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Angeleitete Selbsthilfegruppen für türkische Migrantinnen

Guided Self-Help Groups for Female Turkish Migrants

Walter Renner (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P20523
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2008
  • Projektende 31.03.2011
  • Bewilligungssumme 139.614 €

Wissenschaftsdisziplinen

Psychologie (100%)

Keywords

    Migration, Somatic Symptoms, Turkish, Self-Help, Depression

Abstract Endbericht

Türkinnen und Türken zählen zu den bedeutendsten Gruppen von MigrantInnen in Österreich. Die meisten Familien wurden in den Sechzigerjahren des 20. Jhdts. als Arbeitskräfte angeworben und wollten zunächst nur begrenzte Zeit als GastarbeiterInnen bleiben. Mit anhaltender wirtschaftlicher Notwendigkeit entschieden sie sich jedoch für einen dauernden Aufenthalt. Die meisten Personen türkischer Herkunft fühlen sich auch in der zweiten und dritten Generation mehr der türkischen als der österreichischen Kultur verbunden, und türkische Eltern vermitteln ihren Kindern auch heute eher kollektivistische als individualistische Werte. Die traditionellen türkischen Geschlechtsrollen werden strikt eingehalten und für Frauen ergaben sich kaum Veränderungen hinsichtlich vermehrter Selbstbestimmung und persönlicher Freiheit. Rezidivierende depressive Symptome, häufig begleitet von körperlichen Beschwerden, kommen bei türkischen Migrantinnen häufig vor. Diese Symptome werden häufig durch die kulturelle Belastung seitens der Herkunftsgesellschaft und durch Fremdenfeindlichkeit von österreichischer Seite ausgelöst oder verstärkt. Aus Furcht vor Stigmatisierung und Diskriminierung nehmen viele Türkinnen psychiatrische, psychologische und psychotherapeutische Hilfe nicht in Anspruch, sogar wenn diese kostenlos angeboten wird. Auch ist das österreichische medizinische und psychotherapeutische Versorgungssystem oft nicht in der Lage, auf die speziellen Bedürfnisse türkischer PatientInnen hinreichend einzugehen. Als Alternative bieten sich kulturspezifische Selbsthilfeaktivitäten für indigene Personen an, für welche vielversprechende Einzelfallberichte vorliegen. Über solche gemeindenahen Aktivitäten wurde häufig berichtet, aber es liegt wenig Evidenz auf verlässlicher empirischer Basis für ihre Wirksamkeit vor. In der geplanten Studie sollen zwei Selbsthilfegruppen (je N = 10) für türkische Migrantinnen in Österreich mit der Diagnose "Rezidivierende Depressive Störung" (ICD-10 F33) mit je 15 wöchentlichen Sitzungen und zwei Auffrischungssitzungen nach 1 bzw. 6 Monaten eingerichtet werden. In einem randomisierten Design und auf der Grundlage von Fragebögen für depressive, somatische und allgemeine Symptome, soll die Wirksamkeit dieser Intervention mit zwei Gruppen auf der Basis Kognitiver Verhaltenstherapie (je N = 10) und zwei Warte- Kontrollgruppen (je N = 10) verglichen werden. Insgesamt sollen somit N = 60 Frauen teilnehmen. Die Fragebögen werden vor und nach der Intervention und zu Follow-Up Terminen 1 und 6 Monate nach Abschluss vorgegeben. Jede Selbsthilfegruppe wird von einer Frau türkischer Herkunft geleitet werden, welche in einer 6- Monats-Vorbereitungsphase eine paraprofessionelle Ausbildung erhalten wird. Unsere Hypothesen hinsichtlich der Symptomreduktion besagen, dass die Selbsthilfegruppen (1) der Warte-Kontrollgruppe signifikant überlegen sein werden, dass sie (2) gleich wirksam sein werden wie kognitive Verhaltenstherapie und dass sie (3) im Vergleich zur Wartebedingung Effektstärken > 1.00 aufweisen werden. Die in dieser Studie untersuchten Selbsthilfegruppen werden als Beispiel für eine kultursensible, gemeindenahe Intervention für eine ethnische Gruppe dienen, und somit sollen neue Erkenntnisse über die Effektivität und die Wirkmechanismen solcher Interventionen im allgemeinen gewonnen werden. Die Ergebnisse sollen auch Erfolg versprechende Interventionsmöglichkeiten für andere indigene Gruppen auf der ganzen Welt aufzeigen.

