Triangulation zum Gender Gap in der Lebenserwartung
Triangulation on the Gender Gap in Life Expectancy
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (10%); Soziologie (90%)
Keywords
-
Life Expectancy,
Morbidity,
Triangulation,
Gender Medicine,
Europe
Das Bild der gegenwärtigen Verringerung der männlichen Übersterblichkeit (seit den 1970er/1980er Jahren) nach mehreren Dekaden sukzessiver Auseinanderentwicklung der Lebenserwartung von Frauen und Männern zeigt sich in allen europäischen Ländern. Vorangegangene Studien haben die besondere Bedeutung der Altergruppe der 50- 80-Jährigen deutlich gemacht. In dieser Altersgruppe ist der weibliche Überlebensvorteil gegenüber den gleichaltrigen Männern am größten. Seit den 1950er Jahren trägt diese Altersgruppe mehr als die Hälfte zur gesamten Lebenserwartungsdifferenz bei. Es hat sich gezeigt, dass die Altersgruppe der 50-80-Jährigen nicht nur die Höhe, sondern auch die Dynamik der geschlechtsspezifischen Lebenserwatungsdifferenz bestimmt. Innerhalb dieses Projekt werden die Lebenserwartungsunterschiede mit einer detaillierten und eingehenden Untersuchung von möglichen geschlechtsspezifischen Krankheits- und Gesundheitsverhaltensunterschieden innerhalb der Altergruppe der 50 - 80-jährigen Frauen und Männer in Europa verbunden. Besondere Bedeutung kommt hierbei der Untersuchung Österreichs zu. Die besondere Leistung dieses Projektes ist die methodische Triangulation, um die Frage zu beantworten: Warum leben Frauen länger als Männer? Es werden sowohl qualitative als auch quantitative Daten und Methoden angewendet, um eine möglichst umfassende Analyse zu gewährleisten und um den vielseitigen Aspekten der Forschungsfrage gerecht zu werden. Im ersten Schritt werden Experteninterviews durchgeführt und draus neue Hypothesen abgeleitet. Diese Hypothesen sollen dann im zweiten Schritt anhand von quantitativen Surveydaten (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe) getestet und erweitert werden. Eine sorgfältige und umfangreiche demographische Analyse der geschlechtsspezifischen Lebenserwartungsunterschiede ist, insbesondere für Österreich, notwendig und unverzichtbar. Das beworbene Projekt wird zu neuen Einsichten führen zum Zusammenhang von Mortalitätsdifferenzen, bestimmten Krankheitsstrukturen (z.B. typisch männlichypisch weibliche Krankheitsbilder) und Gender Medizin und ist bedeutsam für wissenschaftliche Disziplinen wie Demographie und Sozialmedizin, ebenso wie für die Soziologie, Public Health und Epidemiologie.
Rund fünfeinhalb Jahre leben die Österreicherinnen heute länger als ihre männlichen Landsleute. Verschiedene Faktoren sind dafür verantwortlich, wie biologische Ursachen oder Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum, Unfallsterblichkeit oder Risikofaktoren im Zusammenhang mit Berufstätigkeit. Nachdem sich die Geschlechterdifferenz in der Lebenserwartung bis zu Beginn der 1980er Jahre zunehmend zugunsten der Frauen vergrößerte, wird sie seit 30 Jahren wieder kontinuierlich geringer. Unser Projekt ging den Fragen nach, warum Frauen generell eine geringere Sterblichkeit haben und welche Gründe für die Reduktion der Geschlechterunterschiede in den letzten 30 Jahren verantwortlich sind. Zur Beantwortung beider Fragen nutzten wir das Verfahren der Triangulation, die eine Verknüpfung quantitativer und qualitativer Methoden erlaubt. Aus Interviews mit ÄrztenInnen, Gender MedizinerInnen und AltenpflegerInnen wurden Erklärungsansätze abgeleitet, die dann mittels statistischer Methoden in umfangreichen Datensätzen untersucht wurden. Die Triangulation ist ein innovativer Forschungsansatz und führte in unserem Projekt zu sehr aufschlussreichen Ergebnissen. Das Hauptergebnis unserer Triangulationsstudie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Der steigende Anteil der Raucherinnen und der Trend zu einem gesundheitsbewussteren Verhalten der Männer sind die wohl wesentlichen Faktoren für die Verringerung der Geschlechterdifferenz in der Lebenserwartung. Ein Schwerpunkt unsere Ergebnisse ist der Einfluss der weiblichen und männlichen Geschlechterrollen auf das Gesundheitsverhalten. Aus den Interviews ging hervor, dass Frauen zunehmend männliches Risikoverhalten übernehmen. Dies ist zurückzuführen auf einen Wertewandel, ihre höhere Erwerbsbeteiligung und die dadurch resultierenden Stressfaktoren. Zunehmender Nikotinkonsum der Frauen steht damit in Zusammenhang, der seit den 1960er Jahren nachweisbar ist. Im Gegenzug übernehmen besonders jüngere Männer positiv weibliche Stereotype. Männer achten verstärkt auf ihren Gesundheitszustand, treiben Sport und verzichten auf Nikotinkonsum. Die quantitativen Analysen bestätigten, dass der Trend der unterschiedlichen Sterblichkeit zwischen Männern und Frauen hauptsächlich durch Geschlechterdifferenzen im Rauchverhalten verursacht ist. Unsere Ergebnisse erweitern die Erkenntnisse zu Trends und Ursachen der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Mortalität. Die Beobachtung, dass nicht nur Frauen maskuline Verhaltensweisen an den Tag legen, sondern auch Männer feminine, deutet auf eine interessante gesellschaftliche Entwicklung hin, die nicht nur für die Mortalitätsforschung relevant ist, sondern auch für viele andere Wissenschaftsbereiche.
- Markus Bönte, Universität Hamburg - Deutschland
- Elsie Pamuk, National Center for Health Statistics - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 12 Zitationen
- 1 Publikationen
-
2011
Titel Adult Mortality in Europe DOI 10.1007/978-90-481-9996-9_3 Typ Book Chapter Autor Luy M Verlag Springer Nature Seiten 49-81