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Der adaptive Wert sozialer Vertrautheit bei Milben

Adaptive significance of social familiarity in mites

Peter Schausberger (ORCID: 0000-0002-1529-3198)
  • Grant-DOI 10.55776/P20743
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 16.02.2009
  • Projektende 15.09.2012
  • Bewilligungssumme 115.804 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (80%); Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (20%)

Keywords

    Behavioral Ecology, Anti-Predation Behavior, Predatory Mites, Foraging Behavior, Limited Attention Theory, Life History

Abstract Endbericht

Information über die soziale Umwelt ist essentiell wenn Individuen häufig miteinander interagieren. Viele Tiere sind daher fähig zwischen vertrauten (bekannt durch früheren Kontakt) und unbekannten Individuen zu unterscheiden. Der adaptive Wert der sozialen Vertrautheit, d.h. die Auswirkung auf Überleben und Reproduktion, ist hingegen wenig dokumentiert. Einen möglichen Hinweis auf den adaptiven Wert sozialer Vertrautheit bietet die Theorie der limitierten Aufmerksamkeit (limited attention theory). Diese Theorie postuliert, dass Tiere, deren Aufmerksamkeit durch eine Aufgabe beansprucht wird, andere Aufgaben weniger effizient ausführen können, weil die für die Informationsverarbeitung nötige neuronale Kapazität begrenzt ist. Vergesellschaftung mit vertrauten Individuen kann einen selektiven Vorteil bringen, falls dies die anderen Aufgaben zugewendete Aufmerksamkeit erhöht. Im vorliegenden Projekt soll der adaptive Wert der sozialen Vertrautheit in der räuberischen Milbe Phytoseiulus persimilis untersucht werden. Phytoseiulus persimilis lebt in Gruppen und kann vertraute und unbekannte Individuen unterscheiden. Ausgehend von der limited attention theory untersuche ich die Hypothese, dass Vergesellschaftung mit vertrauten Individuen adaptiv ist, weil vertraute Individuen weniger Aufmerksamkeit beanspruchen (z.B. weil sie weniger agonistisches Verhalten zeigen) als unbekannte Individuen. Vergesellschaftung mit vertrauten Individuen erlaubt P. persimilis sich verstärkt anderen Aktivitäten zuzuwenden and erhöht ihre Effizienz in Nahrungserwerb und Antiprädationsverhalten. Optimiertes Verhalten sollte sich günstig auf Lebenszykluskomponenten wie Wachstum, Entwicklung und Reproduktion auswirken. Soziale Vertrautheit soll insgesamt zu einer besser koordinierten Ausnutzung der Nahrungspatches, einem optimierten Wechselspiel zwischen Aufenthaltsdauer und Verlassen eines Nahrungspatch, und letztlich zu gesteigertem Populationswachstum führen. Nach meinem Wissen ist dies die erste Studie die den Einfluss sozialer Vertrautheit auf eine derartige Fülle von Verhaltensweisen und Lebenszykluskomponenten eines terrestrischen Tieres im Lichte der limited attention theory untersucht.

Zahlreiche Tiere aus verschiedensten taxonomischen Kategorien leben in Gruppen. Dementsprechend vielfältig sind die Ursachen für Gruppierungsverhalten und die Gründe welche Individuen sich in einer Gruppe zusammenfinden bzw. sich innerhalb einer Gruppe bevorzugt nebeneinander aufhalten. Gruppierungspräferenzen basieren oft auf sozialer Vertrautheit, i.e. gegenseitige Vertrautheit die durch vorherigen Kontakt etabliert wurde. Soziale Vertrautheit steuert das Gruppierungsverhalten vieler Tiere und beeinflusst in Folge auch andere Lebensbereiche und -aktivitäten, wie Nahrungserwerb, Räuberabwehr, Reproduktion, Entwicklung oder Ausbreitungsvermögen. Die Theorie der limitierten Aufmerksamkeit (limited attention theory) besagt, dass, wenn die Aufmerksamkeit durch eine Aufgabe beansprucht wird, andere Aufgaben weniger effizient ausgeführt werden können. Für in Gruppen lebende Organismen scheint es daher vorteilhaft zwischen vertrauten und fremden Individuen unterscheiden zu können, da vertraute Individuen weniger Beachtung benötigen und somit die anderen Aufgaben gewidmete Aufmerksamkeit erhöht werden kann. Dieses Projekt untersuchte die Auswirkungen sozialer Vertrautheit im Lichte limitierter Aufmerksamkeit auf das Gruppierungsverhalten, den Nahrungserwerb, die Reproduktion, die Räuberabwehr und das Ausbreitungsverhalten der pflanzenbewohnenden Raubmilbe Phytoseiulus persimilis. Die Effekte der sozialen Vertrautheit waren in zahlreichen Verhaltens- und Lebenszyklusparametern evident und ließen sich in allen untersuchten Entwicklungsstadien (Larven, Nymphen, adulte Weibchen) nachweisen. Die Milben gruppierten sich bevorzugt mit vertrauten Individuen und bevorzugten in Wahlsituationen vertraute gegenüber fremde Gruppen. Zudem waren vertraute Individuen effizienter in der Nahrungsverwertung: Juvenilstadien in vertrauten Gruppen brauchten bei gleicher Köpergröße weniger Nahrung für ihre Entwicklung als jene in fremde Gruppen; Weibchen in vertrauten Gruppen legten mehr Eier als Weibchen in fremden Gruppen, trotz gleicher Menge an aufgenommener Nahrung. Juvenile und adulte Individuen in vertrauten Gruppen verließen zur Neige gehende Beuteplätze früher, besiedelten rascher mehr neue Beuteplätze, dezimierten die Beutepopulationen schneller und hatten bessere Überlebenschancen in diesen Plätzen. Larven in vertrauten Gruppen reagierten schneller auf Räuberattacken und überlebten dadurch mehr Attacken und länger als Larven in fremden Gruppen. Soziale Vertrautheit wirkte sich auch auf die generelle Aktivität der Milben aus, wobei vertraute Milben weniger ziellose Aktivität zeigten, einem Indikator für verminderten Stress. Zusammenfassend argumentieren wir, dass eine vertraute soziale Umgebung weniger Aufmerksamkeit benötigt als eine fremde Umgebung und die dadurch freiwerdende Aufmerksamkeit bzw. Energie in andere Aufgaben als dem Sondieren der fremden Umgebung einfließen kann. Unsere Studie ist die erste umfassende Arbeit, die den Zusammenhang des adaptiven Werts der sozialen Vertrautheit mit den zugrundeliegenden kognitiven Prozessen der limitierten Aufmerksamkeit experimentell dokumentiert.

