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Kulturtransfer vom Südatlantik nach Zentraleuropa, 1640-1740

Cultural Transfer from Southern Atlantic to Central Europe

Renate Pieper (ORCID: 0000-0002-2184-1330)
  • Grant-DOI 10.55776/P20629
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.08.2008
  • Projektende 31.01.2012
  • Bewilligungssumme 250.909 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (25%); Geschichte, Archäologie (25%); Wirtschaftswissenschaften (50%)

Keywords

    Kulturtransfer, 1640-1740, Atlantik, Zentraleuropa

Abstract Endbericht

Die historische Forschung hat sich ausführlich mit dem europäischen Einfluß in Amerika und Afrika auseinandergesetzt. Die atlantischen Auswirkungen auf die Geschicke Europas haben jedoch ein weitaus bescheideneres Echo gefunden, das über die Analyse der Geschichte einzelner Americana nicht wesentlich hinausgegangen ist, oder es erfolgte die gemeinsame Betrachtung asiatischer und atlantischer Kulturgüter, so dass spezifisch atlantische Charakteristika nur begrenzt sichtbar werden. Ziel des Projektes ist es daher, den Transfer atlantischer Kulturgüter und Techniken nach Zentraleuropa nicht nur anhand von Fallbeispielen, sondern in einer systematischen Form zu analysieren und dabei die Reichweite und die Intensität des Einflußes der atlantischen Welt zu ermitteln. Dabei sind ebenso die Bedingungen für den Erfolg wie auch für das Scheitern der Transfers zu erfassen. Insbesondere soll festgestellt werden, welche Bedeutung Faktoren wie politischem Antagonismus, Krieg und Frieden zukam. Als Zeitraum soll die Zeit zwischen 1640 und 1740 betrachtet werden, eine Zeit großer Spannungen zwischen Bourbonen und Habsburgern, in der sich insbesondere die politischen Beziehungen zwischen Zentraleuropa und Spanien grundlegend wandelten. Schließlich ist zu untersuchen, in wie weit sich die Mittlerfunktion zwischen dem südlichen Atlantik und Zentraleuropa seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Spanien nach Frankreich verschob. Eine Einbeziehung der ebenfalls wichtigen Rolle der Niederlande, Englands und Oberitaliens würde die Kapazitäten dieses Projektes sprengen. Da eine vorwiegend qualitative Untersuchung durchgeführt werden soll, gilt es unterschiedliche Quellen verschiedener Provenienz miteinander zu vergleichen. Dies soll anhand von Testamenten, Nachlassinventaren, kaufmännischer und diplomatischer Korrespondenz bei den Rezipienten in Wien und Graz, bei den Vermittlern in Nürnberg, Augsburg, Straßburg, sowie bei den Atlantikanrainern erfolgen, deren Akten sich in Paris, Bordeaux, Nantes, Aix-en-Provence, Marseille, Simancas und Sevilla befinden. Auf diese Weise kann die Erfassung des Einflusses des südlichen Atlantiks auf die zentraleuropäische materielle und technische Kultur in der Frühen Neuzeit auf eine breitere Basis gestellt werden.

Das Projekt hat die Bedeutung von Frankreich, Spanien und Italien als Vermittler zwischen dem atlantischen Raum und Zentraleuropa vom Ende des 17. bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts untersucht und dabei die noch bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts vorhandene Bedeutung des Mittelmeerraumes für kulturelle und technologische Austauschprozesse feststellen können. So wurden in Frankreich atlantische Produkte in der Medizin, in der Nahrungszubereitung und in der Kosmetik sowie in der Textilindustrie in steigendem Umfang eingesetzt. In der Habsburger Monarchie wurde der französische Stil bereits Ende des 17. Jahrhunderts aufgenommen, ungeachtet der zu dieser Zeit bestehenden politischen Antagonismen. In Wien trug man französische Kleidung und stellte französische Köche ein und dies führte dazu, dass damit auch atlantische Erzeugnisse in Zentraleuropa stärkeren Eingang fanden. Insbesondere professionelle französische Kulturvermittler, einwandernde Handwerker und italienische Händlerfamilien spielten eine wichtige Rolle beim Kultur- und Techniktransfer. Dieses wird auch anhand der Verbreitung eines einzelnen Produktes, wie des Kakaos, exemplarisch sichtbar. Bereits im 17. Jahrhundert wurde Schokolade kistenweise durch Adelige von Spanien nach Österreich transferiert. Dieses wurde in der Folgezeit von professionellen Händlern übernommen. Insgesamt kann man feststellen, dass die Verwendung atlantischer Güter, die über den Mittelmeerraum nach Zentral- und Nordeuropa transferiert wurden, zwar nicht in der Qualität von Süden nach Norden abnahm, wohl aber in der Quantität. Im Unterschied zum 16. und beginnenden 17. Jahrhundert wurden atlantische Güter im 18. Jahrhundert nicht länger als exotisch eingestuft, sondern sie dienten dazu, teurere asiatische Luxusprodukte zu ersetzen und den Konsum für ein breiteres Publikum erschwinglich zu machen. Damit einher gingen deutliche technologische Veränderungen. Im Gegensatz zur materiellen Präsenz atlantischer Erzeugnisse war der atlantische Raum in der Vorstellungswelt, so wie sie sich in Bibliotheken manifestierte, weniger relevant. Insbesondere hat das Projekt die große Bedeutung persönlicher Kontakte durch kulturelle Vermittler, wandernde Handwerker und Kaufleute für den Kulturtransfer und technische Innovationen aufgezeigt. Schließlich konnten wir feststellen, dass kulturelle Kontakte, zumindest im Fall von Paris und Wien, erst im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen kurzfristig unterbrochen wurden.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%

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