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Denken bei Vögeln

Reasoning in birds

Kurt Kotrschal (ORCID: 0000-0001-7254-4347)
  • Grant-DOI 10.55776/P20538
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.02.2008
  • Projektende 31.12.2011
  • Bewilligungssumme 357.998 €

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (100%)

Keywords

    Reasoning, Inference, Corvids, Parrots, Comparative Cognition, Cognitive ethology

Abstract Endbericht

Mit diesem Projekt wollen wir beantworten, wie Vögel fehlende Information nutzen können, um eine Situation einzuschätzen. Können Sie auf Grund der vorhandenen, aber unvollständigen Information logische Schlussfolgerungen ziehen? Neueste Studien zeigen, dass Kolkraben und Buschblauhäher besonders geschickt darin sind, das frühere Verhalten von Artgenossen zu erahnen und ebenso abzuschätzen, was der andere als nächstes tun wird. Da beide Arten regelmäßig Nahrung verstecken und ihre Verstecke gegen plündernde Artgenossen verteidigen müssen, liegt die Vermutung nahe, dass sie diese Fähigkeiten als Anpassungen an diesen Konkurrenzdruck entwickelten. Entsprechend den Vorhersagen der "adaptiven Spezialisierungshypothese" (z.B. Kamil 1987) sollten demnach andere Arten, die nicht den gleichen Selektionsdrücken ausgesetzt sind, derartige Fähigkeiten nicht besitzen. Im Gegensatz dazu steht der "Allgemeine Prozess" - Ansatz (de Kort el al. 2005), wonach entsprechende Selektionsdrücke zu einer einheitlichen oder generellen Entwicklung von Intelligenzleistungen führen sollte. Für dieses Projekt wollen wir uns auf die kognitiven Fähigkeiten von Rabenvögeln und Papageien konzentrieren, da diese beiden Vogelgruppen in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit den Primaten Konkurrenz machen können. Innerhalb der Rabenvögel wollen wir die Futter versteckenden Eichelhäher und Neukaledonische Krähen als auch die nicht Futter verstehenden Dohlen testen. Wir erhoffen uns aus diesem Vergleich Erkenntnisse bezüglich des Einflusses des Nahrungversteckens auf die Entwicklung dieser Fähigkeiten. Neukaledonische Krähen sind zudem besonders interessant, da sie die fähigsten Werkzeugmacher im Tierreich darstellen. Ähnliche Fähigkeiten bei mehreren Rabenvögeln können aber auch auf ihre enge Verwandtschaft zurückgeführt werden. Aus diesem Grunde wollen wir auch Papgeien testen, und hierbei insbesondere Graupapageien und Keas. Keas zeichnen sich durch ihre extreme Manipulationsfreudigkeit und Neugierde aus, während Graupapageien vor allem für ihre sprachlichen und kommunikativen Fertigkeiten bekannt sind. In unseren Tests wollen wir untersuchen, ob die Tiere in einer Wahlsituation wissen, wo Futter zu finden ist, wenn man ihnen gezeigt hat, wo kein Futter vorhanden ist. Weiterhin interessiert uns, ob sie in erkennen, welches Futterversteck ein Artgenosse geplündert hat, wenn sie ihn nur fressen, aber nicht den Plündervorgang selbst sehen können. In einem weiteren Schritt gilt es einzuschätzen, was ein Anderer als nächstes tun wird. Um dies zu erreichen, müssen sie aber berücksichtigen, was der Andere vorher gesehen hat. Abschließend wollen wir testen, inwieweit sie den sozialen Rang eines unbekannten Vogels einschätzen können, nachdem sie eine Auseinandersetzung zwischen diesem unbekannten Vogel und einem ihnen bekannten Tier beobachten konnten. Im Sinne der "adaptiven Spezialisierungshypothese" sollten in den ersten drei Experimenten vor allem die Futter versteckenden Arten im Vorteil sein, wohingegen nur geringe Unterschiede im letzten Experiment zu erwarten wären. Wir erhoffen uns mit dieser Studie tiefere Einblicke in die evolutionären Mechanismen, die zur Ausbildung der kognitiven Fähigkeiten von Vögeln führten.

