Landwirtschaftsstile in Österreich (1930er bis 1970er Jahre)
Farming Styles in Austria, 1930s-1970s
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (50%); Wirtschaftswissenschaften (50%)
Keywords
-
Agriculture,
Farming Style,
Austria,
Productivism,
Food Regime,
Agrosystem
Entsprechend dem internationalen und nationalen Forschungsstand sind die allgemeinen Ziele des Projekts, erstens, die fragmentierten Aussagen der Geschichtswissenschaften zur landwirtschaftlichen Transformation im 20. Jahrhundert durch die Übernahme des integrativen und fachübergreifenden Ansatz des Nahrungsregimes zu überwinden und, zweitens, die Strukturlastigkeit der Literatur über Nahrungsregimes durch den Fokus auf die Praxis de involvierten Akteure zu überwinden. Zu diesem Zweck bietet das Konzept der Landwirtschaftsstile - als symbolische Konstruktionen auf individueller und kollektiver Ebene, als verhandelte Strategien in lokalen, regionalen und überregionalen Kontexten sowie als Landwirtschaftspraxis und Betriebssystemen als deren strukturelle Ausdruck - einen heuristischen Rahmen. Mit Hilfe dieses Rahmens wird der Übergang von eher extensiven und diversifizierten Agrarsystemen in de ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu intensivierten und spezialisierten - "produktivistischen" - Agrarsystemen ab den 1950er Jahren aus einer akteurszentrierten Perspektive beforscht. Um die zeitliche und räumliche Vielfalt von Landwirtschaftsstilen zwischen den 1930er und den 1970er Jahren zu erfassen, werden zwei Regionen - eine günstig und eine ungünstig gelegene - ausgewählt. Das Projekt besteht aus drei Modulen: Modul 1 beforscht Wirtschaftsstile als symbolische Konstruktionen auf kollektiver Ebene, wie sie in zeitgenössischen Landwirtschaftszeitungen zum Ausdruck kommen. Modul 2 untersucht Landwirtschaftsstile als Praktiken und Betriebssysteme als deren struktureller Ausdruck durch die statistische Analyse von Serien von Betriebsdaten. Modul 3 befasst sich mit Landwirtschaftsstilen als persönlichen Idealen, die mit anderen individuellen und kollektiven Akteuren vor der Ausführung verhandelt werden; dies erfolgt durch die Durchführung und Interpretation von narrativen Interviews mit ehemaligen Hofbesitzerinnen und - besitzern sowie deren Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Das Projekt möchte einen wesentlichen Beitrag zur new rural history leisten, d.h. zur akteurszentrierten, vergleichenden und längerfristigen Untersuchung ländlicher Gesellschaften und von deren Bezüge zu anderen Bereichen zur naturalen und sozialen Umwelt.
Das Projekt behandelt den Agrarwandel in Österreich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus einer akteursorientierten Perspektive. Dazu dient das soziologische Konzept der farming styles, das die naturale und soziale Einbettung der Landwirtschaft betont. Ein Landwirtschaftsstil wird begriffen als sozio-technisches Netzwerk aus den materiellen, sozialen und symbolischen Elementen eines Agrarsystems. Indem Akteure einem Landwirtschaftsstil folgen, generieren sie Kohärenz im Agrarsystem und Distinktion gegenüber anderen Stilen. Das Projekt umfasst drei Module, die jeweils einen Aspekt von Landwirtschaftsstilen erfassen: Modul I untersucht die Subjektpositionen des Mediendiskurses in einem populären Bauernzeitung in Niederösterreich von den 1950er bis zu den 1980er Jahren; Modul II folgt Entwicklungspfaden im Agrarsystem zweier niederösterreichischer Regionen von 1945 bis 1985; Modul III verbindet die Ergebnisse der vorangegangenen Module durch die Rekonstruktion der Landwirtschaftsstile ausgewählter Familienbetriebe in den Untersuchungsregionen mit Hilfe von Betriebsstatistiken und narrativen Interviews. Die Projektergebnisse erfordern eine Revision der konventionellen Sicht auf den Agrarwandel im Nachkriegsösterreich. Die Kernfrage, die das Projekt zu beantworten suchte, ist warum Bauern von liberalen und sozialistischen Modernisierern seit dem 19. Jahrhundert und der Mainstream-Historiographie rhetorisch zum Tode verurteilt den Agrarwandel der Nachkriegszeit in auffälliger großer Zahl überlebten. Die Projektergebnisse lassen den alltäglichen Überlebenskampf der Akteure (aus lebensweltlicher Sicht) oder die Resilienz ihrer Betriebs-Haushalts-Systeme (aus systemischer Sicht) erkennen. Um die akteursabhängige Resilienz familienbetrieblicher Systeme zu erklären und zu verstehen, müssen zwei Ressourcenflüsse beachtet werden: erstens die externen vor- und nachgelagerten Warenflüsse von und zu den Märkten; zweitens die interne (Re-)Produktion einer selbstkontrollierten Ressourcenbasis. Die Resilienz der familienbetrieblichen Systeme hängt vom Verhältnis dieser Ressourcenflüsse ab: Je mehr die Unterordnung gegenüber Faktor- und Produktmärkten hervortritt, umso mehr wird die Klassendifferenzierung zwischen Akkumulation und Proletarisierung angefacht. Umgekehrt gilt: Je mehr die selbstkontrolliert Ressourcenbasis gestärkt wird, umso mehr können die Familienangehörigen ungünstigen Bedingungen widerstehen. Diese Ressourcenflüsse folgen hybriden, zugleich bäuerlichen und unternehmerischen Landwirtschaftsstilen bäuerlicher Familien, die zugleich Haushalte und Betriebe führen. Auf der einen Seite beziehen sie Technologie und andere waren von faktormärkten und liefern Nahrungsmittel und andere Waren zu Produktmärkten; auf der anderen Seite behalten sie die Marktabhängigkeit im Griff, indem sie ihre selbstkontrollierte Ressourcenbasis erhalten. Diese Kombination von Strategien ermöglicht ihnen, die Balance zwischen Abhängigkeit und Autonomie zu halten.
- Institut für Geschichte des ländlichen Raumes - 100%
- Arnd Bauerkämper, Freie Universität Berlin - Deutschland
- Nadine Vivier, Universite du Maine - Frankreich
- Jan Douwe Van Der Ploeg, Wageningen Univ - Niederlande
- Peter Moser, Archiv für Agrargeschichte - Schweiz
- John Martin, De Montfort University - Vereinigtes Königreich