Tibetische Madhyamaka Exegese: spätere Entwicklungen
Tibetan Madhyamaka exegesis: later developments
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (65%); Sprach- und Literaturwissenschaften (35%)
Keywords
-
Buddhism,
Tibet,
Madhyamaka,
Ris Med - Movement
Im Rahmen eines Langzeitforschungsinteresses des Antragsstellers und des Institutes für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde, nämlich der tibetischen Madhyamaka-Exegese, hat dieses Projekt eine Untersuchung dieses Themas in seinen späteren Entwicklungen zum Ziel. Diese erfolgt auf der Basis seiner letzten formativen Periode, repräsentiert durch den rNying ma-Gelehrten `Ju Mi pham (1846-1912) und die Auseinandersetzung zwischen dessen ris med-Bewegung und - hauptsächlich - der dGe lugs pa-Schule. Nachdem sich Madhyamaka in Tibet als prägende philosophische Sichtweise etabliert hatte, waren dessen Grundkonzepte, die Lehre von den zwei Wirklichkeiten (satyadvaya) und die damit verbundene Vorstellung von Leerheit (shunyata), Objekt zahlreicher vehementer Debatten unter tibetischen Gelehrten und auch die Dispute des 19. Jahrhunderts zwischen Mi pham und seinen Gegnern konzentrierten sich auf diese Themen. Ausgangspunkt war Mi phams Nor bu ke ta ka (NK), ein innovativer Kommentar zum 9. Kapitel von Shantidevas (ca. 8. Jh.) Bodhicaryavatara (BCA), eine der indischen Hauptquellen für die betreffenden Konzepte. Die Auseinandersetzungen reichten über einen Zeitraum von zwanzig Jahren und wurden durch den Austausch von polemischen Streitschriften, so genannte dgag lan-Texte, geführt. Trotz ihrer entscheidenden Rolle für die tibetische Religions- und Philosophiegeschichte wurden bis dato nur kleinere Detailprobleme der Kontroversen studiert. Eine Erforschung der Debatte an sich, als ein dynamischer Austausch von Argumenten, blieb aus. In seiner Untersuchung wird sich das Projekt auf drei wesentliche Aspekte konzentrieren: A) Edition, Übersetzung und Annotation der relevanten Textstellen. Das Zusammentragen und Darlegen des betreffenden Textmaterials sowie die Analyse des philosophischen Austauschs und der jeweiligen Positionierung der debattierenden Partner wird nicht nur ein Bild der Madhyamaka-Exegese in ihrer formativen Periode der rezenteren Zeit abgeben, sondern wird auch Licht auf das Problemfeld der Interpretation von indischen Grundlagentexten durch tibetische Gelehrte werfen. B) Strukuranalyse der dgag lan-Debatte, ein in der Wissenschaft sehr vernachlässigter Themenkreis. C) Der sozio-politische Hintergrund der Kontroversen. Die Auseinandersetzungen fanden vor dem Hintergrund der so genannten ris med-Bewegung statt, einer religiösen Bewegung, die durch die Betonung religiöser Vielfalt versuchte, zur Dominanz der dGe lugs pa ein Gegengewicht zu sein. Unter diesem Blickwinkel ist Mi pham nicht nur als philosophischer, sondern auch politischer Gegner der dGe lugs pa zu sehen. Das Projekt wird daher untersuchen, in welchem Ausmaß sich diese Umstände in der philosophischen Auseinandersetzung widerspiegeln. In der Forschung wird die Zusammenarbeit mit einheimischen Gelehrten betont. Da große Teile dieser noch andauernden Debatte und ihrer Kommentartradition nur mündlich zugänglich sind, wird ein längerer Zeitraum dieser Studie des Austauschs mit tibetischen Gelehrten in traditionellen Lehreinrichtungen in Indien gewidmet. Die Ausführung des Projekts erfolgt am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien. Wie bereits oben beschrieben erfüllt es ein Langzeitforschungsinteresse des Antragsstellers. Der vorgesehene Hauptmitarbeiter Mag. Viehbeck ist nicht nur ein Experte in der Madhyamaka-Philosophie und der historischen Einbettung der Kontroversen, sondern kann auch eine reiche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit tibetischen Gelehrten aufweisen.
In Fortsetzung eines langfristigen Forschungsschwerpunktes des Projektleiters untersuchte dieses Projekt neuere Entwicklungen der tibetischen Madhyamaka Exegese, wie sie sich im späten neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in der heftigen Kontroverse zwischen dem Nying ma pa Gelehrten `Ju Mi pham (1846- 1912) und seinen Gegner aus der dGe lugs pa Schule manifestieren. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf den Austausch von Schriften zwischen Mi pham und dPa` ris Rab gsal (1866-1928) gelegt. In der Welt der tibetischen Scholastik, die zu einem hohen Grad auf Disputation beruht, erfolgen doktrinäre Neuerungen in der Regel im Rahmen einer Auslegung etablierter (indischer) Werke. In schriftlicher Form führten diese Dispute im späten neunzehnten Jahrhundert zu der Entwicklung einer eigenen Literaturgattung, genannt dgag lan ("Antwort auf Widerlegungen/ Einwände"). In Hinblick sowohl auf die Anzahl der ausgetauschten Schriften als auch auf deren philosophischen Gehalt erwies sich der Disput zwischen Mi pham und Rab gsal als idealer Ausgangspunkt für eine generelle systematische Untersuchung der dgag lan Literatur, die einen der beiden Schwerpunkt des Projektes darstellte. Im Laufe des Projektes gelang es, wenigstens zwei verschiedene Versionen aller nötigen Quellentexte zu sammeln. Diese wurden digitalisiert, kollationiert und in enger Zusammenarbeit mit tibetischen Gelehrten in Indien und Nepal analysiert. Aus dieser Arbeit resultierte der zweite Schwerpunkt des Projektes: Übersetzungen der relevanten Texte (zum Teil noch zu überarbeiten), und eine detaillierte strukturelle und inhaltliche Analyse der Debatten. Die wichtigsten Erkenntnisse daraus wurden bereits in einer Anzahl von Vorträgen und Aufsätzen vorgestellt, und die damit in thematischem Zusammenhang stehende Dissertation des wissenschaftlichen Mitarbeiters des Projektes, Mag. Markus Viehbeck, steht kurz vor ihrer Fertigstellung. Der wichtigste Punkt aus philosophischer Sicht ist der kontroverse Zugang der beiden Parteien zu den Kernkonzepten der Madhyamaka Philosophie, den zwei Wahrheiten/ Wirklichkeiten (satyadvaya) und der Leerheit (sunyata). Abgesehen von theoretischen Unterschieden betont Rab gsal die rationale Analyse, während Mi pham den Weg meditativer Erfahrung hervorhebt und den Einsatz von logischer Untersuchung gering hält. Weiters konnte das Projekt den Weg zu einer langfristigen Kooperation mit führenden tibetischen Gelehrten verschiedener Institutionen bereiten, in erster Linie zu nennen sind dabei die Klöster Namdroling und Sera in Südindien. Darüber hinaus bietet das vom Projekt gesammelte Material eine wertvolle textliche Grundlage für jede weitere Forschung auf diesem Gebiet. Es wird etwa in einem Folgeprojekt "Reasoning in South Asian and Tibetan Buddhism - intellectual practices across the Indo-Tibetan transcultural sphere," im Rahmen des Cluster of Excellence "Asia and Europe in a Global Context", Heidelberg University, durch Mag. Viehbeck weiter bearbeitet.
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