Gegenwärtige Zukünfte: Koproduktion von Nano & Gesellschaft
Making Futures Present: Co-producing Nano & Society
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (50%); Soziologie (50%)
Keywords
-
Science and Technology Studies (STS),
Nanoscience and -technology,
Public Engagement with Science,
Sociology of Expectations,
Governance of Innovation,
Scenario Methods
Vor dem Hintergrund von Debatten über das Verhältnis von Wissenschaft, Technologie und Gesell-schaft haben Nanotechnologien als ein neues Forschungsfeld die öffentliche Bühne betreten. Dabei sind drei Ausgangsbeobachtungen zentral: Erstens verstehen wir Technowissenschaften und Gesell-schaft als ko-produziert, d.h. wie wir Wissen produzieren und "Welt" repräsentieren ist eng mit der Art und Weise verknüpft, wie wir in dieser Welt leben. Zweitens wird Wissensproduktion immer stärker als in Anwendungszusammenhängen stattfindend wahrgenommen. Schließlich werden neue Modelle der Steuerung von Wissenschaft und Technik in der heutigen Gesellschaft einschließlich der Einführung von vermehrter öffentlicher Partizipation gefordert. Aber auch Erwartungen und die Vorwegnahme von potentiellen technowissenschaftlichen Zukünften begannen für die Ausführung von wissenschaftlichen und technischen Unternehmungen, aber auch in der damit zusammenhängenden Interaktion von Technowissenschaften und Gesellschaft, eine zentrale Rolle zu spielen. Daher sind die grundlegenden Prozesse der Konstruktion von gegenwärtig gemachten Zukünften als auch die Schaffung eines "Marktes für technowissenschaftliche Versprechungen" wichtige gesellschaftliche Mechanismen, die wir mit diesem Projekt analysieren wollen. Nanotechnologien sind von besonderem Interesse für eine Analyse des sich wandelnden Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft. Seit ihren ersten Anfängen ist Nano eng mit kulturellen Erzählun-gen, die technowissenschaftliche Visionen mit utopischen und dystopischen sozialen Imaginationen verbinden, verwoben. Zum Zweiten verschränkt Nano als "enabling technology" eine große Bandbrei-te an Disziplinen und potentiellen Anwendungsfeldern, und ist daher mit vielfältigen technowissenschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen konfrontiert. Drittens müssen sich Nano und mit ihr verbundene öffentliche und politische Debatten mit dem historisch vorausgehenden Fall von genetisch veränderten Organismen arrangieren, die sehr oft einen Rahmen bereitstellen innerhalb dessen der gesellschaftliche Umgang mit Nano bewertet wird. Durch die Verwendung eines breiten Spektrums an qualitativen Methoden (Interviews, Szenario Workshops, Dskursanalysen etc.) liegt der Fokus dieses Projektes auf der Untersuchung der grundlegenden (individuellen und kollektiven) Prozesse durch welche Stakeholder wie ForscherInnen und PolitikerInnen und auch Mitglieder einer breiteren Öffentlichkeit sowohl zukünftige Möglichkeiten als auch mögliche Zukünfte von Nanotechnologien konstruieren und bewerten. Welche Ressourcen verwenden Akteure, um die Zukünfte von Nano zu konstruieren und zu evaluieren? In welchen kulturellen medialen und politishcen Kontexten finden die Artikulationen von Nano & Gesellschaft statt und wie finden diese Eingang in die Bewertungen der unterschiedlichen Akteure? Auf welche Wertesysteme wird Bezug genommen? Wie hängen diese Bewertungen mit der wissenschaftlichen Arbeit, politischer Entscheidungsfindung und den Imaginationen von Laien über relevante und gutgeheißenen Innovationen zusammen? Dies sind nur einige Kernfragen, die im Projekt analysiert werden sollen. Dabei werden wir viel weniger auf eng gefasste Risikodiskurse fokussieren als vielmehr auf die grundlegenden Imaginationen, die sich um technowissenschaftliche Innovationen in gegewärtigen Gesellschaften drehen. Zu guter Letzt werden wir unsere Ergebnisse mit der wachsenden Literatur von Fallbeispielen über Nano in anderen Ländern kontextualisieren und analysieren, in wie weit die Bewertungen von Nano als globel gerahmtes Phänomen zu sehen sind beziehungsweise auf welchen Ebenen es eher lokal und kulturell verwurzelt ist.
