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Das neolithische Landwirtschaftssystem in den Inneralpen

The Neolithic Agricultural Regime in the Inner Alps

Klaus Oeggl (ORCID: 0000-0002-9107-0658)
  • Grant-DOI 10.55776/P21129
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.2008
  • Projektende 31.03.2012
  • Bewilligungssumme 201.564 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Naturwissenschaften (100%)

Keywords

    Neolithic, Copper Age, Transhumance, Alpine Pastural Systems, Agricultural Regime, Archaeobotany

Abstract Endbericht

Der Forschungsstand über inneralpine Landwirtschaftssysteme während des Neolithikums ist schlecht, vor allem wegen des Fehlens von multidisziplinären Untersuchungen unter Einbindung der Archäobotanik und Archäozoologie. Nichtsdestotrotz wurde im Zuge der Forschungen an der neolithischen Gletscherleiche "Ötzi" zahlreiche Fragen bezüglich seiner gesellschaftlichen Stellung aufgeworfen, und heute gilt seine Einbindung in eine lokale saisonale Transhumanz (frühe Almweidewirtschaft) als allgemein anerkannte Ursache für sein Aufsteigen in so große Höhen. Die Existenz einer solchen frühen saisonalen Transhumanz im Neolithikum basiert aber allein auf Pollenanalysen aus der unmittelbaren Umgebung des Fundortes und ist bis heute durch keine archäologischen Funde validiert. Im Gegenteil, jüngste Koprolithenanalysen an über einhundert Kotballen von Ziegenartigen, die aus dem Eis der Eismann-Fundstelle geborgen und auf den Zeitraum zwischen 5400 - 2000 v. Chr. datiert wurden, werfen zusätzliche Zweifel an der Praxis einer solch frühen Almweidewirtschaft in den Alpen auf. Die Analyse dieser Dungproben zeigt, dass alle von Wildtieren (Steinbock oder Gämse) und nicht von Haustieren (Schaf/Ziege) stammen. Darüber hinaus mangelt es auch an palaeoethnobotanischen Studien im Vinschgau sowie im übrigen Südtirol, so dass wenig über neolithische Landwirtschaftssysteme in den Inneralpen bekannt ist. Die Entdeckung kupferzeitlicher Kulturschichten bei Latsch im Vinschgau letzten Jahres mit gut erhalten Knochen-, Getreide- und anderen Pflanzenresten eröffnet neue Möglichkeiten die neolithische Landwirtschaftspraxis im Gebiet, in dem der Eismann lebte, zu untersuchen. Die Schlüsselfragen, die in diesem Forschungsvorhaben beantwortet werden sollen, sind: 1) Gab es zu Lebzeiten des neolithischen Eismannes "Ötzi" eine lokale, saisonale Transhumanz (Almweidewirtschaft), in der die Tiere von den Tallagen des Vinschgaus auf die alpinen Hochweiden nördlich des Alpenhauptkammes getrieben wurden? 2) Welche Kulturpflanzen wurden zu Lebzeiten des Eismannes im Vinschgau angebaut, und wie stimmen diese mit dem Kulturpflanzeninventar, das beim Eismann gefunden wurde, überein? Die Beantwortung dieser Fragen verspricht essentielle neue Kenntnisse und Daten zur spätneolithischen Landwirtschaftspraxis - vor allem zur wenig erforschten Almweidewirtschaft - in den Inneralpen. Des Weiteren liefern die Pollenanalyse mit einer detaillierten Vegetations- und Siedlungsgeschichte des Gebietes südlich des Alpenhauptkammes einen weiteren essentiellen Hintergrund für die Gesamtauswertung des Eismann-Fundes.

