Die Sinaitischen glagolitischen Sakramentarfragmente
The Sinaitic Glagolitic Sacramentary-Fragments
Wissenschaftsdisziplinen
Informatik (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
Old Church Slavonic,
Graphem(at)ics,
Glagolitic Script,
Document Image Analysis,
Textology,
Manuscript Image Restoration
Bis in die 1990er Jahre war die Analyse schriftlicher Quellen fast ausschließlich eine Domäne von Geisteswissenschaftern. Erst in den letzten Jahren hat interdisziplinäre Arbeit allmählich an Raum gewonnen. Im gegenständlichen Projekt sollen Philologen und Techniker zusammenarbeiten, um auf ihren jeweiligen Gebieten einen zeitlichen wie auch substantiellen Fortschritt zu erzielen. Das Projekt gilt zunächst der Aufnahme, Untersuchung und Edition zweier mittelalterlicher slawischer Handschriften von außerordentlicher Bedeutung. Das zweite Hauptziel des Projekts liegt in der Entwicklung von Algorithmen zur digitalen Bildanalyse. Mit ihrer Hilfe soll die Lesbarkeit von Bildern solcher Quellen soweit verbessert werden, als es die Entzifferung und philologische Analyse des in ihnen enthaltenen Textmaterials erfordert. Im Falle der Editionsobjekte handelt es sich um zwei glagolitische Handschriften mit kyrillischen und griechischen Ergänzungen aus dem klassischen altkirchenslawischen Korpus, die 1975 im Katharinenkloster auf dem Sinai entdeckt wurden: Euchologii Sinaitici pars nova und "Missale" (Sacramentarium) Sinaiticum. Wie unsere Voruntersuchung zeigte, stellen sie Fragmente einer zweiteiligen liturgischen Sammlung dar, die überwiegend vom selben Schreiber im 11. Jh. verfasst wurde. Ihre außerordentliche Bedeutung liegt im Umstand, dass das in ihnen enthaltene Textmaterial überwiegend aus italogriechischen und lateinischen Vorlagen übersetzt wurde und so mit der ältesten slawischen (Kyrillo-Methodianischen) Tradition verknüpft ist. Der überwiegende Teil der Fragmente befindet sich in einem bedauerlichen Zustand und ist ohne Anwendung spezieller Aufnahme- und Bildverbesserungstechniken nicht zu entziffern. Vom Standpunkt der digitalen Bildanalyse liegt daher der interessanteste Teil des Projekts in der Beschreibung und Wiederherstellung der relevanten Texte bzw. Schriften. Die hierfür zu entwickelnden Algorithmen sollen die Arbeit des Philologen teils erst ermöglichen, teils auch erleichtern. Dagegen ist es nicht Ziel des Projekts, Software zu entwickeln, die alte Handschriften automatisch "liest". Insgesamt umfasst das interdisziplinäre Projekt folgende Schritte: Multispektrale Aufnahmen der Fragmente sollen die Grundlage für die Wiederherstellung der Lesbarkeit der Texte bilden. Die technische Bildanalyse dient der Verbesserung der Bildqualität sowie der computergestützten Beschreibung und (teilweisen) Wiederherstellung der Texte bzw. Schriften. Eine zerstörungsfreie Materialanalyse soll Einsichten in die physikalische Beschaffenheit der Handschriften (Pergament, Tinten und Pigmente) liefern. Die philologische Bildanalyse beinhaltet zunächst die Entzifferung sowie eine paläographische und graphematische Untersuchung des Materials. Die anschließenden Editionsarbeiten betreffen die Textkonstitution und den Textvergleich, einen Kommentar, ein Glossar und eine Einleitung. Die kritische Edition soll sowohl im Druck als auch im Internet erscheinen.
