysen zur Klärung der Verteilung der verschiedenen Funde möglich, wodurch ein klares Bild der internen Organisation der einzelnen Siedlungen entstand. Detailreiche Untersuchungen der Keramik und Steingeräte - einschließlich deren z.T. über große Distanzen importierten Rohmaterialien -Tierknochen, Mollusken- und Fischreste, der verkohlten Reste von Kultur- und Wildpflanzen erlaubten die Rekonstruktion des Nahrungsspektrums sowie der Anbau- und Erntemethoden. Von den weiteren 18 nur durch Oberflächenfunde bekannten Siedlungen der Region wurden 3 Plätze für geomagnetische Messungen großer Feldflächen ausgewählt. Dies ergab u.a. den eindeutigen Hinweis auf eine Siedlung, die aufgrund ihrer vermutlichen Verbauungsdichte und außergewöhnlichen Funden als zentraler Ort der Region anzusehen ist. Insgesamt zeigte sich, dass die um etwa 5300 / 5200 v. Chr. Geb. in diesem etwa 100 km 2 großen Gebiet nachgewiesenen Dörfer wider Erwarten in so enger Verbindung untereinander waren, dass man sie als eine große Siedlergemeinschaft ansehen muss. Die vier bereits ausgegrabenen Siedlungen zeigten nicht nur eine jeweils unterschiedliche interne Organisation sondern auch verschiedene Strukturen der Ernährungswirtschaft und der Rohmaterialversorgung. Dies alles deutet einerseits auf ein gewisses Mass an Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Dorfgemeinschaften hin und lässt anderseits eine soziale Strukturierung sowie Organisation der frühbäuerlichen Siedler erkennen, wie sie bisher weder bekannt noch erwartet war.
- Universität Wien - 57%
- Naturhistorisches Museum Wien - 19%
- Universität für Bodenkultur Wien - 24%
- Manfred Schmitzberger, Naturhistorisches Museum Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Franz Pieler, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Kerstin Kowarik, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Marianne Kohler-Schneider, Universität für Bodenkultur Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Inna Mateiciucová, Masarykova Univerzita - Tschechien