Die Typika des Schenute-Klosters
The Typika of the Monastery of Apa Shenoute
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (60%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)
Keywords
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Kalender des Weißen Klosters,
Typika des Weißen Klosters,
Koptische Liturgie,
Koptische Hymnologie,
Koptische Kirchengeschichte,
Heortologie
Auf der Grundlage erstmalig bzw. verbessert zu edierender liturgischer Quellen, insbesondere der koptischen (sahidischen) Typikon-Fragmente, steht der Gottesdienst des auf Schenute (um 361/62 - 465) zurückgehenden Weißen Klosters bei Sohag in Oberägypten im Mittelpunkt des vorliegenden Projektes. Die Typika (Perikopen- und Hymnen-Direktorien) sind als liturgische Quellen mit sehr knappem Umfang bei großer Informationsdichte zu charakterisieren. Sie bieten keine vollständigen Gebetstexte oder liturgische Formulare, sondern nur Initien, manchmal auch Endverse. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, alle sahidischen Typika des Weißen Klosters zu identifizieren, zu edieren und zu untersuchen. Damit werden die jeweiligen Perikopen, Hymnen und Homilien für jeden bezeugten Sonn- und Festtag der im Schenute-Kloster gefeierten Liturgie ermittelt. Es werden einerseits die weltweit verstreuten Blätter und Fragmente der Typika des Weißen Klosters ermittelt und ihre Zusammengehörigkeit zu bestimmten Manuskripten erschlossen, und andererseits die im Weißen Kloster begangenen Feiern und Feste mit ihren genauen heortologischen Angaben (d.h. Datum und Namen) feststellt sowie die Bestandteile der jeweiligen Liturgie - Perikopen, Hymnen und Homilien - erfasst und untersucht. Die wieder gewonnenen Blätter einer Typikon- Handschrift werden diplomatisch ediert und kommentiert. Diese Edition wird künftig beim Auffinden einer neuen sahidischen liturgischen Handschrift oder beim Entziffern eines bisher unidentifizierten liturgischen Fragmentes ein grundlegendes Arbeitsinstrumentarium bilden. Das vorliegende Projekt leistet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung und Bewahrung des koptischen Erbes und zur Erhellung der christlich-ägyptischen liturgischen Tradition sowie der in ihr gepflegten biblischen Schriftlesung. Durch das Zusammenwachsen der verschiedenen kirchlichen Traditionen auf Grund von Migration sowie im Gefolge der gegenwärtigen interkonfessionellen Dialoge kommt dem Forschungsvorhaben eine aktuelle ökumenische Bedeutung zu. Forschungsstätte ist der Fachbereich Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte an der Paris-Lodron Universität Salzburg.
Das oberägyptische Schenute-Kloster, auch bekannt als "Weißes Kloster", beherbergte einst eine der größten monastischen Bibliotheken Ägyptens mit über 10.000 Blättern. Heute sind von diesem Schatz der koptischen Kirche nur noch Ruinen übrig, die Manuskripte der Bibliothek sind in alle Welt verstreut. Koptologen versuchen diese seit Jahrzehnten neu erstehen zu lassen. Von geringem wissenschaftlichen Interesse waren bisher jedoch die liturgischen Handschriften des Weißen Klosters, obwohl gerade sie einen unschätzbaren Einblick in den monastischen Gottesdienst zur Zeit Apa Schenutes ( 465), des wichtigsten Abtes des Klosters, und seiner Nachfolger geben. Insbesondere die Typika, gottesdienstliche Verzeichnisse, die angeben, welche Schriftlesungen, Hymnen und Homilien an welchen kirchlichen Sonn- und Festtagen vorzutragen waren, wurden in der koptischen Liturgiewissenschaft bislang vernachlässigt. Im Zuge des Projekts "Der Gottesdienst des Schenute-Klosters anhand der koptischen (sahidischen) Typika. Edition. Kommentar. Untersuchung" unter der Leitung von Univ. Prof. Dr. Dietmar W. Winkler erfolgte erstmals eine komplexe Edition und Untersuchung der Typika des Schenute-Klosters. Dr. Diliana Atanassova fungierte dabei als wissenschaftliche Hauptmitarbeiterin. Im Zuge des Projekts wurden die weltweit verstreuten Blätter bzw. Fragmente von Typika des Schenute-Klosters aufgespürt und auf ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kodex hin untersucht. In weiterer Folge wurde die Edition der rekonstruierten Kodizes vorbereitet. Die Untersuchung ergab, dass wir heute von mindestens 20 liturgischen Kodizes mit Typikonteilen aus dem Schenute-Kloster ausgehen können. Der Inhalt jeder einzelnen Zeile der Typika wurde zu identifizieren versucht, was bei einem Großteil trotz des oft mangelhaften Erhaltungszustandes der Handschriften gelang. Dr. Atanassova konnten bei Forschungsaufenthalten in den bedeutendsten koptologischen Sammlungen mehrere neue Typikonblätter bzw. -fragmente aus dem Schenute- Kloster identifizieren. Die Forschungsergebnisse werden in einer Monographie zu den Typika samt Edition und Untersuchung in der Serie "Jerusalemer Theologisches Forum" der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Projektresultate ermöglichen eine genaue Kenntnis der im Schenute-Kloster begangenen Feste und Feiertage sowie deren heortologischen Angaben. Dies führt zu einem vertieften Wissen über die ägyptischen Klosterliturgien und das koptische Leben in den ersten Jahrhunderten vor und nach der muslimischen Eroberung Ägyptens. In weiterer Folge ist ein wichtiger Impuls für das heutige koptische Selbstverständnis zu erwarten. Die Monographie wird ein wegweisendes Arbeitsinstrument für die Bearbeitung weiterer sahidischer liturgischer Textquellen sein.
- Universität Salzburg - 100%