Ziel des Projekts war es in einem vergleichenden Ansatz das logische Denkvermögen verschiedener Vogelarten zu untersuchen. Untersuchungsschwerpunkt waren großhirnige Rabenvögel und Papageien, vergleichende Studien wurden auch an Graugänsen durchgeführt. Logisches Denkvermögen bei Vögeln zu finden galt bis vor kurzem noch als recht unwahrscheinlich, da es als eines der typisch menschlichen geistigen Fähigkeiten galt. Immer noch ist umstritten, ob und in welchem Ausmaß diese Fähigkeiten überhaupt bei Tieren, geschweige denn bei Vögeln zu finden sind. Basis dieses Misstrauens Vögeln gegenüber war die lange Zeit missinterpretierte Anatomie ihres Vorderhirns. Zudem wollten wir herausfinden, ob die kognitiven Fähigkeiten der Tiere als spezifische Anpassungen an Ihre Umwelt oder eher als Instrumente der "allgemeinen Intelligenz" betrachtet werden können. Schließlich untersuchten wir auch, wie verlässlich diese Tiere ihre Fähigkeit logische Schlüsse zu ziehen unbeeinflusst von stammesgeschichtlich älteren Mechanismen einsetzen können. Unsere Forschungsarbeit konzentrierte sich v.a. auf das Schlussfolgern nach dem Ausschlussprinzip. Können Tier erkennen, dass eine alternative Option die richtige Lösung sein muss, wenn weil eine naheliegende Option nicht zutrifft? Wir untersuchten diese Fragen in mehreren Experimenten, wobei wir herausfanden, dass diese einfacheren Tests von den meisten der untersuchten Arten, allerdings unterschiedlich gut, gelöst werden konnten. Wenn es darum ging, mittels Schlussfolgerungen Futter zu finden, so schnitten besonders die futterversteckenden Rabenvögel gut ab, also die Kolkraben und Rabenkrähen. Aber auch die Graupapageien waren erfolgreich, Dohlen und Keas scheiterten hingegen. Da Dohlen kein Futter verstecken, so scheint es möglich, dass zumindest innerhalb der Rabenvögel logisches Schlussfolgern eine adaptive Anpassung an das Futterverstecken sein könnte. Bei komplizierteren Tests auf logische Fähigkeiten hingegen schnitten auch die futterversteckenden Rabenvögel nicht sonderlich gut ab, wohingegen die Graupapageien ausgesprochen erfolgreich waren. Ging es aber um das Erkennen und Ableiten von sozialen Beziehungen, so waren auch die Dohlen erfolgreich. Hieraus leiten wir ab, dass sich Grundstrukturen logischen Schlussfolgerns sowohl bei den Papageien als auch bei den Rabenvögeln entwickelten, dass aber vermutlich unterschiedliche Selektionsdrucke wirkten. Während innerhalb der Corviden insbesondere in Hinblick auf Futterverstecken eine adaptive Spezialisierung möglich erscheint, so ist diese Annahme in Bezug auf die Papageien kaum haltbar. Bei den Papageien könnte die so genannte "generellen Intelligenz", also die Fähigkeit, geistige Fähigkeiten auf einen weiten Bereich von Zusammenhängen zu generalisieren, stärker entwickelt sein als bei den untersuchten Rabenvögeln. Die Ergebnisse und Methoden dieses Projekts wurden in 18 peer review Publikationen und 32 Kongressbeiträgen veröffentlicht. Das Projekt förderte die internationale Vernetzung erheblich und bildete die Basis für die Ausbildung und das Mentoring von Studenten, für gute Karrierefortschritte und für eine dynamische Entwicklung an der Universität Wien (z.B. erfolgreiche Bewerbung um das FWF- Dissertantenkolleg "Cognition and Communication").

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Paolo Zucca, University of Trieste - Italien
  • Alex Kacelnik, University of Oxford - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 491 Zitationen
  • 12 Publikationen
Publikationen
  • 2014
    Titel Pair bond characteristics and maintenance in free-flying jackdaws Corvus monedula: effects of social context and season
    DOI 10.1111/jav.00508
    Typ Journal Article
    Autor Kubitza R
    Journal Journal of Avian Biology
    Seiten 206-215
    Link Publikation
  • 2012
    Titel The Influence of Local Enhancement on Choice Performances in African Grey Parrots (Psittacus erithacus) and Jackdaws (Corvus monedula)
    DOI 10.1037/a0028209
    Typ Journal Article
    Autor Mikolasch S
    Journal Journal of Comparative Psychology
    Seiten 399-406
  • 2009
    Titel Northern bald ibises follow others gaze into distant space but not behind barriers
    DOI 10.1098/rsbl.2009.0510
    Typ Journal Article
    Autor Loretto M
    Journal Biology Letters
    Seiten 14-17
    Link Publikation
  • 2009
    Titel What You See Is What You Get? Exclusion Performances in Ravens and Keas
    DOI 10.1371/journal.pone.0006368
    Typ Journal Article
    Autor Schloegl C
    Journal PLoS ONE
    Link Publikation
  • 2012
    Titel Transitive inference in jackdaws (Corvus monedula)
    DOI 10.1016/j.beproc.2012.10.017
    Typ Journal Article
    Autor Mikolasch S
    Journal Behavioural Processes
    Seiten 113-117
  • 2011
    Titel Is caching the key to exclusion in corvids? The case of carrion crows (Corvus corone corone)
    DOI 10.1007/s10071-011-0434-1
    Typ Journal Article
    Autor Mikolasch S
    Journal Animal Cognition
    Seiten 73-82
    Link Publikation
  • 2011
    Titel What You See Is What You Get—Reloaded: Can Jackdaws (Corvus monedula) Find Hidden Food Through Exclusion?
    DOI 10.1037/a0023045
    Typ Journal Article
    Autor Schloegl C
    Journal Journal of Comparative Psychology
    Seiten 162-174
  • 2011
    Titel On the evolutionary and ontogenetic origins of tool-oriented behaviour in New Caledonian crows (Corvus moneduloides)
    DOI 10.1111/j.1095-8312.2011.01613.x
    Typ Journal Article
    Autor Kenward B
    Journal Biological Journal of the Linnean Society
    Seiten 870-877
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Familiarity with the experimenter influences the performance of Common ravens (Corvus corax) and Carrion crows (Corvus corone corone) in cognitive tasks
    DOI 10.1016/j.beproc.2013.11.013
    Typ Journal Article
    Autor Cibulski L
    Journal Behavioural Processes
    Seiten 129-137
    Link Publikation
  • 2011
    Titel Gaze direction – A cue for hidden food in rooks (Corvus frugilegus)?
    DOI 10.1016/j.beproc.2011.08.002
    Typ Journal Article
    Autor Schmidt J
    Journal Behavioural Processes
    Seiten 88-93
    Link Publikation
  • 2010
    Titel Transitive inference in free-living greylag geese, Anser anser
    DOI 10.1016/j.anbehav.2010.02.029
    Typ Journal Article
    Autor Weiß B
    Journal Animal Behaviour
    Seiten 1277-1283
  • 2012
    Titel Grey parrots use inferential reasoning based on acoustic cues alone
    DOI 10.1098/rspb.2012.1292
    Typ Journal Article
    Autor Schloegl C
    Journal Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences
    Seiten 4135-4142
    Link Publikation

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