Karitative katholische Orden in Mitteleuropa 1605-1783
Charitable catholic orders in Central Europe 1605-1783
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (20%); Soziologie (60%)
Keywords
-
Historische Soziologie - historical soci,
Katholische Orden - catholic orders,
Sozialgeschichte - social history,
Frühe Neuzeit - early modern times,
Kulturgeschichte - cultural history,
Mitteleuropa - Central Europe
Das beantragte Forschungsvorhaben stellt ein Nachfolgeprojekt zum FWF-Projekt "Karitative religiöse Orden im frühneuzeitlichen Mitteleuropa" (Nr. P18128-G08) dar. Es soll dessen Ziele weiterverfolgen, und anhand der exemplarischen Untersuchung der Tätigkeit zweier geistlicher Gemeinschaften, der Barmherzigen Brüder (OH) und der Unbeschuhten Trinitarier (OSST), in der Habsburgermonarchie und dem Heiligen Römischen Reich neue Erkenntnisse über die bislang wenig beachtete Bedeutung karitativ orientierter katholischer Ordensgemeinschaften für die Sozial- und Kulturgeschichte des frühneuzeitlichen Mitteleuropa gewinnen. Der im Vorgänger-Projekt vorgesehene Zeitrahmen der Forschungen von zwei Jahren sollte insbesondere deswegen durch ein Nachfolgeprojekt verlängert werden, da im Laufe der Recherchen in den Jahren 2006 und 2007 - insbesondere in einigen ordenseigenen Archiven - weit umfangreichere, relevante Quellenbestände "aufgetaucht" sind, als dies anhand der Vorab-Informationen der zuständigen Ordensmitarbeiter zu erwarten war. So konnten etwa alleine im Archiv des Provinzialats der Barmherzigen Brüder in Wien mehrere Dutzend Kartons mit ausschließlich oder hauptsächlich das 17. und 18. Jh. betreffenden Materialien bearbeitet werden, und im Archiv der Unbeschuhten Trinitarier in Rom eine detaillierte Dokumentation der zeitgenössischen Kommunikation zwischen Ordensleitung und österreichischer Provinz. Von der systematischen Auswertung der erfassten Quellenmaterialien erwarten die Antragsteller Aufschlüsse zu folgenden Forschungsfragen: Wie verfolgten die beiden Ordensorganisationen konkret ihre spezifischen Ziele - die Behandlung von Kranken im Falle des OH, die Befreiung von christlichen Gefangenen aus muslimischen Ländern im Falle des OSST? Welche etwaigen "inoffiziellen" Ziele verfolgten die Ordensleute zugleich noch? Wie waren die Organisationen strukturiert und wie funktionierte die Interaktion einzelner Ordensteile? Wie waren die Orden personell zusammengesetzt, über welche professionellen Qualifikationen mussten ihre Mitglieder verfügen, und welchen spezifischen Normen waren sie unterworfen? Wie interagierten die Ordensgemeinschaften mit anderen - weltlichen und geistlichen -Institutionen? Vor allem: Wie gingen sie mit ihren jeweiligen "Zielgruppen", also den zu heilenden Patienten bzw. den zu befreienden Gefangenen um? Welche professionellen Techniken wurden hierbei angewandt? Welche Personen waren typischerweise "Zielgruppe" der Ordensorganisationen? Gab es bevorzugte bzw. auch exkludierte Personenkategorien? Welche Folgen hatten die Tätigkeiten der Orden für die betroffenen Personen sowie auf gesellschaftlicher Ebene, etwa im Hinblick auf die Frage der "Sozialdisziplinierung"? Wie erfolgreich waren die Ordensgemeinschaften in der Realisierung ihrer Organisationsziele, und welche Bedeutung hatten hierbei soziale Innovationen - im medizinischen bzw. diplomatischen, aber auch im verwaltungstechnischen Bereich - und hierauf bezogene kulturelle Transferleistungen zwischen Süd- und Mitteleuropa? Die hier skizzierten Fragestellungen sollen anhand von Textanalysen eines umfangreichen Bestandes an handschriftlichen sowie publizierten Quellen, sowie, wo möglich, auch mithilfe von quantifizierenden Verfahren verfolgt werden. Letzteres betrifft vor allem die Analysen der sozialen Zusammensetzungen von "Zielgruppen" und Ordensmitgliedern selbst, die Finanzierung der Ordenstätigkeiten und deren spezifische organisationelle Abläufe (die Krankenhausbehandlung bzw. die Gestaltung der Befreiungsunternehmungen). Die Forschungsergebnisse sollen in einigen - auch nicht-deutschsprachigen - Aufsatzpublikationen, sowie insbesondere in Form einer abschließenden Monographie veröffentlicht werden; auch eine Projekt-Homepage zur Ausdehnung der Kommunikation über das Forschungsvorhaben soll betrieben werden.
