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Imperiale Peripherien: Religion, Krieg und die Szlachta

At the Imperial Periphery: Religion - Warfare - Szlachta

Andreas Kappeler (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P19184
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2007
  • Projektende 31.03.2009
  • Bewilligungssumme 253.827 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (70%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (15%); Philosophie, Ethik, Religion (15%)

Keywords

    Habsburgerreich, Zarenreich, Adel, Galizien, Podolien, Wolhynien, Krieg, Grenzregion, Grenzstädte, Konfessionsgrenze

Abstract Endbericht

Dieses Nachfolgeprojekt des FWF-Projekts "Multikulturelle Grenzstädte in der Westukraine 1772-1914" möchte anhand neuer Fragestellungen eine Erweiterung und gleichzeitig Vertiefung unseres Themas erreichen. Wir modifizieren dabei den mikrohistorischen Blickwinkel der (vergleichenden) Stadtgeschichte und wenden uns der Entwicklung dreier zentraler Themenkomplexe zu: Religion, Krieg und adeliger Privatbesitz. Der erste Komplex betrifft dabei die bis heute in der Westukraine aktuelle Konfessionsgrenze zwischen der orthodoxen und griechisch-katholischen Kirche. Angesichts der diametral entgegen-gesetzten Grundvoraussetzungen für die "Unierte" Kirche nach den Teilungen Polens in Galizien (rasche Anerkennung und Gleichstellung mit der röm.-kath. Kirche) und den russischen Teilungsgebieten (Repression und Eingliederung in die orthodoxe Kirche) stellen wir die bisher in der Forschung weitgehend vernachlässigte Frage, wie sich Religion und religiöses Leben im Grenzgebiet darstellte. Wie schnell wurden etwa die Anordnungen aus St. Petersburg in den entfernten westlichen Gouvernements umgesetzt? Welche Rolle spielten grenzüberschreitende Pilgerzüge? Welchen Stellenwert hatte die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Konfession für die einfache Bevölkerung? Der zweite Komplex betrifft die Auswirkungen von Kriegsereignissen auf Grenzregionen der Imperien Österreich und Russland. Während das von uns behandelte Gebiet von den Kriegshandlungen während der Napoleonischen Kriege verschont geblieben war, wurde es im Laufe des Ersten Weltkriegs zum blutigen Schauplatz militärischer Auseinandersetzung. Wir wollen der Frage nachgehen, warum gerade die Region Ternopil` nach der Niederlage Österreichs 1809 an Russland abgetreten wurde und wie die Bevölkerung auf diesen kurzfristigen "Seitenwechsel" reagierte. Vor diesem Hintergrund werden von uns die jahrelangen Kriegshandlungen des Ersten Weltkriegs in dieser Region gestellt. Dabei wollen wir in erster Linie die Reaktion verschiedener Bevölkerungsgruppen auf den Krieg untersuchen. Wie sah die jüdische, die katholische, die griechisch-katholische, die orthodoxe Perzeption aus? Der dritte Themenkomplex behandelt die bisher wenig erforschte Rolle der adeligen polnischen Stadtbesitzer auf beiden Seiten der Grenze. Welchen Einfluss hatten diese Privatbesitzer im Wandel der Zeit auf die Vorgänge in "ihren" Städten? Wie gingen die österreichischen bzw. russischen Zentralbehörden mit dieser Bevölkerungsgruppe an der Peripherie um?

In diesem Projekt haben wir uns mit dem durch die Teilungen Polen-Litauens (1772/93/95) geschaffenen Grenzraum zwischen Österreich und Polen-Litauen, ab 1793/95 dem Russländischen Reich beschäftigt. Ausgehend von der Mikroebene von sechs Grenzstädten in Ostgalizien einerseits und Wolhynien und Podolien andererseits, versuchten wir, Kontinuitäten und Brüche aufzuzeigen. Dabei konzentrierten wir und auf folgende Themen: 1) Die Staatsgrenze zwischen Österreich und dem Russländischen Reich wurde seit dem Ende des 18. Jahrhunderts etappenweise zu einer konfessionellen Grenze zwischen der im Habsburgerreich anerkannten und geförderten Unierten ("Griechisch-katholischen") Kirche in Galizien und der Russischen Orthodoxen Kirche in Wolhynien und Podolien, wo die Unierte Kirche stark bedrängt wurde. Ein politisch brisantes Konkurrenzverhältnis zwischen West- und Ostkirche zeigte sich auch am Beispiel der benachbarten Grenzklöster Podkamień und Pocaev. Seit 1795 durchschnitt die Staatsgrenze die Verbindung zwischen den wenige Kilometer von einander entfernten Klöstern, die beide bedeutende Pilgerstätten waren. Die Religionsgemeinschaft der Juden befand sich nach den Teilungen Polens in unterschiedlichen politischen und rechtlichen Kontexten, wie wir anhand zweier Fallbeispiele in Russland, Plänen zur Aussiedelung der Juden aus dem Grenzgebiet 1843 (Radzivilov, Volocisk) und den Pogromen von 1881 (Volocisk), gezeigt haben. Zudem beleuchten wir die über die Grenzen wirkende Ausstrahlung der beiden galizischen Städte Brody (als Zentrum der Haskala) und Husiatyn (als Zentrum des Chassidismus). 2) Im Zeitalter der Napoleonischen Kriege führte die verhängte Kontinentalsperre zu einem kurzfristigen handelspolitischen Aufstieg des Landhandels, was vor allem Brody zu Gute kam. Militärische Aktivitäten gab es hier kaum. Umso deutlichere Konsequenzen hatte allerdings der Erste Weltkrieg. Brody war rasch von russischen Truppen besetzt, die ein Jahr später wieder abzogen. Die Stadt wurde daraufhin zu einer österreichischen Militärzone. Im Gegensatz dazu dauerte die russische Herrschaft in Husiatyn und Podwoloczyska bis 1917. Die Verwüstungen waren in allen sechs untersuchten Städten dramatisch; zudem erfuhren auf beiden Seiten der Front sowohl die großen ruthenischen und jüdischen Bevölkerungsgruppen, als auch die polnische Minderheit, das Misstrauen der Armeen Österreichs und Russlands. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung zu beiden Seiten der Grenze kehrte nach dem Krieg nicht mehr zurück. 3) Querverbindungen blieben auch im Falle der adeligen (meist polnischen) Stadteigentümer erhalten, nicht zuletzt weil sie teilweise Grundbesitz in beiden Staaten hatten. Die Rolle dieser Stadteigentümer erfuhr einen politischen und gesellschaftlichen Wandel, der sie aus Eigentümern einer Stadt zum Eigentümer in einer Stadt machte. Die Dominanz des Adels begann sich aufgrund der Festigung der Zentralgewalten sowohl in Galizien als auch in Wolhynien und Podolien abzuschwächen. Die Ergebnisse des Projekts (zusammen mit denen des Vorgängerprojekts "Multikulturelle Grenzstädte in der Westukraine, 1772- 1914") werden derzeit für den Druck vorbereitet und gegen Ende des Jahres 2009 bei Böhlau unter dem geplanten Titel "Grenz-Orte. Städte zwischen Österreich und Russland 1772-1918" erscheinen. Ein Projektbericht erscheint auch in einer der nächsten Nummern des Kwartalnik Historyczny.

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