Der Prozess der Staatenbildung aus ökonomischer Sicht
The process of state formation - economic perspective
Wissenschaftsdisziplinen
Mathematik (10%); Politikwissenschaften (10%); Wirtschaftswissenschaften (80%)
Keywords
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Political Economy Modelling,
Agent Based Modelling,
EU economic policy,
Spatial Economics
Im vergangenen Jahrhundert wurden weltweit Staatsgrenzen in einem enormen Ausmaß neu gezogen. Einschneidende politische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg und das Ende des Kalten Krieges führten gemeinsam mit dem Niedergang des Kommunismus zu einer Vielzahl von nationalen Abspaltungen und waren somit für das Entstehen neuer politischer Akteure in Europa maßgeblich verantwortlich. Andererseits repräsentiert das Ende des Kolonialismus den primären Einflussfaktor für den Ursprung vieler Staaten in Afrika und Asien. Einhergehend mit der steigenden Anzahl verhältnismäßig kleiner Nationalstaaten gewannen supranationale Institutionen wie der Europäischen Union, NAFTA und ASEAN in derselben Zeit an Bedeutung. Die herkömmliche ökonomische Literatur vernachlässigt die Relevanz der Staatenbildung, obwohl die zuvor angeführten Ereignisse zu schwerwiegenden Veränderungen sowohl im ökonomischen Leben als auch im Alltag geführt haben. In gängigen Mainstream-Modellen ist der Staat exogen vorgegeben, Raum als solches wird zumeist gar nicht erst in die Betrachtung miteinbezogen. Somit bleiben wichtige Themen wie der Prozess kontinentaler Blockbildung (sowohl im ökonomischen als auch politischen Sinne) und die Tendenz zu kleineren Ländern unerklärt. In der jüngeren Vergangenheit hat eine Reihe von politischen Ökonomen durch die endogene Modellierung von Grenzbildung wertvolle Einsichten in dieses Gebiet gewonnen. Speziell die Arbeiten von Alberto Alesina und Enrico Spolare (AS) zeigen auf, wie die politische Ökonomie Fragen über die Größe von Nationalstaaten sowie deren Änderung im Zeitablauf beantworten kann. Zudem werfen sie Licht auf den Zusammenhang zwischen der Größe und dem wirtschaftlichen Leistungsvermögen eines Staates. Unter der Annahme eines Trade-Offs zwischen Skalenerträgen in der Bereitstellung öffentlicher Güter und den Kosten, die aus den heterogenen Präferenzen der Individuen resultieren, kann so in Abhängigkeit des politischen Regimes (Demokratie, Diktatur, benevolenter sozialer Planner) die im Sinne einer Nutzenmaximierung optimale Anzahl an Ländern analytisch ermittelt werden. Obwohl diese Modelle großen Erklärungswert in Fragen wie der zunehmenden ökonomischen Integration und dem gegenläufigen Trend auf politischer Ebene bieten, weisen sie Unzulänglichkeiten auf. Annahmen über die räumliche Verteilung der Individuen, ihrer Präferenzen und der perfekten Korrelation zwischen diesen beiden Variablen sollen mathematische Handhabbarkeit gewährleisten, aber schränken unserer Meinung nach die Modelle unnötig ein. Darüber hinaus erscheint der marginalistische komparativ statische Zugang nicht geeignet, ein diskretes dynamisches Phänomen wie die Veränderung von Grenzen abzubilden. Eine andere Forschungsrichtung nähert sich dem Thema der Staatenbildung aus historisch-soziologischer Sicht. Lars-Erik Cederman etwa verwendet agentenbasierte Simulationsmodelle um Grenzen und das Entstehen von politischen Akteuren endogen zu beschreiben. Im Gegensatz zum AS-Modell erlaubt dieser Zugang, das dynamische Verhalten des untersuchten Themas einzufangen. Jedoch vernachlässigen Arbeiten aus dieser Richtung die Motive der Individuen und sind somit nicht dazu imstande, den Einfluss politisch-ökonomischer Variablen auf das vorliegende Problem zu erklären. Das vorgeschlagene Projekt versucht, Elemente beider Zugangsweisen zu kombinieren, um die erwähnten Probleme zu bewältigen. Wir streben eine Analyse der Grenzbildung und der kontinentalen Blockbildung an, welche einige der relativ stark einschränkenden Annahmen des AS-Modells aufweichen soll. Mobilität von Agenten umgeht nicht nur die Annahme perfekter Korrelation zwischen Ort und Präferenz der Individuen, sondern ermöglicht uns, beliebige endogen generierte Populationsverteilungen zu untersuchen anstatt der üblicherweise verwendeten Uniformverteilung. Durch den Verzicht auf die problematische Sezessionsregel A (ein einzelnes Individuum, das an der Grenze zwischen zwei Ländern lebt, darf aussuchen, zu welchem der beiden es gehört) wird ein weiterer Kritikpunkt am AS-Modell ausgeräumt: die marginalen Grenzveränderungen. Ziel unserer Untersuchung ist eine Erklärung des Prozesses von Abspaltungen auf nationaler und Blockbildung auf supranationaler Ebene mit einem speziellen Augenmerk auf Fragen der EU-Erweiterung. Aufgrund der inhärenten Komplexität des vorgeschlagenen Settings wird die Analyse mit Hilfe von agentenbasierten Simulationen - begleitet durch Methoden der mathematischen ökonomischen Modellierung, die als Benchmark für erstere dient - durchgeführt.
Das Projekt "Der Prozess der Staatenbildung aus ökonomischer Sicht" liefert sowohl einen Überblick als auch eine Fülle von Detailergebnissen bezüglich der vielfältigen Modelle mit denen unser Wissen über die Entstehung und den Niedergang von Staaten untersucht wurde. Aus empirischer Sicht ergibt sich eine erstaunlich kurzfristig verändernde Staatenlandschaft. Bezüglich der untersuchten Modellierungstechniken wird zunächst eingehend auf die Modellansätze im Umfeld des oft zitierten Alesina-Spoalore Modells eingegangen. Es wird gezeigt, dass diese schwerwiegende Mängel aufweisen. Um das Modell analytisch handhabbar zu halten müssen Annahmen gemacht werden, die den empirischen Gehalt weitestgehend vernichten, auch mit etwaigen künftigen Erweiterungen ist von diesem Modellansatz her wenig zu erwarten. Im Gegensatz dazu zeigt das Projekt in der Folge an Hand einiger Beispiele agentenbasierter Simulationsmodelle, dass von diesem Modelltypus wesentlich höherer Erkenntnisgewinn zu erwarten ist. Auch wenn an einigen der vorgestellten Simulationsansätze ebenfalls Mängel aufgezeigt werden, so scheint doch die Zukunft der Modellierung in Simulationen mit heterogenen Agenten zu liegen. Das Projekt schließt wit der Einmahnung sorgfältiger, nachvollziehbarer Evaluierung solcher Simulationen - nur dann können sie die in sie gesetzte Hoffnung rechtfertigen.
- Technische Universität Wien - 100%