Das FWF-finanzierte Forschungsprojekt "Karitative katholische Orden in Mitteleuropa 1605-1783", das in den Jahren 2008 bis 2011 von Carlos Watzka und Elisabeth Pauli am Centrum für Sozialforschung der Universität Graz durchgeführt wurde, widmete sich der Untersuchung der praktischen Tätigkeit zweier Ordensgemeinschaften in der Habsburgermonarchie der Frühen Neuzeit, nämlich der Barmherzigen Brüder (Hospitalorden des Heiligen Johannes von Gott) auf der einen, der Trinitarier (Unbeschuhter Orden der Allerheiligsten Dreifaltigkeit von der Erlösung Gefangener) auf der anderen Seite. Diese beiden kirchlichen Kongregationen verbinden einige wichtige Merkmale: Beide bestanden zunächst im romanischen Bereich (Spanien, Frankreich, Italien) und dehnten ihre Niederlassungen und Aktivitäten im Zuge kultureller Transfers seit der so genannten Gegenreformation` im 17. und 18. Jahrhundert auch nach Mitteleuropa aus. Im Unterschied zu anderen katholischen Reformorden`, die vornehmlich in Theologie, Seelsorge und Unterricht aktiv waren und in der damaligen Habsburgermonarchie aufgrund der starken, konfessionell geprägten, politischen und sozialen Spannungen oftmals auf massive und lang anhaltende Ablehnung seitens großer Teile der Bevölkerung stießen, fügten sich diese beiden geistlichen Gemeinschaften an den meisten neuen Standorten nach Kurzem relativ problemlos in das regionale soziale Gefüge ein: Vehement unterstützt vom habsburgischen Herrscherhaus und den nachtridentinischen` katholischen Eliten in Adel und Weltklerus, standen die konkreten Hilfestellungen, welche Barmherzige Brüder und Unbeschuhte Trinitarier in so bedrohlichen Lebenslagen wie schwerer Krankheit, Verletzung oder Gefangennahme durch Nicht-Christen anboten, dennoch jedem - im Hospitalbetrieb zumindest allen männlichen Personen - unabhängig von Stand und sogar Konfessionszugehörigkeit offen. Dabei waren sie kostenlos für die Betroffenen, und ermöglichten so gerade Angehörigen der Unter- und Mittelschichten sonst nicht erreichbare professionelle medizinische Hilfe bzw. Wiedererlangung der persönlichen Freiheit. Auch in ihren konkreten Strukturen stellten die Einrichtungen dieser beiden Orden gerade im mitteleuropäischen Raum - beträchtliche Innovationen dar. Die Hospitäler` der Barmherzigen Brüder waren in vielen Regionen die ersten Anstalten, welche nach Prinzipien moderner Krankenhäuser funktionierten, also vornehmlich der kurzfristigen Behandlung von Akutkranken gewidmet waren, und nicht der dauerhaften Pflege von chronisch kranken und behinderten Menschen, welcher die traditionellen, mittelalterlichen Spitäler vorwiegend dienten. Das Netzwerk der Trinitarier wiederum, die neben Wien vor allem im ungarischen Bereich Niederlassungen einrichteten, war hierzulande die erste große Organisation, welche die komplexe Aufgabe des Freikaufs und Austauschs von Kriegsgefangenen und Verschleppten auf überregionaler Basis dauerhaft und systematisch sowie in enger Kooperation mit staatlichen Behörden betrieb, und so große Erfolge zeitigen konnte.
- Universität Graz - 100%