Christine Busta - Neue Perspektiven auf Werk und Leben
Chrisine Busta - New Perspectives on the Life and Works
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Soziologie (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
-
Christine Busta,
Biographie,
Österr. Literatur des 20. Jahrhunderts,
Studienausgabe und Forschungsportal,
Literatur zw. Verdrängung u Aufarbeitung
Im Februar 2007 übernahm das Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck den Nachlass von Chr. Busta, die neben I. Bachmann und Chr. Lavant zu den wichtigsten österreichi-schen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit gezählt wird. Der Nachlass füllt 51 Archivkassetten mit Werken, Werkmanuskripten, Entwürfen und Notizen, bildkünstlerischen Werken Bustas, Korrespondenzen (mit über 500 Personen), Lebensdokumenten, einer Fotosammlung etc. Ihre nachgelassene Lyrik umspannt einen längeren Entstehungszeitraum, als durch Veröffentlichungen repräsentiert ist. Es scheint, als dürfe ihr Nachlass als Vermächtnis und Bekenntnis verstanden werden. Busta war tiefer in den Nationalsozialismus verstrickt als bisher bekannt. Im vorliegenden Projekt geht es nicht um "Enthüllungen" oder um eine moralische Bewertung, sondern um entscheidende Aspekte der kulturellen Geschichte Österreichs und der individuellen Biographie in Zusammenhang mit Bustas Form der literarischen Verarbeitung (v.a. das Motiv der Schuld betreffend). These ist: Wer Biographie, Briefe und Werk genauer kennt, wird verfolgen können, dass ihre Auseinandersetzung mit ihrem Tun, mit Schuld und Scham, ausschließlich in ihrem Werk stattgefunden hat, dass dieses Werk eine Tiefendimension hat, die man bis jetzt kaum wahrnehmen konnte. Dies wäre ein neuer Fall in der Literaturgeschichte Österreichs, die Leistung einer spezi-fischen österreichischen literarischen Vergangenheitsbewältigung. Die Anti-These ist: Der christliche Bild-Raum, in den sie sich mit ihrer Lyrik vielfach zurückzog, ist eine spezifische Form der österreichischen (Nicht- )Auseinandersetzung. Der Katholizismus ließ die NS-Zeit zu einer "Prüfung" unter anderen werden, was den Ex- Nazis die Möglichkeit gab, im "Glauben" ihre politische Schuld zu marginalisieren oder gar in einem legitimierten Tabu verschwinden zu lassen. Busta hätte dann ohne reflexive Brechung den unpolitischen Literaturbegriff bewahrt, wie sie ihn in der NS-Zeit aufgenommen hatte. Arbeitsergebnis ist ein Forschungsportal (Website), das weiteren Arbeiten zu Busta und zur österreichischen Literatur- und Kulturgeschichte nach 1945 solides quellenbasiertes Material anbietet: eine Liste der Titel und Incipits aller im Nachlass vorliegenden Gedichte und Entwürfe, eine komplette Briefliste, z.T. mit Regesten, eine Chronik zu Bustas Leben. Die Volltextsuche greift auf zwei nicht sichtbare Dateien der Werk- und Brieftranskriptionen zu, die Treffer verweisen auf statistische Aspekte, die Forschenden kennen den Fundort und können sich an Archive und RechteinhaberInnen wenden. Darauf basierend sind zwei Bände im Druck geplant (Otto Müller Verlag): Ein Band wird der wissen-schaftlichen und der literarischen Öffentlichkeit bisher unbekannte Texte von Busta in einer Studienausgabe zugänglich machen. Die Auswahl soll die Autorin über ihre bisherigen Gedichtbände "hinauswachsen" lassen. Notate und Vorstufen ermöglichen einen Blick auf das poetische Verfahren. Der zweite Band wird die erste Auswahl an Briefen von und an Busta präsentieren (kommentiert). Darauf folgt ein biographisches Porträt, dessen Ziel die Zusammenfassung der neuen Erkenntnisse ist. Lebensdokumente, Briefe und Tagebücher und die Dokumente und Briefe auch anderer machen es möglich, Bustas Leben in der Spannung zwischen ihrer Selbstwahrnehmung und der Betrachtung von außen zu beschreiben. Außerdem kann die persönliche Situation in ein Verhältnis zur jeweiligen literarischen Produktion gesetzt werden. Hinzu kommen Fotos und Faksimiles.