Seit der Entdeckung der neolithischen Gletscherleiche "Ötzi" in den Ötztaler Alpen, wird unter Archäologen und Paläoökologen der Beginn der Hochweidenutzung heftig und kontrovers diskutiert. Die Annahme ist jene, dass der vorübergehende Aufenthalt von Ötzi im Hochgebirge mit einer Form der Hochweidenutzung in Zusammenhang steht. Bisher fehlt jedoch jeder archäologische Nachweis einer derartigen frühen Weidenutzung, und die Annahme basiert allein auf erste pollenanalytische Untersuchungen in der Nähe der Ötzi-Fundstelle. Dieser pollenanalytische Nachweis ist jedoch zweideutig, da Pflanzen, die in der alpinen Stufe Weide anzeigen, sowohl auf Beweidung als auch Düngung positiv reagieren. Eine solche Düngung erfolgt bereits durch erosiven Mineralstoffeintrag, daher kann das Auftreten von Pollen von Weidezeigern sowohl Beweidung als auch Klimaschwankungen anzeigen. Wie auch immer, Hochweidewirtschaft ist eine gängige Grünlandnutzung und wesentlicher Teil der Viehwirtschaft in fast allen Gebirgen der Welt. Wirtschaftlich gesehen ist eine solche vertikale saisonale Transhumanz zwar teuer, aber drei Gründe sprechen für diese Landwirtschaftspraxis: i) klimatische (Sommerdürre), ii) ökonomische (Populationsdruck), und iii) kulturelle (Tradition). In dieser interdisziplinären Studie haben wir die beiden ersten Gründe getestet. Dies erfolgte durch 1) archaeobotanische und zoologische Analysen von Pflanzen- und Knochenresten einer kupferzeitlichen Siedlung im Vinschgau, um das Praktizieren von Ackerbau und Viehzucht im inneralpinen Neolithikum materiell nachzuweisen, und 2. durch die Analyse des Blütenstaubs (Pollen) von vier Torfablagerungen, die im Bereich der Waldgrenze entlang der seit dem Mittelalter benutzten Transhumanzroute vom Vinschgau bis zur Eismannfundstelle liegen. Vorrangiges Ziel war, den Beginn der Hochweidenutzung zu erheben. Erstmalig wurde mit archaeobotanischen und zoologischen Analysen von Bodenproben der kupferzeitlichen Siedlung in Latsch der Nachweis erbracht, dass im inneralpinen Raum sowohl Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde. Schaf und Ziege dominierten, die auch heute noch in die alpine Stufe des Untersuchungsgebietes bevorzugt aufgetrieben werden. Kurz zusammengefasst belegen archäologische und archäobotanische Analysen, dass Weide bedingte Vegetationsveränderungen erst ab der Bronzezeit im Untersuchungsgebiet nachzuweisen sind. Neolithische Vorkommen von Weidezeigern in Pollendiagrammen fallen mit Klimavariabilitäten zusammen und konnten trotz des ausführlichen archäologischen Surveys nicht mit irgendeiner Form der Hochweidenutzung in Zusammenhang gebracht werden. Darüber hinaus weisen die spärlichen archäologischen Funde aus dem Talboden des Vinschgaus auf eine geringe Populationsdichte in der Kupferzeit hin, und lassen ökonomische Gründe für eine Hochweidenutzung unwahrscheinlich erscheinen. Der früheste und eindeutige Nachweis für eine Hochweidenutzung fällt in die Bronzezeit, was auch durch archäologische Funde von zwei Opferplätzen an der Waldgrenze eindrucksvoll bestätigt wird. In der Spätbronzezeit nimmt die Intensität der Beweidung ab, während sie in der jüngeren Eisenzeit (Latène) wieder zunimmt. Auch diese Zunahme ist durch den archäologischen Fund einer im Bereich der Waldgrenze gelegenen Almhütte aus dem 3. Jh v. Chr. untermauert.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 67%
  • Universität Innsbruck - 33%

Research Output

  • 94 Zitationen
  • 5 Publikationen
Publikationen
  • 2024
    Titel Mapping a peripheral landscape: The Bronze Age transformation at Schnals Valley (South Tyrol/Italy)
    DOI 10.1177/09596836241254482
    Typ Journal Article
    Autor Putzer A
    Journal The Holocene
    Seiten 1329-1340
  • 2016
    Titel The development of human activity in the high altitudes of the Schnals Valley (South Tyrol/Italy) from the Mesolithic to modern periods
    DOI 10.1016/j.jasrep.2016.01.025
    Typ Journal Article
    Autor Putzer A
    Journal Journal of Archaeological Science: Reports
    Seiten 136-147
  • 2016
    Titel Was the Iceman really a herdsman? The development of a prehistoric pastoral economy in the Schnals Valley
    DOI 10.15184/aqy.2015.185
    Typ Journal Article
    Autor Putzer A
    Journal Antiquity
    Seiten 319-336
  • 2014
    Titel Mid and late Holocene land-use changes in the Ötztal Alps, territory of the Neolithic Iceman “Ötzi”
    DOI 10.1016/j.quaint.2013.07.052
    Typ Journal Article
    Autor Festi D
    Journal Quaternary International
    Seiten 17-33
  • 2011
    Titel The Late Neolithic settlement of Latsch, Vinschgau, northern Italy: subsistence of a settlement contemporary with the Alpine Iceman, and located in his valley of origin
    DOI 10.1007/s00334-011-0308-0
    Typ Journal Article
    Autor Festi D
    Journal Vegetation History and Archaeobotany
    Seiten 367

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