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Konkordanzdemokraten? Die ÖLfM und die Zivilgesellschaft

Concordance Democrats? The ALHR and the Civil Society

Wolfgang Schmale (ORCID: 0000-0001-8772-341X)
  • Grant-DOI 10.55776/P20475
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2008
  • Projektende 31.12.2011
  • Bewilligungssumme 175.536 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (90%); Politikwissenschaften (10%)

Keywords

    Austrian League of Human Rights, Civil Society, History, Human Right's Associations, Concordance democracy, Austria

Abstract Endbericht

Das Projekt mit dem Titel Konkordanzdemokraten? Die Österreichische Liga für Menschenrechte und die Zivilgesellschaft (1926-2006) wird die Geschichte und Aktivitäten des Vereins seit seiner Gründung dokumentieren und mit Hilfe der dabei gewonnenen Erkenntnisse das Verhältnis der Liga zur österreichischen und internationalen Zivilgesellschaft erforschen. Die zentrale Ausgangsfrage dafür ist, ob die Österreichische Liga für Menschenrechte (ÖLfM) in ihren verschiedenen Aktionsfeldern als eine spezifisch österreichische, konkordanzdemokratische` Vereinigung oder als transnational agierender, selbstorganisierter Teil der Zivilgesellschaft fungierte. Da die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen und NGOs im allgemeinen bis dato kaum erforscht ist, wird damit ein wichtiges Desiderat der historischen und politikwissenschaftlichen Forschung erfüllt. Inhaltliche Themenschwerpunkte des Projekts stellen die Bereiche Personen- und Organisationsstruktur der Liga, Pädagogik, Bildung, Menschenrechtserziehung (etwa auch in gesellschaftlichen Fragen wie Homosexualität), Information, internationale und nationale Kooperation in Friedensinitiativen, Rechts- und Sozialhilfe, Volksgruppen und Minderheiten in Österreich, Kulturaktivitäten sowie Frauenrechte dar. Diese Themenfelder orientieren sich an den Leitmotiven der Österreichischen Liga für Menschenrechte (ÖLfM). Für die dafür notwendige Forschungsarbeit ist vor allem das Archiv der Österreichischen Liga für Menschenrechte (ÖLfM) in Wien von Relevanz. Mit Hilfe dieses detailliert geführten Archivs, welches unter anderem alle Vorstands- und Generalversammlungsprotokolle sowie Mitgliederbewegungen und -daten seit 1945 umfasst, lässt sich die Geschichte der Liga vom Zeitpunkt ihrer Wiedergründung (1945) bis in die heutige Zeit nahezu lückenlos erschließen. Ergänzt werden diese Angaben durch fünf Zeitzeugen. Diese gehörten bzw. gehören jeweils seit den 1960er Jahren dem Ligavorstand an und prägten die Vereinsarbeit in den oben genannten Hauptaufgabengebieten. Die bis dato weitgehend unerforschte Geschichte der ÖLfM von ihrer Gründung im Jahre bis zu ihrer Selbstauflösung (1926-1938) lässt sich dagegen nicht über das Ligaarchiv rekonstruieren. Daher ist es notwendig, Korrespondenzen und Nachlässe der Liga-Vorstandsmitglieder der Ersten Republik in weiteren Archiven in Wien sowie Graz, Innsbruck und Moskau durchzuforsten. Vor allem das ehemalige Sonderarchiv des KGB in Moskau, in welches nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Akten aus Deutschland und Österreich verschafft worden waren und das erst seit Anfang der 1990er Jahre der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft zur Verfügung steht, bietet hierzu zahlreiches, bis dato ungesichtetes Material. Ziel des gesamten Projekt ist es, die Forschungsergebnisse in einer Monographie zu veröffentlichen.

Die Intention des Projekts war es, die Geschichte der Österreichischen Liga für Menschenrechte (ÖLfM) nachzuzeichen. Diese wurde 1926 unter der Führung des Wiener Soziologen Rudolf Goldscheid (18701931) als Nationalsektion der Internationalen Liga für Menschenrechte gegründet. Die Liga löste sich nach dem Anschluss 1938 selbst auf und wurde 1945 von einem neuen Proponentenkomitee wiederbegründet. Die zentralen Forschungsergebnisse hinsichtlich der Geschichte der ÖLfM in der Ersten Republik hängen damit zusammen, dass ihr Archiv 1938 von den nationalsozialistischen Behörden konfisziert wurde. Lange Zeit glaubte man das Archiv zerstört oder verschollen. Wie unsere Recherchen gezeigt haben, wurde es nach Berlin verbracht und dort von einem eigenen Österreich-Auswertungskommando analysiert. Diese Einschätzungen konnten im Bundesarchiv Berlin aufgefunden werden. Das der Liga geraubte Schriftgut wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs abermals beschlagnahmt und von der Roten Armee in ein so genanntes Sonderarchiv des KGB nach Moskau verbracht. Auch in diesem bis in die 1990er Jahre streng geheim gehaltenen Archiv konnten wertvolle Dokumente zur bislang kaum ausgeleuchteten Gründungsgeschichte der Liga eingesehen werden. Diese und weitere Recherchen in österreichischen, schweizerischen und französischen Archiven lassen einerseits den freimaurerisch dominierten Gründungsprozess der Liga deutlich werden, andererseits konnte auch die Vernetzung mit anderen zivilgesellschaftlichen Vereinen in Österreich und Europa herausgearbeitet werden. Insbesondere zur Deutschen Liga und zur 1898 gegründeten Mutterliga, der Ligue française pour la défense des droits de lhomme et du citoyen, bestanden enge Verbindungen. Es lässt sich mithin von einer europäisch vernetzten Zivilgesellschaft sprechen. Die europäische Vernetzung wurde auch als zentrales Element der Liga-Geschichte nach 1945 herausgearbeitet. Diese ließ sich aufgrund des sehr detailliert geführten Archivs der Liga lückenlos hinsichtlich Arbeitsfeldern (individuelle Rechts- und Sozialhilfe, Information über Menschenrechte, Erziehung zu den Menschenrechten, Eintreten für Bürgerfrieden etc.) sowie personeller Zusammensetzung und Organisationsstruktur nachzeichnen. In den ersten Jahren nach Kriegsende konnte ein kommunistischer Einfluss auf die Liga gezeigt werden. In dieser Periode galt die Liga als Entnazifizierungsinstrument, da neue Mitglieder nur aufgenommen wurden, wenn sie nachweisen konnten, nicht in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen zu sein. Später lassen sich trotz der immer wieder betonten Parteiunabhängigkeit enge Beziehungen zu den politischen Großparteien nachweisen. Die Liga bot auch eine Form der informellen Kommunikation über Parteigrenzen hinweg und zeigte durchaus konkordanzdemokratische Elemente. Mit der vermehrten Etablierung anderer zivilgesellschaftlicher Strukturen in einem traditionell wenig zivilgesellschaftlich organisierten Land wie Österreich seit den 1970er Jahren musste sich die Liga neu positionieren und nicht zuletzt auch mit einem vereinsinternen Generationenwechsel auseinandersetzen. Die ÖLfM ist bis zur Gegenwart ein wesentlicher Akteur in der österreichischen Zivilgesellschaft.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Bernd Bonwetsch, Universität Stuttgart - Deutschland

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