Religion und Poesie in der Dichtung des Nonnos von Panopolis
Religion and Poetry in the Epic of Nonnus of Panopolis
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (90%)
Keywords
-
Klassische Philologie,
Literaturwissenschaft,
Byzanzforschung,
Spätantike,
Theologie
Die zentralen Anliegen des Projekts, dem die genaue Untersuchung und die Kommentierung ausgewählter Abschnitte aus dem umfangreichen Werk des Nonnos aus Panopolis (5. Jh. n. Chr.), den Epen ,Dionysiaka` und ,Paraphrase` des Johannes-Evangeliums, dienen soll, sind: die Beschreibung der Strategien für die literarische Verarbeitung neuer politischer und sozialer Impulse in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche (Epoche der Völkerwanderung, Spannungsverhältnis Heiden-Christen); eine Untersuchung des kulturellen und intellektuellen Umfelds in einer griechischen Stadt im Osten des römischen Reichs in der Spätantike, besonders der Bildungsvoraussetzungen und Erwartungen des Publikums, das die Vorträge der Gedichte hörte und aufnahm; die Spiegelung des Lebensgefühls in der Literatur dieser Zeit, denn die Form des traditionellen homerischen Epos dient der Darstellung moderner Inhalte; der literarische Diskurs unter Gebildeten in der Spätantike und damit auch die Möglichkeiten für die Rezeption der Dichtung. Es ist davon auszugehen, dass Gebildete, die ihrer griechischen Herkunft und damit der fast mythisch verklärten Zeit des 5. Jh. v. Chr. mit ihrer als klassisch geltenden Literatur verbunden waren, in der Gesellschaft der spätantiken Städte literarische Zirkel bildeten, die der Pflege der als Maßstab empfundenen attischen Literatur gewidmet waren. Mit seiner Dichtung, die alte Formen mit phantastisch erweiterten Inhalten, mit weiter entwickelten mythologischen Geschichten im Gewand des alten Epos verband, erfüllte Nonnos die Erwartungen der Rezipienten und versuchte gleichzeitig, in einer Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit Hoffnung und Halt zu bieten. Mit der Paraphrase des Johannesevangeliums zeigte er, dass in seinem Konzept das Neue in der Form des Alten seinen Platz finden kann.
Nonnos von Panopolis (heute Akhmim) in Ägypten verfasste im 5. Jh. n. Chr., 1300 Jahre nach Homer, das letzte und mit 48 Büchern umfangreichste antike griechische Epos, die Dionysiaka (Geschichten von Dionysos), und er ist zugleich Autor eines Bibelepos, einer Vers-Fassung des Johannes-Evangeliums in Hexametern. Die beiden Dichtungen sind literarische Reflexionen des Lebensgefühls der spätantiken hellenischen Oberschicht im östlichen Mittelmeerraum, in ihnen werden über Jahrhunderte tradierte literarische Darstellungsformen rezipiert und adaptiert sowie mit zeitgenössischen Inhalten und neu gestalteten Mythen kombiniert.Die Aufgabenstellung des Projekts, die poetische Technik und die Wirkabsicht des Dichters zu beschreiben, wurde durch die exemplarische Behandlung ausgewählter Partien des Epos erfüllt. Es wurden dazu Abschnitte gewählt, an denen sich zugleich die Verarbeitung der literarischen Tradition und die poetischen Innovationen durch Nonnos zeigen lassen.Als signifikantes Beispiel für die Behandlung einer mythologischen Geschichte in den Dionysiaka wurde die Ampelos-Erzählung (Buch 10 bis 12) einer eingehenden stilistischen, inhaltlichen und kompositionellen Interpretation unterzogen. Ampelos, der in der griechischen mythologischen Dichtung vor den Dionysiaka eine sehr geringe Bedeutung hatte, wird bei Nonnos zur Schlüsselfigur für das Verständnis des dionysischen Epos. Die Ausgestaltung und Einbettung dieser Figur in bekannte, aber jeweils neu geformte und angeordnete Erzähllinien verankert Poetik und Werk des Dichters im spätantiken Literaturschaffen. Der spätantike Kontext lässt sich insbesondere an der Einarbeitung rhetorischer Techniken sowie am schöpferischen Umgang mit traditionellen antiken Literaturgattungen wie dem homerischen Epos oder hellenistischen Kleindichtungen festmachen. Die Analyse weiterer, aus dem traditionellen Mythos bekannter Figuren sowie literarischer Orte und Landschaften aus der klassischen griechischen Antike zeigt die ausgeprägte Affinität zum Hellenentum und die bewusste Anknüpfung an überkommene Kultur- und Erzählformen.Eine neue und auf die Dionysiaka erstmals angewandte Methode stellen die Untersuchungen der mythologischen Erzählungen unter dem Gesichtspunkt der von Joseph Campbell entwickelten strukturalistischen Interpretationstypen des Monomythos dar. Die erzielten Ergebnisse zeigen, dass Nonnos in höherem Maße als andere Dichter der Antike mit den Grundgegebenheiten der allgemein gültigen Heldenerzählung arbeitet. Weitere Untersuchungen und insbesondere die Einbeziehung der inzwischen weiterentwickelten Methodik sind vorbereitet und sollen in einem Folgeprojekt behandelt werden.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 6 Publikationen
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2013
Titel Ekphrasis im spätantiken Epos. Die Dionysiaka des Nonnos von Panopolis (Ecphrasis in Late antique epic poetry. The Dionysiaca of Nonnus of Panopolis). Typ Journal Article Autor Kröll N -
2011
Titel Der Forschungsbericht: Nonnos von Panopolis. 1. Bericht: Dionysiaka, umfassend im Wesentlichen die Jahre 1980 - 2010 (Nonnus of Panopolis. A survey. First Report, concerning the Dionysiaca 1980 - 2010). Typ Journal Article Autor Aringer N -
2010
Titel Proteus und die Musen. Nonnos von Panopolis, Dionysiaka 1, 1 - 45. Ein Proömium der besonderen Art ('Proteus and the Muses. Nonnus of Panopolis, Dionysiaca 1, 1 - 45. A unique prooemium'). Typ Journal Article Autor Bannert H Journal Wiener Humanistische Blätter -
2012
Titel Kadmos und Typhon als vorausdeutende Figuren in den Dionysiaka. Bemerkungen zur Kompositionskunst des Nonnos (Cadmus and Typhon as Prefiguration of Characters in the Dionysiaca. Some Remarks on the Compositional Technique of Nonnu). Typ Journal Article Autor Aringer N -
2011
Titel Aphrodite am Webstuhl. Das Leukos-Lied in den Dionysiaka des Nonnos von Panopolis (Aphrodite at the Loom. The Song of Leukos in the Dionysiaca of Nonnus of Panopolis). Typ Journal Article Autor Kröll N Journal Wiener Humanistische Blätter -
2013
Titel Schwimmen mit Dionysos. Wasser und Badeszenen als Kompositionselemente in den Dionysiaka des Nonnos von Panopolis (Swimming with Dionysus. ,Water' and ,Bath-scenes' as motive of composition in the Dionysiaca of Nonnos of Panopolis). Typ Journal Article Autor Kröll N