Am Beginn der 21. Jahrhunderts wurden Nanotechnologien zu einem vielversprechenden Zukunftsfeld, dem großes Potential zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zugeschrieben wird. Das Ziel dieses Projektes war herauszufinden, wie WissenschaftlerInnen und BürgerInnen die Möglichkeiten solch neuer Entwicklungen, aber auch ihre Probleme und Grenzen beurteilen und welche Rolle dabei Vorstellungen über die Zukunft spielen. Die Frage nach dem Wie war dabei zentral, also mit Hilfe welchen Wissens, welcher Erfahrungen, aber auch auf Basis welcher Werte Einschätzungen gemacht werden. Um diese Fragen zu beantworten wurden Interviews durchgeführt und Gruppendiskussion mit WissenschaftlerInnen und BürgerInnen veranstaltet, aber auch Politikdokumente und mediale Debatten zum Thema analysiert. Anzumerken ist, dass es in Österreich im internationalen Vergleich so gut wie keine kritische öffentliche Diskussion zur Nanotechnologie gab. Für die Gruppendiskussionen mit BürgerInnen wurde eine eigene Methode entwickelt, die es ihnen erlaubte, im Rahmen einer spiel-ähnlichen Umgebung eine ausgewogene Position zu einem Thema zu entwickeln, mit dem sie zum Teil zuvor nur wenige Berührungspunkte gehabt hatten. Die Ergebnisse verweisen darauf, dass individuelle Vorerfahrungen, aber auch kollektive gesellschaftliche Einstellungen zu bestimmten Technologien eine bedeutende Rolle für die Einschätzung von Nanotechnologien spielen. Die BürgerInnen in unseren Diskussionen entwickelten eine sehr differenzierte Sicht auf verschiedene Anwendungsbereiche der Nanotechnologie. So wird etwa die Nanomedizin mit Ausnahme der technologischen Verbesserung des Menschen fast durchwegs begrüßt und vor allem vor dem Hintergrund einer befürchteten 2-Klassen-Medizin thematisiert. Der Bereich Nano-Essen wurde ungleich kritischer diskutiert. Die Diskussion drehte sich dabei weniger um Risiken, als um Fragen des Zusammenhangs von Essen und kultureller Identität, insbesondere im österreichischen Kontext. Überraschend war, dass die Rolle von Nanotechnologien im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien und Überwachung kaum problematisiert wurde. Generell zeigte sich, dass die Teilnehmenden ihre Positionen in vielschichtigen Abwägungsprozessen entwickelten.In den Interviews mit ForscherInnen war überraschend wie wenig jenseits von Fortschrittserzählungen über gesellschaftliche Aspekte und Auswirkungen der jeweiligen Arbeit nachgedacht wurde - trotz eines dichten Diskurses über die Notwendigkeit einer verstärkten Auseinandersetzung mit Fragen von Wissenschaft und Gesellschaft in der Politik und in anderen vergleichbaren Wissenschaftsfeldern. Dies könnte damit zusammenhängen, dass viele der interviewten ForscherInnen zwar angaben, nanobezogene Forschung zu betreiben, aber selbst keine Nanoforscher zu sein. Stattdessen verorteten sie sich in ihren jeweiligen Ausgangsdisziplinen und sahen daher auch keinen Grund, sich weiter mit den gesellschaftlichen Auswirkungen dieses neuen Feldes auseinanderzusetzen.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 75 Zitationen
- 3 Publikationen
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2018
Titel The Power of Analogies for Imagining and Governing Emerging Technologies DOI 10.1007/s11569-018-0315-z Typ Journal Article Autor Schwarz-Plaschg C Journal NanoEthics Seiten 139-153 Link Publikation -
2010
Titel Leben in Nanowelten: Zur Ko-Produktion von Nano & Gesellschaft. Typ Book Chapter Autor Felt U -
2013
Titel Technology of imagination: a card-based public engagement method for debating emerging technologies DOI 10.1177/1468794112468468 Typ Journal Article Autor Felt U Journal Qualitative Research Seiten 233-251