Wir richteten angeleitete Selbsthilfegruppen (15 wöchentliche Sitzungen) für N = 66 türkische Migrantinnen mit wiederkehrender Depression (Durchschnittsalter 42,7 Jahre) ein und verglichen ihre Wirksamkeit mit 15 Sitzungen Kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) im Gruppensetting und mit einer Wartekontrollgruppe (zufällige Zuordnung zu den Gruppen). Die Türkei zählt zu den häufigsten Herkunftsländern von MigrantInnen in Österreich. Auch in der 2. und 3. Generation fühlen sich viele von ihnen der kollektivistischen türkischen mehr als der individualistischen österreichischen Kultur verpflichtet; im Rahmen traditioneller Geschlechtsrollen wird den Frauen häufig wenig Selbstbestimmung und persönliche Freiheit gewährt. Der kulturelle Druck durch die Herkunftsfamilien und Fremdenfeindlichkeit der österreichischen Bevölkerung lösen häufig depressive bzw. somatische Symptome aus oder verstärken sie. Aus Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung zögern türkische Frauen oft, kostenlose psychiatrische, psychologische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, bzw. werden die speziellen Bedürfnisse türkischer Patientinnen zu wenig berücksichtigt. Als Alternative gibt es ermutigende Einzelberichte über kulturspezifischer Selbsthilfe für indigene Gruppen, allerdings wenig empirische Nachweise zu deren Wirksamkeit. Als Gruppenleiterinnen fungierten Studentinnen türkischer Herkunft, die sorgfältig ausgewählt, ausgebildet und supervidiert wurden. Mittels Fragebögen wurden depressive und allgemeine klinische sowie post-traumatische Symptome vor und nach den Interventionen, sowie einen und sechs Monate nach Abschluss gemessen. Zusätzlich analysierten wir die Sitzungs- und Supervisionsprotokolle und die Interviews mit den Teilnehmerinnen. Anders als erwartet, reduzierten weder die Selbsthilfe- noch die Verhaltenstherapiegruppen (im Vergleich zur Kontrollgruppe) depressive und andere Symptome. Individuell betrachtet, berichteten N = 12 Frauen Verbesserungen: tendentiell waren dies jüngere Frauen, sowie solche mit einer höheren Zahl traumatischer Erfahrungen und längerer Aufenthaltsdauer in Österreich. Im Gegensatz dazu, berichteten in den Interviews fast alle Teilnehmerinnen, dass sie die Teilnahme als unterstützend erlebten und Vertrauen und persönliche Stärke aufbauen konnten. Möglicherweise aufgrund der insgesamt unkontrollierbaren Lebensbedingungen waren kurzfristig angelegte Selbsthilfeaktivitäten ebenso wie Kognitive Verhaltenstherapie für die meisten Teilnehmerinnen zwar subjektiv unterstützend, aber unwirksam. Beides sind typisch "westliche", unseren Teilnehmerinnen bislang unbekannte Interventionen, die ihnen eventuell ein zu hohes Maß an Autonomie und Selbstmanagement-Fertigkeiten abverlangten. Als Alternative empfehlen wir langfristige Psychotherapie im Einzelsetting durch Psychotherapeutinnen türkischer Herkunft, die mit dem kulturellen Hintergrund und den spezifischen Bedürfnissen der Patientinnen vertraut sind.

Forschungsstätte(n)
  • Priv.-Univ. für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik - 100%

Research Output

  • 27 Zitationen
  • 2 Publikationen
Publikationen
  • 2015
    Titel Turkish Migrant Women with Recurrent Depression: Results from Community-based Self-help Groups
    DOI 10.1080/08964289.2015.1111858
    Typ Journal Article
    Autor Siller H
    Journal Behavioral Medicine
    Seiten 129-141
  • 2011
    Titel The ineffectiveness of group interventions for female Turkish migrants with recurrent depression
    DOI 10.2224/sbp.2011.39.9.1217
    Typ Journal Article
    Autor Renner W
    Journal Social Behavior and Personality
    Seiten 1217-1234
    Link Publikation

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