Das interdisziplinäre Projekt von Philologen (ISS), Computerwissenschaftlern (CVL) und Chemikern (ISTA - auf Werkvertragsbasis) verfolgte drei Hauptziele: 1. die Untersuchung und Edition zweier altslawischer liturgischer Handschriften in glagolitischer Schrift (Euchologium und Missale Sinaiticum - Sin. slav. 1N u. 5N) aus dem 11. Jh., die 1975 im Katharinenkloster auf dem Sinai entdeckt wurden; 2. die Anwendung modernster Aufnahme- und Bildbearbeitungstechniken sowie die Entwicklung neuer Computerprogramme zur Entzifferung und automatischen Analyse der stark beschädigten Fragmente; sowie 3. die röntgenologische Analyse der Materialien, aus denen die Handschriften verfertigt wurden (Pergament, Tinten, Pigmente). Glückliche Umstände führten dazu, dass die Zahl der Editionshandschriften noch erweitert werden konnte, besonders um den umfangreichsten bisher unedierten glagolitischen Neufund (Psalter des Demetrius - Sin. slav. 3N), und ihr Vergleich mit weiteren Handschriften dann zu erstaunlichen Ergebnissen führte. Unter den zahlreichen Projektergebnissen sind hervorzuheben: - Digitale und z.T. multispektrale Erfassung sowie materialtechnische Prüfung der (nunmehr drei) Editions- und weiterer zum Vergleich dienender Handschriften auf dem Sinai (CVL/ISTA/ISS), - Bildverbesserung (CVL) und Entzifferung von mehr als 50% zuvor unleserlichen Textmaterials (ISS), - Vorläufige Ausgaben der beiden Gebets-Handschriften (ISS & Partner), - Wörterverzeichnis des Euchologiums Sin. slav. 1N (ISS & Partner), - Gesamtabschrift, weit gediehene Sprach- und Textanalyse sowie Internet-Ausgabe des Demetrius-Psalters (ISS & Partner), - Komponentenanalyse und statistische Auswertung der chemischen Daten von 6 Hss. (ISTA), - Programme für die Datierung und Lokalisierung altslawischer Hss. und Datenvergleich der drei Editionshss. mit vier weiteren Zeugen der sinaitischen Tradition (25 Partien von 20 Schreibern - ISS), - Ausarbeitung von altkyrillischen und glagolitischen Computer-Fonts und Ergänzungen des Unicode-Inventars (ISS & Partner), - Computerprogramme zur Bildverbesserung und der automatischen Beschreibung von Layout und Liniierung, für die Exzerpierung, Klassifikation und Lesung des Buchstabeninventars sowie die Ergänzung unvollständig erhaltener Zeichen (CVL). Die Analyse des Missale bestätigte das Vorliegen der Petrus-Liturgie und führte u.a. zur Neuentdeckung der Basilius- und Jakobus-Liturgie, während die Untersuchung der auf Demetrius zurückgehenden Einträge im Psalter und weiteren Handschriften den Schluss ermöglichte, dass ihr Autor ein Benediktiner-Priester aus Dalmatien war, der unter dem Druck der Reformen Gregors VII. ins Hl. Land emigrierte, wo er um 1083 eine allegorische Tendenzschrift gegen den Papst verfasste. Die Hauptschreiber des Psalters konnten dem Raum Istrien zugewiesen und so der älteste Nachweis einer mit dem westbalkanischen Raum verknüpften altslawischen Handschrift erbracht werden.
- Technische Universität Wien - 50%
- Universität Wien - 50%
- Robert Sablatnig, Technische Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 166 Zitationen
- 13 Publikationen
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2011
Titel Layout Analysis for Historical Manuscripts Using Sift Features DOI 10.1109/icdar.2011.108 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Garz A Seiten 508-512 -
2009
Titel Recognition of Degraded Handwritten Characters Using Local Features**This work was supported by the Austrian Science Fund under grant P19608-G12 DOI 10.1109/icdar.2009.158 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Diem M Seiten 221-225 -
2009
Titel Torn Document Analysis as a Prerequisite for Reconstruction DOI 10.1109/vsmm.2009.27 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kleber F Seiten 143-148 -
2008
Titel A Portable High Resolution Imaging System for Digitizing Large-Surface Paintings DOI 10.1109/cisp.2008.729 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kleber F Seiten 746-750 -
2008
Titel Automated Stroke Ending Analysis for Drawing Tool Classification DOI 10.1109/icpr.2008.4761171 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Vill M Seiten 1-4 -
2008
Titel Contrast Enhancement in Multispectral Images by Emphasizing Text Regions DOI 10.1109/das.2008.68 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lettner M Seiten 225-232 -
2010
Titel Are Characters Objects? DOI 10.1109/icfhr.2010.93 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Diem M Seiten 565-570 -
2010
Titel Document analysis applied to fragments DOI 10.1145/1815330.1815381 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Diem M Seiten 393-400 -
2009
Titel A Survey of Techniques for Document and Archaeology Artefact Reconstruction DOI 10.1109/icdar.2009.154 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kleber F Seiten 1061-1065 -
2009
Titel Spatial and Spectral Based Segmentation of Text in Multispectral Images of Ancient Documents DOI 10.1109/icdar.2009.51 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lettner M Seiten 813-817 -
2010
Titel Detecting Text Areas and Decorative Elements in Ancient Manuscripts DOI 10.1109/icfhr.2010.35 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Garz A Seiten 176-181 -
2010
Titel Multi-Scale Texture-Based Text Recognition in Ancient Manuscripts DOI 10.1109/vsmm.2010.5665938 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Garz A Seiten 336-339 -
2010
Titel Higher order MRF for foreground-background separation in multi-spectral images of historical manuscripts DOI 10.1145/1815330.1815371 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lettner M Seiten 317-324