Die forschungsleitende These des Antrags, dass in Werk und Leben von Christine Busta eine symptomatische Verflechtung von Poetik, Religion und Politik auszumachen ist, konnte im Lauf des Projektes erhärtet werden. Erstmals wurde Bustas Beteiligung am Nationalsozialismus erforscht und ihr Schreiben in diesem Kontext sowie im Kontext der österreichischen Nachkriegszeit beleuchtet. 1948 treten andere Motive und Themen in Bustas Lyrik auf: Nicht 1945 ist als Zäsur maßgeblich, sondern der Zeitpunkt der Entnazifizierung, was literaturgeschichtlichen Forschungen ein paradigmatisches Kriterium hinzufügt. // Die Untersuchung der Korrespondenz zwischen Busta und dem mit seiner jüdischen Frau Gertrude 1939 emigrierten pragerdeutschen Schriftsteller J. Urzidil (1957-1970, ca. 200 Stück) ergab, dass Busta Fragen Urzidils nach ihrer Biographie untersagte, dass der tschechische, der Prager Aspekt von Bustas Herkunft (v.a. ihr Vater, der nach 1918 nach Prag gezogen war) als Grundlage einer mythischen Gemeinsamkeit diente und dass die Korrespondenz als intensiver und extensiver literarischer Austausch betrieben wurde. // Mit dem Band Erfreuliche Bilanz wurde eine gänzlich anders als ihre klassischen Gedichte angelegte lyrische Ausführung Dialektgedichte erstmals und, in Distanz zu affirmativen Formen, nach editorischen Prinzipien herausgegeben (Auswahlkriterium Autorisierungsgrad, Nachweis des gewählten Textzeugen und Angabe aller weiteren, Glossar, Einzelstellenkommentar). Busta charakterisiert treffsicher und humorvoll Individuen und Alltagssituationen. // Die Arbeitsdatenbank wurde von Anbeginn für eine weitere Nutzung geplant, den NutzerInnenkreis und die Nachhaltigkeit betreffend. Die Webapplikation BustaSearch (http://webapp.uibk.ac.at/brenner-archiv/BustaSearch) verzeichnet (in derzeit 10433 Datensätzen) alle Werke und zahlreiche Korrespondenzen Bustas sowie ihre nichtliterarischen Texte (Rezensionen, Juryurteile, auch akustisches Material in Transkription (Interviews)) aus dem Nachlass (51 Kassetten im Brenner-Archiv, 10 Kassetten im Literaturarchiv der ÖNB). Sie will in der Spannung zwischen urheberrechtlich geschütztem Material und der Orientierung an der open access-Politik eine ökonomische und erkenntnisorientierte Verbindung von archivalischen, editorischen, literar- und kulturwissenschaftlichen Zugängen ermöglichen. Mit den offengelegten Source Codes sind Module für die technische Nutzung an anderer Stelle bereitgestellt. // Das Projekt hofft die Tabuisierung aufgebrochen zu haben, die sich um die Verwendung christlicher Motivik gebildet hat. Auch ohne das appellative und humanistische Moment von Bustas Schreibens in Frage zu stellen, kann ein Grund für die ungeheure Popularität der Autorin in den 1950er und 1960er Jahren in der Rezeption ihrer Gedichte als Handreichung zur Exkulpation gesehen werden. Damit wäre der Literaturgeschichtsschreibung ein gesellschaftspolitischer Aspekt hinzugefügt, der bei manch anderen AutorInnen (und KünstlerInnen) ebenso zu berücksichtigen wäre.
- Universität Innsbruck - 90%
- Forschungsstelle Quellen und Kultur - 10%
- Annette Steinsiek, Forschungsstelle Quellen und Kultur , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 9 Publikationen
-
2012
Titel Werk und Leben: Einheit, Zweiheit, Drittes? Aspekte zur Biografie von Autorinnen aus dem Geist der Editionsphilologie. Typ Book Chapter Autor Schneider Ua -
2011
Titel 'Fassungen, Gattungen und "Atzungen'. Christine Bustas Notizen im Hinblick auf Arbeitsweise und Gattungsspektrum. Typ Journal Article Autor Tavernier C Journal Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv -
2010
Titel Von der Materialität zur editorischen Reproduktion. Zum Nachlass von Christine Busta. Typ Book Chapter Autor Materialität In Der Editionswissenschaft -
2009
Titel 'Drum ist es für die Gnade längst zu spät ...'. Christine Bustas Lyrik von 1945 bis 1951 (mit neun unveröffentlichten Gedichten). Typ Journal Article Autor Bakacsy J Journal Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv -
2009
Titel Christine Busta: Dokument der Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien, 1940. Typ Book Chapter Autor Bakacsy J -
2008
Titel Schuld und Schreiben, Trauer und Tröstung, Pan und "Plan". Der Nachlaß Christine Bustas und seine Perspektiven für die Forschung. Typ Book Chapter Autor Christine Busta. Texte Und Materialien. Hg. Von Michael Hansel -
0
Titel Christine Busta: Erfreuliche Bilanz. Dialektgedichte. Typ Other Autor Steinsiek A Et Al -
2013
Titel „Meere zwischen uns und Kontinente des Schlafs“. Johannes Urzidils Briefwechsel mit Christine Busta DOI 10.7788/boehlau.9783412211349.453 Typ Book Chapter Autor Zankl V Verlag Brill Deutschland Seiten 453-474 Link Publikation -
2010
Titel Von 51 Archivkassetten zur Kontur eines Lebens. Christine Busta (1915-1987) am Forschungsinstitut Brenner-Archiv. Typ Journal Article Autor Bakacsy J Journal Zeitmesser. 100 Jahre Brenner. Innsbruck: iup 2010