Forschungsstätte(n)
  • Universität für Bodenkultur Wien - 100%

Research Output

  • 149 Zitationen
  • 13 Publikationen
Publikationen
  • 2011
    Titel Social familiarity enhances antipredation success of Phytoseiulus persimilis threatened by the intraguild predator Amblyseius andersoni.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Schausberger P
    Konferenz Zemek, R. and Palevsky, E. (Eds.), 3rd meeting of the IOBC working group "Integrated Control of Plant-feeding Mites", Program and Abstracts
  • 2010
    Titel Social familiarity optimizes prey patch exploitation and dispersal of the group-living predatory mite Phytoseiulus persimilis.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Schausberger P Et Al
    Konferenz Schausberger, P., Walzer, A., Peneder, S., 7th Symposium of the European Association of Acarologists: Acari in a changing world; program, abstracts, participants
  • 2010
    Titel The influence of familiarity on grouping behavior of the predatory mite Phytoseiulus persimilis.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Schausberger P Et Al
    Konferenz DeMoraes, Castilho & Flechtmann (Eds.), XIII International Congress of Acarology, Abstract Book
  • 2010
    Titel The adaptive value of social familiarity in predatory mites.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Schausberger P
    Konferenz ISBE (Eds.), ISBE 2010, 13th International Behavioral Ecology Congress - program, abstracts, list of participants
  • 2010
    Titel Die Auswirkung sozialer Vertrautheit auf das Gruppierungsverhalten der Raubmilbe Phytoseiulus persimilis.
    Typ Journal Article
    Autor Schausberger P
    Journal Entomologica Austriaca
  • 2017
    Titel Early social isolation impairs development, mate choice and grouping behaviour of predatory mites
    DOI 10.1016/j.anbehav.2017.02.024
    Typ Journal Article
    Autor Schausberger P
    Journal Animal Behaviour
    Seiten 15-21
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Smells familiar: group-joining decisions of predatory mites are mediated by olfactory cues of social familiarity
    DOI 10.1016/j.anbehav.2013.05.040
    Typ Journal Article
    Autor Muleta M
    Journal Animal Behaviour
    Seiten 507-512
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Social familiarity relaxes the constraints of limited attention and enhances reproduction of group-living predatory mites
    DOI 10.1111/j.1600-0706.2012.20833.x
    Typ Journal Article
    Autor Strodl M
    Journal Oikos
    Seiten 1217-1226
    Link Publikation
  • 2012
    Titel Social familiarity modulates group living and foraging behaviour of juvenile predatory mites
    DOI 10.1007/s00114-012-0903-7
    Typ Journal Article
    Autor Strodl M
    Journal Naturwissenschaften
    Seiten 303-311
    Link Publikation
  • 2012
    Titel Prenatal Chemosensory Learning by the Predatory Mite Neoseiulus californicus
    DOI 10.1371/journal.pone.0053229
    Typ Journal Article
    Autor Quesada P
    Journal PLoS ONE
    Link Publikation
  • 2012
    Titel Social Familiarity Governs Prey Patch-Exploitation, - Leaving and Inter-Patch Distribution of the Group-Living Predatory Mite Phytoseiulus persimilis
    DOI 10.1371/journal.pone.0042889
    Typ Journal Article
    Autor Zach G
    Journal PLoS ONE
    Link Publikation
  • 2012
    Titel Social familiarity affects group-joining decisions of the predatory mite Phytoseiulus persimilis.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Muleta Mg
    Konferenz Schausberger, P., Walzer, A., Peneder, S., 7th Symposium of the European Association of Acarologists: Acari in a changing world; program, abstracts, participants
  • 2012
    Titel Social Familiarity Reduces Reaction Times and Enhances Survival of Group-Living Predatory Mites under the Risk of Predation
    DOI 10.1371/journal.pone.0043590
    Typ Journal Article
    Autor Strodl M
    Journal PLoS ONE
    Link Publikation

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